Rüdiger Dannemanns I Shall Be Free No. 10 – „Ein kleines Buch das ein kleines bisschen größenwahnsinnig ist“

von Richard Limbert

Wie bereits in der letzten Key West-Ausgabe mitgeteilt, kam letzten Februar Rüdiger Dannemanns neues Buch I Shall Be Free No. 10. Bob Dylans Songphilosophie heraus. Dannemann hat als Philosoph und Vorsitzender der Internationalen Georg-Lukács-Gesellschaft natürlich einen besonderen Blick auf Dylan und publiziert seit den 90er Jahren bereits regelmäßig zu Dylan. Deshalb lohnt es sich als Key West hier einen tieferen Blick in sein Werk zur Songphilosophie Bob Dylans zu werfen, das im Vorfeld zu Dylans 85. herauskam.

Bob Dylan und die Philosophie seiner Songs in sechs Etappen

Dannemann hat Dylans Werk in sechs Abschnitte geteilt. Eine Zusammenfassung Dylans Werk ist prinzipiell schon einmal eine schwierige Aufgabe. Hier hat Dannemann aber sechs wirklich distinktive Abschnitte finden können und sich dabei am Begriff der Stadien nach Kierkegaard bedient. Einmal die Phase bis zu Newport 1965, dann die Phase bis ca. 1966. Danach kommt der Abschnitte bis zum Ende der Rolling Thunder Revue, gefolgt von der christlichen Gospel-Phase. Die zwei letzten Phasen sind hier die der inneren Leere während der 80er Jahre bis Oh Mercy und schließlich die Selbstfindung seit den 90 Jahren. Dabei nimmt Dylan laut Dannemann auf jeder Stufe eine neue Form der Weltaneignung vor. Und das alles in Dannemanns Worten „in einem bis heute nicht abschließbaren und bis heute nicht abgeschlossenem Projekt der Befreiung“. Und genau das macht Dylans Werk hier auch aus: der stetige Versuch der Befreiung, der sich als roter Faden durch das Buch zieht. Aufgelockert wird dieser Aufbau durch sogenannte Zwischenbetrachtungen, die diese musikgeschichtlich-philosophischen Erklärungen von einer etwas weiteren Perspektive betrachten.

Mir als Musikwissenschaftler und Bob Dylan-Fan hat diese Schreibweise und Darstellung Dylans dabei sehr zugesagt. Die geistesgeschichtliche Portraitierung Dylans ist Danneman in diesem Buch so gut gelungen, wie in kaum einem anderen Dylanbuch. Dabei beschreibt Dannemann Dylan als jemanden der „Geschichtszeichen“ im späten Kant’schen Sinne setzt. Er setzt stilistische Zeichen, die eine Fortentwicklung symbolisieren.

Der Autor Rüdiger Dannemann

Ein Ritt durch die Geschichte des Dylan’schen Songphilosophie nach Dannemann

Ich würde nun gerne verkürzt darstellen, wie Dannemann in I Shall Be Free No. 10 Dylans songphilosophische Entwicklung durchlebt. Dabei gebe ich vor allem auch seine Darstellungen bei seinen öffentlichen Lesungen am 21.3.2026 auf der Leipziger Buchmesse (Video hier: https://www.youtube.com/watch?v=YXNFqc6eO7s) und im BAIZ in Berlin am 21.5.2026 (Video hier: https://www.youtube.com/watch?v=zHHOQvxUK_A) wieder.

Besonders spannend ist, dass Dylan bei seiner Setzung dieser Geschichtszeichen einen Grundstein legt für ein „spezifisches Dylan-Publikum, dem jegliches Schwarmverhalten suspekt ist.“ Als Dylan-Interessierte sind wir da natürlich besonders angesprochen. Der Ort, den Dylan für seine philosophische Entwicklung dabei wählt ist natürlich ausschlaggebend. Dylan bringt alles im Modus des Songs zutage. Er hat dabei „(…) einen festen Ort um Dinge zu thematisieren die wir uns als akademische Philosophen gar nicht anzupacken trauen“, so Dannemann. Dylan habe die Folk Musik im Laufe der 60er Jahre „entgrenzt“, indem er Stücke wie A Hard Rain’s A-Gonna Fall geschrieben hat, die im Folk-Kontext so vorher kaum eine Rolle spielten. Seine Entwicklung in der ersten Hälfte der 60er Jahre ist dabei eine, die auch abseits der sonst gängigen Regeln der Popmusik abläuft.

Die Beschreibung Adornos der Popmusik trifft auf Dylan kaum zu. Auch durch seine Stimme, die ein wichtiger Fakotr in der Kommunikation seiner Songphilosophie ist. Hier nennt Dannemann auch Richard Klein, der schon im Besonderen zu Bob Dylans Singstimme publiziert hat. Klein als einer der wenigen, die sich in seinen Schriften ganz der Singstimme Dylans widmen (und das aus Sicht eines Musikwissenschaftlers, Wagner- und Adorno-Kenners) muss ich übrigens auch unbedingt noch lesen. Die Hörer Dylans seien laut Dannemann eben sind keine typischen Konsumenten von Popmusik. Sie seien durchaus kritisch und wollen immer neues. Aber Themen werden bei Dylan durchaus über Jahrzehnte weiterverfolgt. So natürlich die Freiheit und die Positionierung gegen Trump ist eben genauso existent (wenn auch in anderem Maße als zum Beispiel bei Bruce Springsteen) wie die gegen George W. Bush, Reagan, Nixon oder den Krieg in Vietnam.

Interessant ist Dannemanns Beschreibung der christlichen Gospelphase Dylans. Gerade hierzu hat Thomas Waldherr schließlich auch vor kurzem publiziert. Ab den späten 70er Jahren entfremden sich viele Zuhörer von Dylan eben durch seine Zuwendung zum Christentum. Vor allem unter europäischen Linken und Intellektuellen sei die „(…) Religionskritik ist fester Bestandteil linker Überzeugung“. Seit dem 19. Jahrhundert wurde Religion natürlich immer wieder von Demokratischen Denkern attackiert, nach Ludwig Feuerbach ist die Religion ein emanzipationsverhinderndes Opiat. Religion stellt dabei aber z.B. im globalen Süden oder in den USA einen wichtiger kulturellen Teil des Alltags dar, in den Dylan sich auch einreiht. Aus unserer europäischen Sicht ist Religion oft nur eine Medizin für erniedrigte Beleidigte, aber gerade in den letzten Jahren wurde auch immer wieder herausgearbeitet, dass Regional für unser demokratisches Grundverständnis und Gleichberechtigung als Menschen eine große Rolle spielt. Laut Ernst Bloch gibt es in religiösen Erweckungsbewegungen einen emanzipatorischen Gehalt. Bei Dylan in der Gospelphase nun gibt es utopische Vorstellungen, was für sein Werk neu ist. Eine spannende Bemerkung Dannemanns. Sonst überwiegt bei Dylans Radikalität meist das negierende Moment. Der Gospel-Dylan hält es jedoch für unmöglich so eine Utopie durch politische Mittel zu erlangen. In dieser Schafensphase Dylans hat man beinah erstmalig ein „Sprechen ohne Maske“. Es wird alles sehr direkt. Es ist (so zitiert Dannemann Richard Klein) eine „Arte Povera im Zeichen des Glaubens“. Dylans Gewissheit einer Wiederkehr des Reichs Gottes ist so natürlich zum Scheitern verurteilt.

Buchcover

Danach stürzt er ab den 80er Jahren in ein kreatives Loch. Vergangen sind der Optimismus der 60er und die stabilsierende Gewissheit der christlichen Phase. Eine Orientierungslosigkeit macht sich breit, er findet keine Selbstidentifikation mehr und läuft Gefahr „zum Vermarkter des eigenen Legendenstatus zu werden“. Der Auftritt bei Live Aid 1985 mit Ron Wood und Keith Richards ist besonders desaströs und zeigt schon in welche Richtung die Reise geht. Bei der Aufnahmen zu Michael Jacksons We Are the World im selben Jahr sieht man einen verunsicherten Dylan. Es gibt über Jahre keine neuen Songs mehr aus Dylans feder. Dylan nähert sich einem „hollow man“ an, wie T.S. Elliott bereits 1925 diesen Menschentyp beschrieb. Aus dieser Phase heraus entsteht langsam und nach ausgiebiger Reflexion das Album Oh Mercy, das 1989 erscheint. Die Welterfahrung Dylans ist hier keine von Aufbruch. Es ist radikaler Zweifel. Es gibt nun, um es mit Adorno zu sagen, kein richtiges Leben im Falschen.

1997 dann hat sich Dylan größtenteils freigestrampelt und bringt Time Out of Mind heraus. Hier bündelt er seine bisherige Entwicklung. Aber nicht nach Hegels „Aufhebung aller Widersprüche“, sondern mitsamt aller Widersprüche, es ist schließlich ein „Bekenntnis zur Vielfalt“. Er ist und wird auch in seinen Songs ein „Mann des Scheiterns“, was auch Teil seiner Attraktivität wird.

Schlussfolgerungen aus Dannemanns Buch

Dannemann beschreibt sein Werk bei seinem Vortrag in Berlin schließlich als „ein kleines Buch das ein kleines bisschen größenwahnsinnig ist“, indem es das große Feld der philosophischen Entwicklung Dylans versucht in einem etwas über 100 Seiten starken Buch darzulegen und das ist eine ziemlich gute Bezeichnung.

Schlussendlich sei bei Dannemann die Freiheit für Dylan ein dauernder Kampf, kein fester Zustand. Freiheit ist hier immer ein „reflexiver Befreiungsprozess“, den Dylan wieder und wieder durchmacht. Aber es geht bei Dylans Entwicklung auch um Aufdeckung einer positiven Freiheit, die unter den Bedingungen der Gegenwart noch möglich ist. Es bleibt am Ende keine komplette Verweigerung, kein Nihilismus. Institutionen und Gesetzte werden bei Dylan nun selten als Lösung genannt. Die Traditionslinie der Outlaws schafft Dylan somit auch ab den späten 60er jahren. Dylan reflektiert den Verrat an den Idealen der Unabhängigkeitserklärung. Er durchgehend weniger utopischen Gehalt in seinen Songs. Die Ausnahme ist dabei, wie bereits beschrieben, die Gospelphase. Und dies alles entwickelt sich dazu noch unter einer Kulturindustrie, die auch noch ihre eigenen Regeln hat. Nach Georg Lukács stellt große Kunst stets ein „trotz dem“ dar und Dylan lebt diese voll und ganz.

Dylan gehört für Dannemann in die Kunst der Befreiung. Er stellt „künstlerisch verdichtend den Aufbruch und das Scheitern als Essenz und Atmosphäre des 20. Jahrhundert dar“. Dabei will Dylan trotzdem zeigen, dass die Versuche der Erweiterung der eigenen Selbsterfahrung auch Versuche der Befreiung sind. Also ist Dylans Werk ohne das unmittelbar Biographische nicht denkbar. Dylans Stimme vor allem ist dabei das „Unversöhnliche“, seine Songs die „Feier der momenthaften Transzendierung“. Widerstände kommen dabei oft vor, sind sogar elementar. Ein lineares Fortschreiten wird dadurch für Dylan ein Ding der Unmöglichkeit. Schließlich endet Dannemann mit einer für mich wunderschönen und präzise formulierten Diagnose von Dylans Hörerschaft: „[Dylans Songs] haben Menschen als Adressaten, die noch nicht satt sind und eigentlich nie satt werden.“

Meine Einschätzung des Buches

Für mich ist Rüdiger Dannemanns ein Buch, dass nötig war. So eine kurze und gut destillierte Betrachtung der Philosophie in Dylans Werk ist kein leichtes Unterfangen und auch eben eine Seltenheit. Es erinnert mich vom Schreibstil ein wenig an die Dylan-Werke von Heinrich Detering und hat eine Art auch neue Dylan-Fans anzusprechen. Das wirklich Überzeugende ist für mich dabei eben die Grundlage von Bob Dylans Werk als Versuch des Befreiungsschlags.

Das Buch ist im schönen Taschenformat und bietet einen guten Überblick, wirkt nicht abgehoben und neue Erkenntnisse. Das kleine, etwas größenwahnsinnige Buch kann sich also in den Bücherregalen der deutschen Dylan-Bücher einen guten Platz schaffen, den es dort auch sicher noch lange behalten wird.

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