Auf Tour durch Dylan-Deutschland

Die Lesereise „In The Summertime. Bob Dylan 1981“ war auch eine Reise zur Dylan-Rezeption in Deutschland 2026. Eine Nachlese.

von Thomas Waldherr

Thomas Waldherr in Ravensburg, Foto: Hans Bürkle

Publikumszuspruch

Jede Veranstaltung war gut besucht. Ausverkauftes Haus in Bensheim (PiPaPo-Kellertheater), proppenvolle Räume in Ravensburg (Neuer Kunstverein) und Seeheim-Jugenheim (Buchhandlung Zabel), ordentlich gefüllt in Eisenach mit jeweils zwischen 50 und 60 Personen. Einzig Leipzig fiel mit 30 Personen etwas ab, doch mehr fasst der Mühlkeller auch nicht. Einzig das Ende in Darmstadt (Bessunger Knabenschule) mit fast 170 Personen fiel aus der Reihe, weil die Lesung in das große Bob Dylan-Tribute der Americana-Reihe eingebettet war, das ohnehin eine feste Größe im Darmstädter Kulturkalender darstellt.

Richard Limbert und Thomas Waldherr in Eisenach

Dylan in Ost und West

Das jüngste Publikum war in Leipzig. Und Leipzig ist junge Unistadt und hat zudem eine junge, frische Folkszene. Am ältesten war das Publikum in Eisenach. Zum großen Teil Dylan- und Rock-Veteranen, die schon in der alten DDR Dylan für sich entdeckt hatten. Ein paar waren sogar in Ost-Berlin 1987 dabei. Bei den Veranstaltungen in Eisenach und Leipzig hatten wir extra einen Block über das legendäre Konzert eingebaut. Denn schließlich handelt mein Buch über eine typisch westdeutsche Dylan-Sozialisation. Doch für die Dylan-Fans war das eigentlich gar nicht nötig. Denn Dylans Never Ending Tour begann ja nach dem Zusammenbruch des SED-Staats. Seitdem gibt es so viele gemeinsame Konzerterlebnisse der deutschen Dylan-Fans, dass beim Fachsimpeln über die Konzerte das Ost-Berliner Ereignis lediglich eins von vielen war.

Richard Limbert und Thomas Waldherr in Leipzig

Altersschnitt

Recht gemischt vom Alter her waren die Auditorien in Seeheim-Jugenheim und Ravensburg, doch jünger als 40 war da auch keiner. Die Dylan-Fans sind mit ihrem Idol gealtert und wer ihn schon früh entdeckt hat, ist heute auch schon um die 80 Jahre alt. Das Durchschnittalter war 60+. Aber wie sollte man heute noch neu zu Dylan stoßen? Am Tag seines Geburtstages überraschte uns die Frankfurter Rundschau mit Dylan als Aufmacherbild auf der Titelseite. Man kann davon ausgehen, dass etliche Menschen zum ersten Mal in ihrem Leben Bob Dylan gesehen haben.

Ravensburg: Thomas Waldherr, Günter Ramsauer und Margret Ziesel, Foto: Hans Bürkle

Im Formatradio und in den Fernseh-Kanälen, die mit Krimis, Fußball und Polit-Talk-Shows verstopft sind, kommt Dylan nicht vor. Nur zu runden Geburtstagen oder beim Nobelpreis schafft er es dann in die Tagesthemen oder ins heute-journal, wenn kurz vor Schluss noch der „Kultur-Rausschmeißer“ kommt. Man kann heute aufwachsen, ohne je mit Bob Dylan in Berührung gekommen zu sein.

Das große Bob-Dylan-Tribute in Darmstadt

Kaufverhalten

Das Publikum, das die Veranstaltungen besucht hat, war auch in der Regel auch gut situiert. In Darmstadt, Ravensburg und Seeheim-Jugenheim gingen die meisten Bücher über den Tisch. In Leipzig und Eisenach war das Kaufverhalten zurückhaltender. Finanzielles Ost-West-Gefälle?

Vorbei sind auch die Zeiten der erbitterten Auslegungsdiskurse. Das mag vor 20 Jahren noch eine Rolle gespielt haben, beispielsweise beim großen Frankfurter Dylan-Kongress. Mittlerweile sind die Apologeten eben älter und weiser geworden. Man lässt gerne jedem sein eigenes Dylan-Bild. So wie ich über mein eigenes Dylan-Bild erzählt habe. Man freut sich einfach, dass er noch da ist.

Thomas Waldherr und Michael Moravek in Ravensburg, Foto: Hans Bürkle

Dankbares Publikum

Und dankbar, dass da jemand sich Zeit nimmt und einen Plan hat, und über ihren Lieblingsmusiker Bob Dylan liest und Musiker Dylan-Songs spielen lässt und Tribute-Veranstaltungen durchführt. Tatsächlich könnte die kontinuierliche öffentliche Beschäftigung mit Dylan in der Republik größer sein. Es gibt Dylan-Cover-Bands, die immer mal wieder auftreten, die aber von der Quantität nicht mit Cover-Bands anderer Rock-Größen vergleichbar sind. Es gibt immer mal wieder Theaterstücke, die sich mit Dylan beschäftigen. Und auch immer wieder mal Tribute-Veranstaltungen an den Geburtstagen, hier und da Dylan-Abende, Blogs und Websites von Dylan Enthusiasten.

Thomas Waldherr und Dan Dietrich in Seeheim-Jugenheim

Mein Cowboy Band Blog, den es seit 2009 gibt, ist wohl der am längsten kontinuierlich laufende Dylan-Blog in Deutschland, der in recht hoher Regelmäßigkeit aktualisiert wird. Er ist zumindest der Einzige, der auf expectingrain.com, dem Dylan-Leitmedium im Internet, auftaucht. Zusammen mit Richard Limbert gebe ich seit 2021 dieses Dylan-Magazin heraus, das mindestens dreimal im Jahr erscheint. Ich mache jährlich in Darmstadt (und Bensheim) Dylan-Tributes, immer wieder auch Sonderveranstaltungen (50 Jahre Blood On The Tracks/ Dylan & Lennon) und künftig auch öfters Lesungen. Und weil das Publikum mein Engagement so goutiert und weil das dann einfach auch einen Riesenspaß macht, mache ich weiter, immer weiter.

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