Manfred Maurenbrecher zu Bob Dylans 85.

von Manfred Maurenbrecher

Es war Anfang der Neunziger, als ich auf einem Festival, spätnachts in einer der kleineren Hallen, eine bunt zusammengewürfelte vorderasiatische Band erlebte, einen Familien-Clan, der eine mitreißende Melange aus türkischen, arabischen, kaukasischen Musiken spielte, in der die Soli sich überschnitten, die Schlagwerke sich schoben und provozierten, die Chorstimmen sicher und furchtlos über dem Geschiebe lagen und mit reizvoller Ruhe das Voranschreiten der Musik lenkten. Eigentlich war diese Musik komplett, aber bewegte sich trotzdem wie um ein unsichtbares Loch herum, eine Leerstelle. Als ich genauer hinsah, hockte da tatsächlich eine kleine Gestalt mitten in dem Getriebe, zwischen Dholak und Flöten, jemand, den all die Musiker umschmeichelten, anspielten, zum Mitmachen drängten. Die Gestalt wehrte lange ab, hielt sich sogar mal die Ohren zu, lachte dann auf hässliche Art, erhob sich allmählich, griff sich ein Mikro, ließ einen rauen unpassenden Ton kommen, lachte freundlicher, fing an, sich im Rhythmus zu wiegen – und schließlich sang sie, eine alte Frau, deren Stimme Jahrzehnte weit fort sein konnte, ihr Gesang wie die Fahrt eines Schiffs im Fluss der Chorstimmen und der anderen Instrumente.

Ich dachte in jener Nacht: Das wird die Zukunft von Bob Dylan sein. Er wird sich auf seiner Never Ending Tour irgendwann solch eine Riesenband leisten, die er jedesmal anlaufen lassen wird, bis es ihm passt, in den Klang mit einzusteigen und zwei oder drei seiner unendlich vielen Lieder dazuzugeben. Und wir werden warten, wie viele Viertelstunden es diesmal gedauert hat bis zu dem Einsatz, welche Stücke dann kamen, und was für Lehren wir daraus zu ziehen hätten.

Wie schön, dass es zu dieser Exzentrik nie kam! Stattdessen solch eine Vielfalt von Angeboten des Jubilars – vorneweg sein hochspezialisiertes Grüppchen von Musikern, das dem leiser und in sich gekehrt gewordenen Erzähler in alle Schattierungen seiner Darstellungskraft auf den Bühnen folgt. Und Literaten, die an seinen Worten und Bildern hängen und ihm auch bis in die Nischen von social media nachspüren. Und Galeristen, die von der hingeworfenen Skizze bis zum ausgeleuchteten Sonnenuntergang alles preisen, was es an Bildern da zu bestaunen gibt.

Glückwunsch – DANKE fürs Gewesene und das, was kommt!

MM, Mai 26

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