„In the dark Land of the sun“. Oder: Im dunklen Land der Sonne.

von Mathias Schulze

Ein tropischer Sommer, alle schienen nur noch zu frohlocken, Haut über Haut, Lächeln allerorten. Aber meine Welt lag in Scherben. Liebeskummer vom Keller bis übers Dach, vom Zeh bis ins strähnige Haar. Der Magen gereizt, das Hirn blutig von all den Deutungsexzessen, Ausschläge zierten die Haut, die Beine liefen krumm auf Autopilot, die Seele war zertrampelt, zerlatscht, zerquetscht, in tausend Teile zersprungen. Überall hingen Erinnerungsbilder des Glücks, stetig tropften sie wie Gift in die schlaflosen Nächte. Stille war nicht auszuhalten. Und die Weltgeschichte flüsterte mir ihre Zeilen. „Sometimes the Silence can be like Thunder“, grummelt ein gewisser Bob Dylan in „Love Sick“. Sagte mir jemand. „Ich weine – Meine Träume fallen in die Welt“, schrieb Else Lasker-Schüler. Sagte ich. Aber es war alles so sinnlos! Haltet doch alle die Fresse! Schrie ich lautlos. Das klapprige Fahrrad geleitete mich zum Cospudener See. Tatort: Leipziger Nordstrand. Der musste ja irgendwo hin, dieser kranke Körper. Die Hitze knallte mir auf den alkoholgetrübten Kopf, die Sonnenbrille musste sitzen, der Ausblick war gnadenlos: Knackige beachvolleyballenden Körper und tätowierte Mamas mit rosa Strähnchen im Haar, die vom Jobcenter erzählen. Ächzende Bodybuilder an Kraftstangen und Nymphen im String-Tanga, die davon sprachen, dass sie ihre Eier chillten. Schnatternder Pommes-Trubel und fettiger Bratengeruch. Gott, wie viel Schönheit kann ein Mensch verlieren – ohne schwachsinnig zu werden? Hör Bob Dylan! Hatte ein Freund gesagt. Angehangen hatte er einen ewigen Monolog: Ja, ja, die Bedeutung für die Musikgeschichte, der Literaturnobelpreis, die literarischen Querverweis, die mythologischen Anspielung, die poetischen Menschheitsmetaphern, das Schnorcheln und Flüstern, das Zischen und Peitschen, die Mundharmonika und all die musikalischen Meilensteine. Was sollte ich denn damit? War mir egal! Scheißegal! Interessierte mich nicht! Und diese bescheuerten Therapie-Praxen: Alle überlaufen, da kriegste bis heute keinen Platz mehr. Und dann? Hab ich die Musik doch angemacht. Sonnenbrille, viel zu große Mütze und Kopfhörer am Leipziger Nordstrand. Was für ein Häufchen Elend! Aber maximale Lautstärke. Maximale! Unter den Kopfhörern. Wie heißt dieses Album da? „Time Out of Mind“. Los, anmachen! Über 30 Grad, hektisches Treiben, meine Einsamkeit war besorgniserregend. Und dann? „Standing in the Doorway“! „I’m walking through the summer nights / Jukebox playing low / Yesterday everything was going too fast / Today, it’s moving too slow / I got no place left to turn / I got nothing left to burn / Don’t know if I saw you, if I would kiss you or kill you.“ Nach wenigen Sekunden stand die Welt still, der Sound kam abgehangen tief. Und schön entwurzelnd! Dunkelheit und Tod, eine gespenstische Klangästhetik, Verzweiflungen, Sinnverluste und dann doch so viel Stil, so viel Haltung, so viel Lust und Kraft, im Schmerz einen erhabenen Schritt zu finden. Und alles wurde direkt in die Eingeweide gerumpelt. Während das rosa Strähnchen nach ihrem Jason rief, während sich das aufgepumpten Innenstadt-Testosteron beim Fußball gutgelaunt gegen die Scheinbeine trat, während all die wohlgeformten Brüste vorbeihüpften, fiel ich in ein Zeitloch, legte die Musik meine Seele auf die Wellness-Pritsche. Ein cineastisches Erlebnis für alle Sinne. Nee, nee, nee, ich sage jetzt nichts mehr über die Musik, über dieses gnadenlos präzise Album. Nee, nee, nee, ich zitiere nicht noch einmal neunmalklug. Alles Quatsch! Haben doch schon so viele Experten so viel dazu geschrieben. Nee, nee, nee, soll jeder selbst hören! Soll jeder selbst leiden, soll jeder selbst erlöst werden! Ich weiß nur, dass ich in ein Zeitloch gefallen war. Innere Labyrinthe öffneten sich, das Album gleich zweimal am Nordstrand von vorne bis hinten gehört. Mindestens. Später immer und immer wieder. Ein seliger Ausnahmezustand. Eine Reinigung. Eine religiöse Meditation, die jedes Gotteshaus neidisch werden lässt. Und ein Gefühl der größtmöglichsten Verbundenheit mit dem Homo sapiens – bei gleichzeitiger größtmöglichster Entfernung. „Time Out of Mind“ – alleine hören! Geil! Mein Album des damaligen Sommers. Danach brauchte ich auch keine Therapie mehr. Danach war ich dankbar für den Schmerz. Hatte er mich doch zu Robert Allen Zimmerman geführt. Besser kannst du das nicht nutzen. „Now I’m trying to get to heaven before they close the door“. Danke und herzlichen Glückwunsch an Bob Dylan!

Mathias Schulze, Juni 2026

Hinterlasse einen Kommentar