Auf dem Sprung

von Thomas Waldherr

Der Weg zu Street Legal: Nach dem Ende der Rolling Thunder Review und der besiegelten Scheidung probiert Dylan vieles aus und geht auf Welttournee. Das in dieser Zeit entstandene Album ist allerdings besser als sein Ruf

Street Legal Cover, Quelle: Columbia Records

Nach dem Erfolgsalbum Desire und der rauschenden Rolling Thunder Review war Bob Dylan Mitte der 1970er auf dem zweiten Zenit seiner Karriere. Doch Dylan wäre nicht Dylan wäre dies sorg- und bruchlos lange so geblieben. 1977 wurde die Scheidung von seiner Frau Sara besiegelt. Ein trauriges und belastendes Ende für die Ehe mit der Frau, für die er „Sad Eyed Of The Lowlands“ und „Wedding Song“ geschrieben hatte. Doch es waren nicht irgendwelche amourösen Eskapaden und Seitensprünge Dylans, die dazu führten. Das waren nur die Symptome des Endes einer Beziehung, die nur solange funktionierte, als Dylan seine künstlerische Kreativität und Ruhelosigkeit zugunsten des Lebensmodells „Familie“ gezügelt hatte. Acht Jahre lang war er treusorgender Ehemann und Familienvater in den Catskill Mountains in Upstate New York. Als er wieder „On The Road“ ging mit all den Herausforderungen aber auch den Möglichkeiten, bröckelte und kriselte es in der Ehe.

Wir interessieren uns an dieser Stelle im Folgenden nun nicht in boulevardesker Manier für Dylans Liebschaften, sondern wollen uns ganz getreu unserem Motto, dass die gesellschaftlichen Umstände und persönliche Situationen und nicht göttliche Eingebung die Ausgangspunkte für Kunst sind, auf Bob Dylans persönliche Situation und sein erneutes Eintauchen in die afroamerikanische Kultur als Vorbedingungen für Bob Dylans Album Street Legal beschäftigen. Und wir werden versuchen zu erforschen, inwieweit der Zeithintergrund und die gesellschaftlichen Entwicklungen in den USA der späten 1970er ebenfalls für die Inhalte dieses Albums eine Rolle spielen.

Wir wollen die Betrachtung und Wertung von Street Legal an dieser Stelle auch abtrennen von der sicherlich berechtigten Kritik an Klang und Produktion der Platte. Letzteres gab auch Dylan später zu: „Wir haben eine Woche gebraucht, um ‚Street Legal‘ zu machen. In der nächsten Woche haben wir es abgemischt und die Woche darauf herausgebracht. Wenn wir das nicht so schnell hingekriegt hätten, hätten wir überhaupt keine Platte gemacht, denn wir waren auf dem Sprung, wollten wieder auf Tournee gehen.“

Bob Dylan auf Tournee, 1978, Quelle: Wikimedia commons

Für unsere Einschätzung geht auch Greil Marcus Meinung, dass Street Legal musikalisch lediglich Ideen und Stilelemente anderer Songs und Künstler wiederverwerte, am Thema vorbei. Das ist eigentlich auch unter dem Niveau von Greil Marcus, der natürlich weiß wie typisch das für alle populäre Musik ist und dass das für Dylan typisch ist. Die Frage ist ja gerade die: Was passiert mit den Zutaten nachdem Dylan seine Kochkünste hat spielen lassen? Also was sind die Zutaten und was ist das spezifisch Dylaneske an diesem Album?

Schauen wir uns vorher aber erstmal den gesellschaftlichen Hintergrund der späten 1970er Jahre an.

Krisenjahre: Von Jimmy Carter zu Ronald Reagan

1977 übernimmt Bob Dylans Freund Jimmy Carter die Präsidentschaft. Mit einiger Verzögerung hat die fortschrittliche Entwicklung der USA seit Mitte der 1960er Jahre nun auch ihre formale politische Entsprechung gefunden. Doch von Anfang an zeigt sich: Diese Präsidentschaft steht unter keinem guten Stern und die Konservativen haben längst schon wieder Strategien entwickelt, sich ihre gesellschaftliche und politische Macht zurückzuholen.

Just in diesem Jahr stirbt Elvis Presley und der fundamentalistische Evangelikale Dr. James Dobson gründet die Organisation „Focus on the Family“, die eine der Grundlagen des bis heute andauernden und sich immer weiter zuspitzenden Kulturkampfes in den USA ist. Ebenfalls 1977 legt ein Stromausfall New Ýork für 25 Stunden lahm und sorgt für Unruhen und Plünderungen und legt damit den Fokus auf die ungelösten sozialen Konflikte, die Kriminalität, die Drogenproblematik und die Rassenfrage im Big Apple und auch den anderen Metropolen im restlichen liberalen Nordosten der USA.

Gleichzeitig führten Energie- und Wirtschaftskrise in den USA zu großen Verwerfungen. Die Krise traf vor allem das Schwerindustrierevier in den Staaten Pennsylvania, Ohio, West Virginia, Indiana und Michigan, den sogenannten Rust Belt. Soziale Konflikte führten zu ethnisch motivierten Unruhen. Die konservativen Strategen hatten ihre Themen: Christliches Familienbild, Law und Order und dem als Krieg gegen die Drogen maskierten Kampf gegen die gesellschaftliche Gleichstellung der afroamerikanischen Community. Als dann im November 1979 die Geiselkrise mit dem Iran beginnt, ist Carters Präsidentschaft im Sinkflug. Die Wahlen 1980 gewinnt Ronald Reagan, dessen Politik die USA nachhaltig verändern sollte.

1977 – Dylan arbeitet im Verborgenen

Als im Frühjahr 1976 irgendwo im Mittleren Westen die zweite Rolling Thunder Review endete, war damit auch eine Schaffensperiode Dylans abgeschlossen, die ihn 1974 wieder in die große Öffentlichkeit geführt hatte, die mit den Touren mit The Band und der Rolling Thunder Crew sowie den Alben „Blood On The Tracks“ und „Desire“ künstlerische und kommerzielle Höhepunkte ins Dylans Karriere darstellten.

1977 verlängerten Fleetwood Mac mit „Rumours“ abermals den Hippie-Traum, doch Elvis Presley starb und Dylan zog sich zurück und ordnete sein Leben neu. Elvis‘ Tod und die Scheidung von Sara erschütterten ihn ziemlich. Dylan war in diesem Jahr im Studio und sang ein bisschen bei Leonard Cohens Album „Death Of A Ladies Man“, arbeitete mit Howard Elk an seinem Filmprojekt „Renaldo & Clare“ und schrieb – wie die hervorragende englische Website „Untold Dylan“ herausstellt – sieben Songs:

Changing of the Guards

Is your love in vain?

Senor (Tales of Yankee Power)

No Time to Think

True Love Tends to Forget

We better Talk this Over

Where are you tonight? (Journey through the Dark Heat)

Allesamt sollten sich im folgenden Jahr auf Street Legal wiederfinden. Ganz klar sind Songs wie „We Better Talk This Over“ oder „True Love Tends To Forget“ noch Nachbereitungen der gescheiterten Beziehung mit Sara. Aber „Changing Of The Guards“, „Senor“ und „No Time To Think“ sind allesamt Songs, die zeigen, dass da jemand nach einer Richtung, nach einem Sinn und nach einem Halt sucht. Es geht um Verlust, Krisen, Übergang und es stellt sich vor allem auch die Frage „In welche Richtung gehen wir?“.

Und damit ist Dylan wieder einmal auf der Höhe der Zeit. Die amerikanischen Sixties-Träume sind ausgeträumt. Die kapitalistische, korporatistische US-Gesellschaft ist resilienter gegenüber dem Veränderungswillen als gedacht. Zwar musste Nixon zurücktreten, zwar wurde Carter gewählt. Das linke und liberale Amerika aber wirkt seltsam ausgepowert. Viele flüchten in die Institutionen, andere in politische oder religiöse Sekten. Das konservative Roll Back und Dylans Christianisierung zeichnen sich schon ab. Da liegt was in der Luft. There’s A Slow Train Coming…

Weltttournee 1978

Im Dezember 1977 geht Dylan mit einer großen Band in die Rundown Studios in Santa Monica. Zu Ihr gehören Billy Cross (Lead Guitar), Alan Pasqua (Keyboards), Steven Soles (Rhythm Guitar, Backup Vocals), David Mansfield (Violine & Mandoline), Steve Douglas (Bläser), Jerry Scheff (Bass), Bobbye Hall (Percussion), Ian Wallace (Drums), Helena Springs, Jo Ann Harris und Carolyn Dennis (Background vocals).

Bob Dylan bei einem Konzert seiner Tournee von 1978, Quelle: Wikimedia commons

Er hat sich im Laufe der Proben ganz intensiv mit seinem eigenen Songkatalog beschäftigt und stellt ein Programm zusammen, das alle großen Hits enthält, aber auch Songs umfasst, der er noch nie oder nur selten vorher gespielt hatte. Er arrangiert die Songs so um, dass sie teilweise nur schwer wieder zu erkennen sind. Eine Vorgehensweise, die über die Jahrzehnte zu einem Markenzeichen Dylans werden sollten.

Die Band bringt „Big Band-Sound“ auf die Bühne und erstmals engagiert Dylan Background-Sängerinnen für Live-Konzerte. Die weiße Jo Ann Harris und die beiden Afroamerikanerinnen Carolyn Dennis (später zeitweise Dylans „geheime“ zweite Ehefrau mit der er eine Tochter hat) und Helena Springs. Mit ihr, einer aus Hollywood stammenden afroamerikanischen Backgroundsängerin, beginnt er sich anzufreunden, und schreibt mit ihr im Laufe des Jahres 1978 einige Songs.

Helena Springs, Rechte: Arista Records

Auf der Bühne spielen alle Musiker:innen in eigens designten Bühnen-Outfits. Dylan ist in seinem abgebildet auf Street Legal und im Live-Souvenir-Album „Bob Dylan At Budokan“. Die Häme sollte nicht auf sich warten lassen: „Jetzt macht er auch noch einen auf Elvis!“

Street Legal

Wir müssen Street Legal als Übergangsalbum in einer schwierigen persönlichen Situation verstehen. Es zeichnen sich hier schon neue Richtungen ab.

Street Legal beendete die 1970er-Phase, die vom weißen Folk-Rock geprägt war. Waren „Desire“ und die „Rolling Thunder Revue“ das letzte Aufbäumen von Protest, Beatniks und Love & Peace, so war es aber gleichzeitig auch eine ziemlich weiße Angelegenheit. Kein einziger schwarzer Musiker war dabei, was natürlich auch kein Wunder war, da die Greenwich Village-Folkszene mit Ausnahme von Ritchie Havens, Odetta oder Leon Bibb doch ebenfalls eine überwiegend weiße Community war. Bob Dylan setzte sich nun, Ende der 1970er Jahre erneut mit der schwarzen Kultur auseinander. Mehr dazu in dieser Ausgabe im Artikel zu „New Pony“.

Die Musik auf „Street Legal“ ist daher auch stark von afroamerikanischen Einflüssen geprägt. Adieu weißer Folk-Rock. Die Songs der von April bis Mai 1978 aufgenommenen Platte waren musikalisch von Gospel, Spiritual-Anklängen, von Soul und Blues geprägt. Es ist ein packendes Disco-Soul-Rhythm’n’Blues-Album mit Big Band Sound. Nur wie gesagt, der Sound ist schlecht, weil das Album in der einer mehrwöchigen Tourpause recht hektisch aufgenommen und dann auch passend zur Europatournee in Windeseile in die Plattenläden kam.

Inside Cover von Street Legal, Quelle: Columbia Records

Und doch ist es besser als sein Ruf. Es ist ein Dokument des Übergangs. Dylan hat sich getrennt von Sara, losgelöst aus weißem Folk-Rock und linksliberaler Boheme und ist auf dem Weg in die Religion und in die afroamerikanische Kultur. Teils sind die Stücke noch typisch Dylan mit dichter surrealistischer Poesie (Changing Of The Guards, No Time To Think), teils haben sie schon religiöse Motive der Suche (Senor), teils sind sie schon tief in Hoodoo und schwarzer Bluestradition verortet (New Pony).

Zu dieser Unentschiedenheit passt die hingehuschte, nachlässige Produktion des Albums. Dylan ist nicht nur auf dem Sprung auf den nächsten Tour-Abschnitt, er ist auf dem Sprung in den nächsten Lebensabschnitt. Bald wird er „Saved“ sein…

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