Keine Einflussangst

Klaus Walter sucht nach Dylan-Spuren in der neueren deutschen Popmusik*

von Klaus Walter

Wenn von Dylans Einfluss auf deutschsprachige Musiker die Rede ist, dann fallen die Namen der Wolfgangs: Ambros und Niedecken. Dabei singen die gar nicht auf Deutsch sondern auf Wienerisch und Kölsch, und sie verhalten sich zu Dylan wie strenge Katholiken zum Papst: gutgläubig, devot, bewundernd, affirmativ…

Interessanter sind die Dylan-Spuren dort, wo man sie nicht vermutet. Bei den Goldenen Zitronen zum Beispiel. „Am Tag als Thomas Anders starb“ hatte die Hamburger Band für ein paar Tage in die Tote Hosen-Liga gespült, falsche Freunde inklusive. Ted Gaier erinnert sich:

„Dylans Einfluss auf die Goldenen Zitronen hat mit dem Zeitpunkt zu tun, an dem wir unser Konzept neu überdenken mussten. Wie wir umgehen mit unserer Popularität, die anscheinend bei den falschen Leuten ankommt. Wir wollten Schluss machen mit diesem Funpunk. Dazu der ganze Wahnsinn mit dem Mauerfall und dem Rassismus, der da wieder kam. Also brauchten wir Stücke, die nicht mehr so kurzformatig sind, wir brauchten längere Textstrecken.

Die Idee war, eine Art polemischer Berichterstattung zu machen von den Dingen, die einem auf die Nerven gehen.“ Mit musikalischen Mitteln, die Funpunkfans auf die Nerven gehen, nutzen die Zitronen Dylan als Anstifter zur polemischen politischen Berichterstattung.

Cover zu Christiane Röslingers „Songs Of L. And Hate“ (2010) (Quelle: Staatsakt)

Christiane Rösinger zum Beispiel: „Natürlich hat Dylan der Rockmusik eine zuvor nie dagewesene sprachliche Komplexität gegeben. Keiner kann sich jetzt mehr rausreden, bei Songs wäre der Text nicht so wichtig, oder man könne komplexere Themen nicht behandeln. Er kann halt alles unterbringen: Metaphern, literarische Verweise, Drogenerfahrungen, Insiderwitze, Bibelzitate, ein sich-in-einen-Wahn-reinsingen, wie beim Schreiben der `stream of consciousness´, den es ja angeblich gibt. Die Worte finden sich selber und er steigert sich rein in so einer Lust. Noch´n Wort und noch´n Wort…“ Sie sei kein großer Dylan-Fan, meint die Sängerin von Britta und den Lassie Singers, Neil Young und Leonard Cohen waren wichtiger. Rösinger leidet nicht unter Einflussangst und demonstriert das bei ihrer ersten Soloplatte mit zwei schweren Zeichen. Das Album heißt „Songs Of L. and Hate“, hallo Leonard. Das Cover ist eine Rekonstruktion von „Bringing it all back home“, hallo Bob. Dylan mit Katze und rauchender Frau im roten Kleid vor Kamin, auf Chaiselongue drapiert: Platten von Robert Johnson, Impressions, Lotte Lenya. Auch Rösinger trägt Katze, der Kamin ist ein Klavier, das Chaiselongue eine Couch, die Platten sind von Young, Carambolage und John Cale. Die Frau in Rot ist ein Mann in Rot, Andreas Spechtl, Rösingers musikalischer Partner und Sänger der in einer Berliner WG lebenden Österreicher-Band Ja, Panik. Auch Spechtl kennt, dem Bandnamen zum Trotz, keine Einflussangst. Seiner Jugend zum Trotz kennt er Dylan. »Something is happening but you don´t know what it is, do you, Mr. Jones?«, fragt Dylan in »Ballad of a Thin Man«. »Irgendwas ist da im Gange, du bist nicht sicher, doch du schreibst«, heißt es in »Mr. Jones & Norma Desmond« vom neuen Ja, Panik Album »DMD KIU LIDT« (»Die Manifestation des Kapitalismus in unserem Leben ist die Traurigkeit.«). Norma Desmond ist der von Gloria Swanson gespielte Stummfilmstar in Billy Wilders Melodram »Boulevard der Dämmerung«. In „The Anxiety of Influence“ entwickelt der Literaturwissenschaftler Harold Bloom die These von der Einflussangst. Danach versucht ein Schriftsteller in seinem Streben nach Originalität, sich von Vorbildern und Einflüssen zu lösen. Bloom schlägt den Bogen zum Ödipuskomplex: „Der Dichter versucht, seinen `geistigen Vater´ zu töten.“ (Wikipedia) In puncto Einflussangst hat das Dylanzitat bei Ja, Panik einen doppelten Boden. Neben offensichtlichen Quellen wie Cale und Roxy Music bekommt auch Dylan ein Hello again von den geistigen Enkeln. Als wir über Dylan reden schwärmt Spechtl davon, wie „US-Amerikaner Überschreibungen zulassen. Wenn zum Beispiel ein Sänger dort einen Blues von Robert Johnson nimmt und einen neuen Text darüber singt und diese Zusammenführung als seine eigene gedankliche Leistung deklarieren kann, dann ist das ein wichtiger Moment in amerikanischer Popgeschichte und Kultur. Man nimmt sich halt einfach. Diese Haltung kommt quasi einer Selbstermächtigung gleich.“

Cover von „DMD KIU LIDT“ von Ja, Panik (2010) (Quelle: Staatsakt)

Die Angst vor dem Einfluss der Alten wenden Ja, Panik ins Enthusiastische: »All die Sänger in dir lärmen, es ist ein wahrlich großes Fest.« Ein Fest auch, wie sie dem nahe liegenden Vorwurf trotzen, sich wie Blumfeld einem Dylan-Song anzuverwandeln: Für »Jenseits von Jedem« hatte Jochen Distelmeyer den Zirkus von »Desolation Row« wiederbelebt. Wenn Ja, Panik jetzt Mr. Jones antreten lassen, dann stellen sie sich (selbst)bewußt in die Ahnenreihe der einflussangstfreien Wortklau(b)er Dylan und Distelmeyer, indem sie deren Techniken des Zitierens und Rekontextualisierens variieren. Distelmeyer selbst war weniger begeistert, als ich ihn vor ein paar Jahren nach Dylan fragte.

Die ganze Dylanologen-Industrie, selbsternannte Fachleute, da will er sich raushalten. So wichtig ist Dylan nicht mehr für das, was er macht, sagt Distelmeyer, genervt. Angesprochen auf die offenkundigen Parallelen zwischen „Desolation row“ und „Jenseits von Jedem“ kommt er später selbst auf die Einflussangst zu sprechen.

„Das war Zufall. Da haben mir wahrscheinlich irgendwelche frühkindlichen Jugendprägungen ein Schnippchen geschlagen. Natürlich war ich felsenfest davon überzeugt, dass ich ein Stück über eine Gegend mit so archetypischen Figuren machen wollte. Und dann dachte ich, das kenn´ ich doch irgendwoher! Wer hat das denn schon mal?…und dann, ach nee! Also Dylan schon wieder. Und dann stand ich vor der Wahl, eine Einflussangst gelten zu lassen oder nicht.“

Cover von Blumfelds „Jenseits von Jedem“ (2003) (Quelle: Blumfeld Tonträger GbR)

Distelmeyer kennt die Bloom-Theorie, kennt aber selbst keine Einflussangst: „Davon bin ich immer frei gewesen, ich habe kein Problem damit, wenn Leute sagen, das klingt ja wie so und so und das kommt von da und da.“

Bei Dylan kommt ja vieles von da und da.

Distelmeyer: „`Desolation row´ ist natürlich mitreissend, keine Frage, aber auch da ist man mehr von der Kraft, von der Stärke, vom Atem dieses Typen beeindruckt als von dem, was wirklich passiert. Da ist jemand sehr talentiert, hat aber keine eigene Stimme, sondern ist ein Wegbereiter für das, was man später postmodern nennt. Oder eine das historische Know How verwaltende Sprecherposition. Dylan hat seine Hausaufgaben gemacht, hat den Style drauf, er kann den Woody machen, den Fred Neil, den Van Ronk und ich weiss nicht was. Das kann der alles perfekt imitieren und nachmachen, aber er hat keine eigene Stimme. Er denkt sich eine eigene Stimme aus, findet eine eigene Stimme, einen eigenen Namen. Das ist auch das Interessante an `Chronicles´, das ist ja keine Geschichte über Robert Zimmerman sondern über diese Kunstfigur. Der ist gut in dem, was er macht, sehr talentiert, jung, heiss, ist aber auch in genau den richtigen Momenten Opportunist, weiss sehr genau wann er sich opportunistisch zu verhalten hat.“

Was ist los auf der Dylan-Couch? Schärfer und detaillierter als Christiane Rösinger und Ted Gaier distanziert sich Jochen Distelmeyer von Dylan. Den Einfluss weist er zurück, die Einflussangst weist er von sich. Versucht da „Ein deutscher Dichter“ (Rolling Stone-Cover 20??), seinen `geistigen Vater´ zu töten? So vulgärfreudianisch würde Bloom das deuten.

Vulgärmarxistisch könnte man es klassenanalytisch sehen: Jochen Distelmeyer denkt und dichtet als Solitary Man. Als singulärer Auteur ist er für eine – pardon – bürgerliche Kategorie wie Einflussangst mit ihren Aporien empfänglicher als Christiane und Ted. Die wiederum gar nicht auf die Idee kämen, mit Dylan zu wetteifern. Sie haben mit seinen frühen Sachen Gitarre gelernt, sich via Punk von ihm distanziert und später gemerkt, dass sie den Kram doch nicht ganz loswerden müssen und noch brauchen können. Also können sie ihn wieder integrieren, ohne Angst um die eigene Integrität zu haben. Was wiederum bei Rösinger und den Zitronen leichter geht als bei Distelmeyer und Blumfeld: da steht man nicht so unter Aufsicht der – pardon – bürgerlichen Feuilletons. Der Vorteil einer bürgerlichen Erziehung zur Bildung ist dann wieder: man kann elf Minuten „Desolation row“ besser in fünfzehn Minuten „Jenseits von Jedem“ verwandeln, weil man über mehr kulturelle Ressourcen verfügt. Bei Dylan treten auf: Dr.Filth und seine sexless patients, Einstein verkleidet als Robin Hood, Noah und Ophelia, Ezra Pound und T.S.Eliot, Casanova und das Phantom der Oper, Quasimodo und der blinde Polizeichef. Für ”Desolation Row” erfand der liebe Gott Amphetamine und Halluzinogene. Nicht nur von Umfang und Personal her kann es ”Jenseits von Jedem” mit ”Desolation row” aufnehmen: zu einem orgelnden Folkrockgroove, wie ihn Dylans Bands Mitte der 60er perfektionierten, begegnen wir Pinocchio und Ahab, Cleopatra und Lancelot, Parsifal und Madame Butterfly, und ”Napoleon B. spielt Für Elise Klavier”. Wer da Plagiat schreit hat nichts kapiert.

Also? Dylan hat das Stream of Consciousness-Schreiben nicht erfunden, aber er hat es Massen (von nicht nur Männern) zugänglich und adaptabel gemacht. Der Stream of Consciousness ist nach Dylan ein anderer als vor Dylan, unwiderruflich. Vielleicht meinte Stephen Malkmus von Pavement das, als er vor Jahren sagte: „Dylan fischt Wörter aus dem Fluss der Scheisse.“

*Aktualisierte Fassung eines erstmals 2012 im Rolling Stone veröffentlichten Artikels.

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