In der evangelikalen Falle

Bob Dylans Gospel Years: Das Problem seiner „Born Again“-Phase war nicht der Glaube, das Problem war dessen engstirnige, evangelikale Spielart.

von Thomas Waldherr

Ja, im Nachhinein wird so manches verklärt, man sieht es gleichsam durch den Weichzeichner. Und am Ende eines langen Weges wird so mancher zwischenzeitliche Irrweg als notwendig für die Selbstfindung beschönigt. Im Gesamtwerk des nun bald 80-jährigen Bob Dylan trifft dies besonders auf die sogenannte „Born Again-Phase“ zu. Der, der in den 1960ern noch die Überzeugung „Don’t Follow Leaders, Watch The Parking Meters“ ausgegeben hatte, sang nun „Gotta Serve Somebody“.

Was war geschehen?

Interessanterweise ging es Dylan nicht viel anders als anderen seiner Generation. War man in den 1960er Jahren bei allem abseitigem Wassermann-Geklingel mit der Vorstellung ausgestattet, dass gesellschaftliche Veränderung möglich ist, war Ende der 1970er die Luft raus. Nixon, dann Ford waren die Präsidenten, Jimmie Carter dann der Höhepunkt und schon das Ende der linken Hoffnungen in den USA. Die USA war in einer sozialen und wirtschaftlichen Krise. Bob Dylans Rolling Thunder Revue war das letzte Aufbegehren der Generation von Newport und Woodstock. Die Tour versandete sinnigerweise 1976 im Mittleren Westen, dort wo Amerika besonders konservativ ist. Die Verhältnisse schienen zementiert, wer eben noch kraftvoll gesellschaftskritisch unterwegs war, der flüchtete sich nun eine neue Innerlichkeit. Eine ganze Generation wurde anfällig für Erlösungshoffnung, Guru und Gottgefälligkeit.

Dylan vollzog nach dem vielfältigen, erfolgreichen, durchaus eklektischen Desire-Album von 1976, nun abermals eine Wende in die geheimnisvolle Innerlichkeit. 1977 war das Jahr der Brüche. The Band löste sich auf und Dylan wurde geschieden. „Street Legal“ von 1978 war dann gekennzeichnet von funkig-soulig-gospeligem Rock-Blues. Die Themen waren die Suche nach der Liebe und der Verdruss, wenn das nicht hinhaut. Es ging um Beziehungsprobleme, Trennung, um den Überdruss an der Welt, wie sie ist, und es ging um Orientierungsfragen: Wohin geht die Reise? „Señor, señor, can you tell me where we’re headin‘?“

Dylan auf einem Konzert in Toronto, 1980 (Quelle: Wikimedia Commons)

Für Dylan ging die Reise 1978 erstmal um die Welt. Anfang des Jahres Japan, im Sommer durch Europa, im Herbst durch die USA. Dylan litt unter der Trennung von Sara, litt unter dem Flop seines Filmes „Renaldo & Clara“ und möglicherweise haben ihn auch die Kritik der Presse und die Ausfälle von Teilen des Publikums ihm gegenüber (Deutschland-Halle Berlin) nicht unberührt gelassen. Er war ziemlich am Ende und die letzten Konzerte im Herbst müssen eine Qual für ihn gewesen sein. Als dann bei einem Konzert in Montreal im November 1978 ihm jemand ein silbernes Kreuz auf die Bühne warf, da wurde das für ihn zu einer Art Rettungsanker. Im Gegensatz zu seinen sonstigen Gepflogenheiten hob er es auf und steckte es ein. Ein paar Tage später soll ihm in Arizona in einem Hotelzimmer Jesus erschienen sein. „Jesus legte die Hand auf mich. Es war etwas Körperliches. Ich habe gespürt, wie es über mich kam. Mein ganzer Körper hat gezittert. Die Herrlichkeit Gottes hat mich niedergestreckt und erhoben“, hat er einmal zu seinem Erweckungserlebnis gesagt.

Dylan sucht Halt im Glauben

Dylan war also in einer Krisensituation bereit und empfänglich für Gottes Wort. Dies ist per se nicht problematisch. Das Problem ist, wohin Dylan in dieser Situation gelotst wurde. Unter seinen damaligen Bandkollegen waren einige gottesgläubige Menschen. Es ist jedoch die Schauspielerin Mary Alice Artes, mit der Dylan damals befreundet ist, die Dylan in Kontakt mit der evangelikalen Sekte „Vineyard Fellowship“ bringt. Sie selber ist dort bekehrt worden. Aufgrund der lockeren Umgangsformen – die Gottesdienste sind Entertainment mit Kirchenliedern im Popgewand, die Pastoren äußerlich alles andere als strenge, verkniffene gottesfürchtige Priester – sind sie gerade für Musiker und Schauspieler im sonnigen Kalifornien absolut kompatibel. Es liegt Ende der 1970er Jahre nach dem Erlahmen des gesellschaftlichen Aufbruchs scheinbar in der Luft, spirituelle Erlösung bei Jesus zu finden. Aber: Die Gegenkultur in der Krise führt zur Geisterfahrt in die evangelikale Sackgasse. Denn: „Moralisch sind die Vineyards sehr konservativ. Homosexualität? Ist vom Teufel. Sex vor der Ehe? „Wahre Liebe wartet!“ (Uwe Birnstein, Forever Young, Bob Dylan!, S. 76). Der von den Vineyards praktizierte Glaube ist – so hip auch sein Habitus sein mag – fundamentalistisch-evangelikale, bornierte Engstirnigkeit.

Cover von Dylans Album „Saved“, 1980 (Quelle: Columbia Records)

Bornierte Engstirnigkeit

Und genau da liegt das Problem. Die große humane Stimme Bob Dylan schließt sich einer evangelikalen Gruppe an, die ganz vom apokalyptischen Geist Hal Lindseys durchzogen ist. „Hal Lindsey zeigt wenig Mitgefühl mit all den Opfern der endzeitlichen Katastrophen…ein im Grunde brutaler Gott steht im Mittelpunkt des Fühlens und nicht die leidenden Mitmenschen…“ (Margarete Payer, Hal Lindsey — Bestsellerautor der Apokalyptik, in: Informationsmarktverzerrung durch Fundamentalismus am Beispiel der USA, Stuttgart 2005). Christlicher Zionismus mit Vorfreude auf die Endzeit.

Das hat nichts zu tun mit dem Gott, der Nächstenliebe, der Toleranz, der Frieden, der Mitmenschlichkeit und der Versöhnung predigt. Das hier ist der strenge, strafende Gott, dem man sich unterwerfen muss, dem man dienen muss: „Gotta Serve Somebody“. Das ist rückwärtsgewandt und Anti-Aufklärerisch. Man kann gottesgläubig sein und ein soziales Gewissen haben und den Menschen schon zu Lebzeiten ein besseres Leben bieten wollen und daher auch für politische Veränderungen eintreten (Theologie der Befreiung). Die Vineyards und Lindsey aber mixen Altes Testament, New Age-Apokalyptik und altchristliche Moralvorstellungen zu einem kruden Zeug.

Cover von „Slow Train Coming“, 1979 (Quelle: Columbia Records)

Und genau dieses Zeug predigt Dylan 1979/80 auf der Bühne und es schleicht sich in seine Texte ein. Wer Dylan hier zu Gute hält, dass er mit seinem Erweckungsglauben wieder einmal nur die größtmögliche Provokation gegen den Mainstream seiner bisherigen Anhänger begehen wollte, denen sei gesagt: Dies mag ja sein. Aber in wessen Gesellschaft man sich begibt, das sollte man wissen. Und auch wenn Dylan schwarzen Gospel-Rock spielte und von Afroamerikanerinnen umringt Musik machte – objektiv gesehen unterschieden sich seine Tiraden auf der Bühne nicht von denen, mit denen Republikaner und weiße Evangelikale seit Ronald Reagan immer deckungsgleicher wurden. (Siehe: Gary Gerstle; Radikal gewendet, in: Die Zeit, Nr. 12/2017). Wohin der ganze evangelikale Unfug führt, sehen wir in der heutigen gefährlichen Spaltung der USA.

Doch Dylan bricht wieder aus

Doch Dylan wäre nicht Dylan und wäre heute wohl ein zweifelhafter Sakro-Pop-Held in der evangelikalen Szene, wenn ihm dann nicht doch irgendwann das ganze Gedanken- und Organisationsgebäude der Evangelikalen zu einengend geworden wäre. „Jedenfalls markierte ‚Shot of Love‘ Dylans ‚Wendepunkt‘, die langsame Abkehr von allzu rascher Bekehrung“, wie es Dylan-Kenner Günter Amendt über Dylans 1981er Album schrieb (in: The Never Ending Tour, Hamburg 1991, S. 42).

Denn hier zeigt Dylan endlich nicht mehr die Selbstzufriedenheit und Absolutheit des Finders, sondern den Zweifel und die Zerbrechlichkeit des Suchers. Er sucht den Trost bei Gott. Gott ist seine persönliche Angelegenheit. Dylan will uns hier nicht mehr missionieren. Das spürt man in seinem schönsten christlichen Song „Every Grain Of Sand“. Und das ist allemal besser, als der Duktus „Ich habe Gott gefunden und wenn Du das nicht auch tust, wird es Dir schlecht ergehen“ seiner vorangegangen Platte, und leider auch noch der Hälfte von „Shot Of Love“.

Dylan wendet sich nun wieder anderen Geisteshaltungen zu, scheint sich wieder kritisch mit der Gesellschaft auseinanderzusetzen und entdeckt seine Empathie für die Menschen wieder. Und er ist öfters in der Karibik anzutreffen, weil er dort ein Boot hat. Er saugt Stimmungen und Vorstellungswelt dieser Gegend auf.

Der Poet der Uneindeutigkeit

Mit „Jokerman“, dem ersten Song auf „Infidels“, schafft es Dylan wieder, die verschiedensten Bilder und Denkweisen zusammenzubringen. Denn im „Jokerman“ kann man den Trickster Papa Legba der Vodoo/Hodoo-Tradition ebenso erkennen wie Züge von Ronald Reagan. Passagen surrealer Bildsprache wechseln sich ab mit klaren Beschreibungen der Lage auf den Straßen. Der Dylan der Ambivalenz, der Poet der Uneindeutigkeit ist endlich wieder zurück.

Dass aber auf die evangelikale Periode ein langer Karriereabschnitt der künstlerischen Ziellosigkeit und der seltsam erratischen Kunstproduktion folgte, tut der notwendigen Abkehr von einem falsch verstandenen bornierten Glauben keinen Abbruch und ist wieder ein anderes Thema.

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