
von Fabian Williges
Musik und Mathematik sollen eng miteinander verbunden sein. Wer seinem Kind einen scharfen mathematischen Geist wünscht, sollte die musikalische Früherziehung nicht aus den Augen verlieren. Die Verbindung ist tiefer als das Einzählen zu einem 4/4-Takt. Tatsächlich ist es so tiefgründig, dass es mir als Thema für einen Geburtstagsgruß schon wieder zu ernst ist.
Zahlen schleichen sich aber auch auf andere Weise in unser Liedgut. Sie können Platzhalter für komplexe Bedeutungsnetze sein, so wie der Buchstabe X ein Platzhalter für unendlich viele Zahlen sein kann. Wenn Dolly Parton die Arbeitswelt von 9 to 5 beschreibt, spüren wir die Last in diesen Ziffern, obwohl sie in deutscher Lesart bedeuten, dass sie ihre Mittagspause nicht rausarbeiten musste. Die wilden Freigeister frönten dann eher dem Kult der Route 66, was nicht nur Größen wie Nat King Cole, Chuck Berry und die Rolling Stones besangen. Und nicht zuletzt stand einige Zeit die 99 in Gestalt von Nenas Luftballons für die Sehnsucht nach einem offensichtlich noch nicht erreichten Weltfrieden.
Wie ist das nun bei unserem Jubilar Bob Dylan? Na ja, wie so oft nicht einfach. In einem seiner bekanntesten Songs stellt er vor allem Fragen: „How many roads must a man walk down?“
Interessant an Blowing in the Wind ist, dass Dylan nach konkreten Zahlen fragt; sonst hätte er singen müssen: „How much walking must be done?“ Antwort: „Quite a lot.“ Auf „how many“ ist die Antwort jedoch eine Zahl: „three roads and a half“ oder „about a thousand, I presume“.
Aber diese konkrete Antwort verweigert er uns gleich wieder. Denn diese Antwort weiß ganz allein der Wind. Wenn wir sie erfahren wollen, müssen wir wohl selbst lauschen.
An anderen Stellen ist Bob Dylan sehr freigiebig mit numerischen Informationen. Zu Ehren seines Geburtstages möchte ich eine Reihe von Songs vorstellen bzw. nennen, die Zahlen im Titel haben, ohne eine umfangreiche Textanalyse zu liefern. Die Liste ist auch nicht vollständig, beinhaltet aber, das kann ich versprechen, ausschließlich Songs, die ich von Herzen liebe. Ich ordne sie nach Zahlenwert absteigend wie bei einem Countdown:
Highway 61 Revisited – Der Highway 61 führt aus Minnesota, dem nördlichen Geburtsstaat Robert Zimmermanns, ins südliche Louisiana mit dem berühmt-berüchtigten New Orleans. Er wird auch der Blues-Highway genannt. Auf einer Kreuzung des Highway 61 soll der legendäre Robert Johnson seine Seele dem Teufel vermacht haben, um in die tiefsten Geheimnisse des Gitarre-Spielens eingeweiht zu werden. Da bekommt es doch gleich noch mehr Tiefe, wenn Dylans Song beginnt: „God said to Abraham: ‚Kill me a son!‘“
Rainy Day Women #12 & 35 – In nur einem Take soll dieses schräge Lied aufgenommen worden sein. Angeblich seien zwei Frauen bzw. Mädchen im entsprechenden Alter aus dem Regen ins Studio gekommen. Der Titel hat mit dem Text nicht viel zu tun. Später wurde er zur Kiffer-Hymne, da das Produkt beider Zahlen 420 ergibt, was so viel bedeutet wie: 16:20 Uhr nach der Schule kiffen wir uns die Birne zu. Dieser Zahlencode entstand aber erst 1971, während Songtitel bereits 1966 veröffentlicht wurde.
I Shall be Free No. 10 – 1963 veröffentlichte Dylan einen Song Gleichen Titels ohne Nummer. 1965 sollte dies nun die zehnte geänderte Version sein. Die Versionen #2 bis #9 kenne ich nicht. Mir gefällt das Kurzgedicht, welches er im Song nach Aufforderung vorträgt: Yippee! // I’m a poet, and I know it // Hope I don’t blow it
Seven Days – Zur Veröffentlichung der ersten drei Bootleg-Volumes 1991 lernte die Welt dieses Lied aus dem Jahre 1976 kennen, welches angefüllt ist von einem Leonard-Cohen-Gefühl und -Wording, dass ich es gleich doppelt liebe. Ich habe heute vor allem die Version von Ron Wood im Ohr, die er 1992 zur Feier des 30-jährigen Bühnenjubiläums Bob Dylans vortrug.
Billy 1, Billy 4, Billy 7 – Was bleibt vom Spätwestern Pat Garret & Billy the Kid? Für die meisten ist es Knocking an Heaven’s Door, freilich ohne, dass sie wüssten, dass es aus eben diesem Soundtrack stammte. Mich hatte dieser Hit schon immer etwas gelangweilt. Ich war fasziniert von dieser Billy-Ballade, die im Film in unzähligen Versionen zu hören war. Unzählig ist dabei eine leichte Übertreibung; es sind vor allem die Versionen 1, 4 und 7.
From a Buick 6 – Hier reiht sich Dylan in die lange Schlange von Bluesmusikern, die Liebeslieder für an sich unbelebte Gegenstände geschrieben haben, vor allem für Gitarren, Flugzeuge und Automobile. Der Buick 6 ist ein Sechszylindermotor, der in den stilprägenden 1920er Jahren gefertigt wurde. Beim Schreiben des Textes 1965 hatte Dylan ihn bestimmt noch häufiger sehen können: ein runtergerockter Oldtimer mit Schrotflinte im Gewehrhalter auf einem Schotterweg. Und der Motor klingt ein wenig wie Bo Diddley.
Obviously 5 Believers – Ich habe den Blues von 1966 immer gern gehört, bin aber nie dahintergekommen, wer die fünf Gläubigen sind. Aber in der Zeit hat Dylan einige Texte verfasst, die man unter der Kategorie surrealen Nonsens subsumieren könnte.
4th Time Around – Im Text dieser bizarren Episode zwischen einem Mann und zwei Frauen erhält der Zuhörer keinen Hinweis darauf, was hier zum vierten Mal passiert. Manche meinen, er beschreibe die vierte Nacht mit einer bestimmten Partnerin oder seine vierte „ernsthafte“ Beziehung. Es kann aber auch ein künstlerischer Schlagabtausch zwischen John Lennon und Bob Dylan sein. Wenn man in diese Richtung hört, zeigen sich Parallelen zwischen diesem Song und dem früheren Norwegian Wood.
Positively 4th Street – Die West 4th Street geht durch das Greenwich Village in Manhattan. Dort lebte Dylan zu Beginn seiner Musikerkarriere. Das Lied ist ein genuss- und kraftvoll ausgestreckter Mittelfinger. Bis heute fragt sich die Dylan-Welt, wer da wohl gemeint gewesen sein mag. Viele alte Weggefährten, Musiker und Musikjournalisten sind im Gespräch; sicherlich jemand aus dem Dunstkreis der 4th Street.
Love is just a Four Letter Word – Mir ist keine Aufnahme dieses Liedes von Dylan selbst bekannt. Joan Baez brachte es 1968 als Single heraus. Ich verbinde mit dem Lied zuerst das frühe Erstaunen des Englischlernenden darüber, dass man four letter word nicht wortwörtlich übersetzen sollte, sondern vielmehr mit „unanständiges Wort“, wie es eben viele davon mit vier Buchstaben gibt: Shit und Fuck sind da die Prominentesten neben Love.
Alberta #1, #2, #3 – Selfportrait war ein Album, mit dem ich recht früh in Kontakt kam. Ich muss etwa 14 Jahre alt gewesen sein. Und in diesem Alter konnte ich schon dadurch beeindruckt werden, dass ein Song zu Beginn eines Albums steht und am Ende noch einmal. Und dann noch die beiden Songs Little Sadie und In Search of Little Sadie, um die es hier aber nicht gehen soll. Durch den 10. Teil der Bootleg Series kam dann noch eine dritte Version dieses Traditionals dazu.
Three Angels – Die Zahl Drei ist immer aufgeladen. Im Christentum denkt man zuerst an die Dreifaltigkeit. Im Judentum an die Dreiergruppe junger Männer (oder Engel), in denen Gottes Wirken sichtbar wird, wie beim Besuch bei Abraham und seiner kinderlosen Frau Sarah. Hier sind es Weihnachtsengel; aber mir scheint, dass sie von der Stadtverwaltung aufgestellt wurden und nicht himmlische Erscheinungen sind. Mich erinnert Three Angels an das Gedicht „Weihnachten“ von Max Dauthendey. Davon werde ich vielleicht noch einmal in einem anderen Text erzählen …
One more cup of Coffee – Eines meiner absoluten Lieblingslieder von Bob Dylan. Hier in der kurzen Darstellung kann ich es nur falsch machen. Deshalb trinke ich nur noch schnell eine Tasse Kaffee, bevor ich mich auf den Weg mache. Mein Nummern-in-Songtiteln-Countdown nähert sich ja auch schon dem Ende.
Love Minus Zero / No Limit – Es geht wohl um Dylans Beziehung zu Joan Baez. Die war auch oft etwas unterkühlt. Mathematisch ändert sich nichts, wenn man von etwas nichts abzieht, aber sprachlich ist hier eine Null und ein Minus. Das hat mich immer nachdenklich werden lassen.
Das macht dann: 61+35+12+10+7+7+6+5+4+4+4+4+3+3+2+1+1+1+(-0) = 170
Oh, this doesn’t add up at all.
Or maybe we need one more call.
Two by Two – Das Album Under the Red Sky von 1990 ist allgemein unterbewertet. Es ist seiner damals vierjährigen Tochter Desiree Gabrielle Dennis-Dylan unter dem Pseudonym Gabby Goo Goo gewidmet. Two by Two scheint ein kindlicher Abzählreim zu sein. Der Titel könnte die Rechenaufgabe zweimal zwei meinen und vier ergeben. Es ist aber auch die typische Formulierung für paarweise.
So möchte ich es hier verstehen. Dann kann ich die 170 zu Paaren bündeln, also: 170 / 2 = 85.
Herzlichen Glückwunsch, Bob Dylan!