von Richard Limbert

Was fällt einem alles ein, wenn man an die frühen 60er Jahre in den USA denkt? Oft an politische Spannungen und jugendlicher Protest. All das sollte in den späten 60ern noch an Fahrt gewinnen aber gemischt mit Optimismus waren die Jahre bis 1966 auch Jahre des gemeinsamen Aufbruchs in eine neue Zukunft für viele. Erst später sollten sich diese sozialen Bewegungen zersplittern.
Eine derartige Jugendbewegung mit solch einem Momentum hat es vorher nie gegeben. Elijah Wald beschreibt es in seinem Dylan Goes Electric!-Buch von 2015 als eine Zeit, in der niemand wusste, was aus dieser Bewegung wird. Vielleicht konnte sie wirklich die Welt umkrempeln, klar was das keinem. Die Zeiten waren bedrückend und trotzdem energetisch. Im Oktober 1962 hielt die Welt den Atmen an, die Kubakrise hätte zu einem Atomkrieg führen können. Präsident Kennedy schafft es hier mit diplomatischer Weisheit die Situation nicht heiß werden zu lassen. Aber die Jugendbewegeung ist im vollen Lauf. Ende Juli 1963 spielte Bob Dylan zum ersten mal auf dem Newport Folk Festival, ziemlich genau einen Monat später singt er dann zusammen mit Joan Baez beim March on Washington vor Martin Luther King und hunderttausenden von Menschen, die für gleiche Rechte für Afroamerikaner einstehen. Das Jahr 1963 sollte sowieso das Jahr werden, in dem Dylan seine ersten wirklich großen Konzerte spielt (in einem Text von mir hier zu lesen). Im November 1963 ließen dann mehrere Schüsse in Dallas die Welt erschüttern: Kennedy wird durch zwei von drei Schüssen ermordet. Der junge Präsident war damals ein wichtiger Anlaufpunkt für die Jugendlichen des Landes. Mitunter versprach er einen frischen Wind, neue Hoffnung und einen offeneren Kurs der US-Regierung.
Es ist klar, dass John F. Kennedy in dieser wichtigen Zeit auch einen Einfluss auf die Songwriterinnen und Songwriter der Jugendbewegung hatte. Von Kritik zur Glorifizierung war vieles dabei. Und zwei Stücke waren für mich dabei immer besonders interessant. Bob Dylans A Hard Rain’s A Gonna Fall und Paul Simons The Sound of Silence. Zwei absolute Hymnen ihrer Generation, beide inspiriert von John F. Kennedy. Oder vielleicht doch nicht? Werfen wir einen genaueren Blick auf den Schreibprozess der zwei Folk-Songs.
A Hard Rain’s A Gonna Fall – Der Schreibprozess
Sommer und Herbst 1962: Im bohèmen Leben eines bereits zumindest regional bekannten Bob Dylan in Greenwich Village war einiges los. Er hat vor ein paar Wochen sein Debütalbum bereits und sucht nach mehr. Jetzt fängt er eigentlich erst richtig an eigene Songs zu schreiben. Da wohnt Dylan in der McDougal Street 116 in einer Art Wohngemeinschaft mit anderen Künstlern der Szene und teilt sich eine Schreibmaschine mit Tom Paxton und Hugh Romney, der später als Hippie-Clown Wavy Gravy Bekanntheit erlangen soll. Auf dieser Schreibmaschine schreibt er A Hard Rain’s A Gonna Fall. In überblicksartigen Beschreibungen des Songs wird die Verbindung zu Kubakrise 1962 schnell gezogen. Der politische Beobachter Dylan sieht da einen schweren Regen aus Atombomben, die fallen. Auf den ersten Blick eine klare Assoziation. Doch hier muss man sagen: Das ist so nicht wirklich möglich. Nachweislich hat Dylan den Song am 22. September 1962 bei seinem Konzert in der Carnegie Hall live gespielt, das war knapp einen Monat vor der Kubakrise im Oktober 1962. Im Winter darauf sollte Bob Dylan einen bitterkalten Winter in England erleben. Er macht seine erste Reise ins Vereinigte Königreich um bei einer TV-Produktion eines Theaterstücks aufzutreten. Er kommt zurück und im Mai 1963 steht sein Freewheelin‘ Bob Dylan-Album in den Regalen, das ihn international bekannt machen sollte.

(Bob Dylan beim Konzert am 26.11.1963 in der St. Lawrence University (New York), nur 4 Tage nach dem Attentat auf John F. Kennedy, Quelle: Wikimedia Commons)
Bob Dylans Partnerin zur Zeit der Kubakrise war Suze Rotolo, die zu dem Zeitpunkt befand sie sich seit Frühling gerade in Italien. In Ihrem Buch A Freewheelin‘ Time (2008) beschreibt sie, wie Bob Dylan und sie sich Briefe schreiben. Auch zur Zeit der Kubakrise im Oktober 1962. Da schreibt er Sätze wie „The Maniacs are really going to do it this time“ und dass er, wenn es passieren sollte, am liebsten schnell sterben möchte und nicht durch die Folgen einer schweren Strahlenvergiftung.1 Zum Schluss schreibt er noch „If the world did end that nite, all I wanted was to be with you – And it was impossible cause you’re so far away – And that was why it seemed so hopeless.“2 Und auch wenn der Brief in der Rückschau geschrieben wurde. Die Welt, die im Oktober 1962 den Atem anhielt machte sich auch im Greenwich Village der Folkmusiker bemerkbar. Dave van Ronk spielt an einem der Abend und endet mit einer a-Kapella Version der Internationale voller Pathos. Laut Rotolo war die Folk-Szene und besonders Dylan noch Monatelang von der markerschütternden Angst der großen Bombe geprägt. Bob Dylan schreibt im kalten England diesen Winter Songs wie Masters of War. Selbst Izyy Young, der Leiter des Folklore Center war in Planung ein Songbook über die Atombombe herauszubringen und sprach dafür mehrere Songwriter der Szene an.3 Im November 1963 beschreibt Suze Rotolo dann wie sie gemeinsam mit Bob Dylan unter Schock stand als sie vom Tod John F. Kennedys erfuhren. Sie beschreibt es als „November 22, 1963, was a day that yanked the rug out from under us all in a way that even the Cuban missile crisis of the previous year hadn’t“.4 Als Lee Harvey Oswald dann vor laufender Kamera erschossen wird, sitzen beide mit Rotolos Mitbewohnerin Carla vor dem Fernseher. Erstarrt und toternst. Sie schreibt „Bob barely spoke and could not leave the TV. He was fastened to it.“5 Dieses Erlebnis sollte er über 50 Jahre später in seinem 20-Minuten Song-Epos Murder Most Foul im Detail aufgreifen. Die Regentschaft Kenneyds hat zweifelsohne einen großen Abdruck bei Bob Dylan hinterlassen.
Geschrieben hat Bob Dylan den A Hard Rain’s A Gonna Fall ursprünglich als Gedicht. Es gibt Interview mit Tom Paxton in dem er beschreibt, wie ein noch unsicherer Bob Dylan ihn fragt ob er das etwas ausgeartete Gedicht das er gerade schreibt als Song herausbringen soll. Paxton hat es wohl bejaht und gibt sich seitdem ein wenig mit die Schuld an diesem überlangen Epos der Folk-Musik.6
A Hard Rain’s A Gonna Fall – Die Komposition
Was macht den Song hier kompositorisch aus? Einmal fällt auf, dass der Song harmonisch recht simpel komponiert ist. Wie so oft, braucht Bob Dylan hier nur die drei gängigen harmonischen Stufen I, IV und V. Dabei gibt der erste Teil eine klassisch-folkige I-IV-Kadenz, gefolgt von I-IV-V zu erkennen. Die jeweiligen lyrischen Anhängsel und Aufzählungen („I saw a ..“) sind immer IV-V-I Folgen, die als Ganzschluss immer wieder klassisch auf die Grundtonart zurückführen.
Spannend bei dem Stück ist, dass es in der alten Folk-Gitarren Tradition eines alternativen Tuning gespielt wird. Hier stimmt Bob Dylan die tiefe E-Saite einen Ganzton tiefer um einen waberndes tiefes D zum klingen zu bringen, das als Bordun-Ton dem ganze Stück einen sphärischen, wummernden Hintergund-Ton verleiht. Das Drop-D Tuning hat was. Dazu wird das D als stehender Ton betont, indem Dylan in seinem Voicing auf dem Griffbrett das G-Dur statt mit offener H-Saite mit einem schwingenden D auch im oberen Klangbild spielt. Die IV-V-I-Passagen spielt er dafür in einer Abwandlung die die hohen Töne dieser Akkorde klingen lässt, während der Bass weiter durchwummert. Alles wirklich sehr passend zur prophetischen Message des Songs voller düsterer und mysteriöser Sprachbilder und trotzdem folkig und an alten Traditionen angelehnt.
Auf den Text will ich hier gar nicht so im Detail eingehen, der wurde schon oft analysiert. Im Prinzip stellt hier das lyrische Ich einem Beobachter, einem blue-eyed son, immer wieder die Frage, wo er gewesen sei, was er sehe, höre, wenn er getroffen hat und was er jetzt tun wolle. Die Antworten sind mystisch und symbolisch. Aber eins ist klar: ein harter Regen werde fallen. Ein starkes Bild das ähnlich wie in alten Sagen oder auch der Bibel mysteriöse Bilder der Gegenwart mit albtraumhaften Zukunftsvisionen aus Donner, Blitz und Regen vermischt. Man denkt da fast an Gott, der Noah vor dem Regen warnt und sagt, er soll seine Arche bauen.
The Sound of Silence – Der Schreibprozess
The Sound of Silence wurde wirklich allerspätestens Anfang 1964 geschrieben. Dennoch gibt es da noch viel Nebel in der Musikgeschichte. Ziemlich sicher gab es die Idee schon vorher in Paul Simons Kopf. Laut Art Garfunkel wurde bereits im November 1963 die Melodie geschrieben und Anfang 1964 dann den Text durch Paul Simon. Sehr spannend finde ich die Anmerkung von Marc Eliot in seiner Paul Simon-Biographie Paul Simon : A Life von 1990. Hier schreibt er,:
„there is confusion about when the song was written; some claim it refers to the generation of the John F. Kennedy assassination, with its crowds of people – ten thousand, maybe more – but Kane & Garr [der vorläufige Name von Simon & Garfunkel] sang it Folk City for the first time in September 1963, two months before the horrific events in Dallas“.7
Die Quellen würde ich hier gerne gegen-checken und bin für jeden Hinweis auf das Lineup und Repertoire von Folk City aus der Zeit dankbar. Paul Simon selbst betont in Interview immer wieder, dass die Ermordung Kennedys direkten Einfluss auf die Komposition von The Sound of Silence hatte. Somit platziert Eliot den Song hier schon vor die Ermordung Kennedys. Im Mailverkehr mit Marc Eliot antwortet er mir:
„As I recall (and I don’t have the sources at hand, they are stored elsewhere with all my research), Simon had done several versions of it before he brought it to Columbia, and you know what happened with the original version. In the Village in those days, songs were traded between singers, as easily as chords and borrowed lyrics from each other as well. Dylan takes much of Song for Woody musically from This Land is Your Land, as one example, as did Phil with Power and Glory.“8
Ich denke also, eine handfeste Quelle zum Umstand, dass der Song älter sei als das Attentat auf John F. Kennedy wäre hier ein spannendes Stück Zeitgeschichte.
Laut Homeward Bound (2016), der Paul Simon-Biographie von Peter Ames Carlin, schrieb Simon den Song vielleicht 1963 zwischen seinen England-Besuchen.9 Ende 1963 war Paul Simon in England, und im April 1964 reiste er dann gleich wieder ins Vereinte Königreich. Im März hatte er zwischendrin dann das Simon & Garfunkel-Debütalbum Wednesday Morning, 3 A.M. aufgenommen. Im Oktober 1964 kam es dann raus. Ein straffer Zeitplan eines professionellen Musikers. Paul Simon kam aus einem jüdischen bürgerlichen Musiker-Haushalt und hatte bereits eine kleine Teenager-Karriere als Teenie-Bopper hinter sich, jetzt wurde er Folkie. Er studiert Jura um endlich mal eine vernünftige Karriere machen zu können aber war zu dem Zeitpunkt gerade von einer Findungsreise durch Europa zurück. Besonders in England und Frankreich sammelte er hier viel Erfahrung.
Carlin beschreibt den Schreibprozess in seinem Buch so:
„One evening that fall, Paul took his guitar into the bathroom, locked the door, and turned on the sink’s spigot. The sound of the water soothed him, and kept the music from echoing into every room in the house. Usually he’d switch off the light and sit on the tile floor, the coolness against his haunches, and strum a chord or two to see what came into his mind. Or maybe, on this gloomy night in late 1963, he was more interested in getting things out of his head – the ongoing disaster of law school and the dread that settled over him whenever he thought of giving up. The dismay on his parents‘ faces and then the guild that would surely follow. And then there was everything else in the world. The murder of President Kennedy; fires, bombs, and bullets raining down on civil rights activists in the South. Could he really risk it all on his guitar and the second-rate Dylan songs he was trying to write? He struck an minor chord and followed it down.
Hello darkness my old friend,
I’ve come to talk to you again…”10
Da hat Peter Ames Carlin doch einiges prosaisch psychologisiert, aber der Grundgedanke ist klar: Paul Simon saß zwischen zwei Englandreisen im dunklen Badezimmer und hat in der kirchen-haften Zwischenwelt aus persönlicher Sorgen und Weltschmerz The Sound of Silence aus der Taufe gehoben. Und Simon weiß sofort, was er da in den Händen hält. Auf seiner nächsten Reise nach England spielt er den Song wieder und wieder und präsentiert ihn als sein Magnum Opus. Für ihn ist es eigentlich nur eine Frage der Zeit, bis da erkannt wird, was das für ein Hit-Song ist.

(Leider das einzige rechtefreie Bild, das ich von Paul Simon finden konnte, das einigermaßen ind en zeitlichen Rahmen passt: zwei Jahre nach der Veröffentlichung von The Sound of Silence ist Paul Simon am Flughafen Amsterdam, 1966, Quelle: Joost Evers (Wikimedia Commons))
The Sound of Silence – Die Komposition
Wie spiegelt The Sound of Silence seine Message aber kompositorisch wider? Als Musikstück in moll hat es einen weniger funktionsharmonischen Verlauf als zum Beispiel A Hard Rain’s A Gonna Fall. Viele Stücke in moll arbeiten mit einer Dominante (also Stufe V) in Dur und mit hinzugefügter 7, um den Spannungsmoment durch eine Auflösung zweier Leittöne hervorzurufen, damit man den Grund-Akkord in moll schon antizipiert. The Sound of Silence macht das nicht. Überhaupt gibt es keine Schlusswendung von V auf I in dem Lied. Von seiner Basis wandern die Harmonien über die Dur-Parallelen auf Stufe VII und zurück auf I. An sich in dieses Geschiebe auf die Stufe einen Schritt tiefer und wieder zurück auf den Grund-Akkord so etwas wie eine Dominanten-Charakterisitk dieses Stücks. Das macht den Ablauf starr und ernst, aber auch sphärisch und andächtig. Es ist eben wie Kirchenmusik. Den Rest den Stücks wird aus dem moll-Grundakkord die Dur-Parallele, die dann auf ihre eigene Stufe IV in Dur im Wechsel überleitet um am Ende wieder durch VII zu I zurück auf den Grundakkord zu kommen. Also ein sakrales Herumspielen der Akkorde mit stetiger auf melodiöser Steigerung um am Ende wieder im Grund-Akkord nieder zu gehen.
Ich denke eines der wichtigsten klanglichen Elemente des Songs ist aber das Intro, das schon früh (seit den ersten Aufnahmen) von Paul Simon verwendet wurde. Der Grund-Akkord in moll wird in einem repetitiven Arpeggio gespielt. Hier aber als 9er-Akkord. Also mit einem Akkord-fremden Ton hinzugefügt, der die Identifikation des Akkords als moll nicht klar macht. Der Klang ist nicht greifbar, schwebend und irgendwie hohl. Man fühlt sofort eine gewisse Einsamkeit, eine Einkehr und hat keinen festen Boden unter den Füßen.
Lyrisch will ich hier auch nicht zu sehr ins Detail gehen. Aber Ein Ich-Erzäher beschreibt einen Traum, in dem er in einer Art deprimierter Version der Hölle Menschen sieht, die nicht mehr in der Lage sind zu kommunizieren. Schließlich deutet ein Schild darauf hin, dass die Worte der Propheten auf den Mauern der U-Bahn geschrieben stehen. Also eine Beschreibung einer Vision, die Bilder aus Hieronymus Bosch-Gemälden hervorruft und schlussendlich in eine Botschaft mündet, die typisch ist für die frühen 60er Jahre: die, die wirklich was bewegen sind die, die den Alltag im kleinen gestalten. Auch hier wird es mystisch, es bleibt aber weitaus geradliniger als bei Bob Dylan.
Was verbindet und trennt beide Songs nun?
Diese Beiden Songs beschreiben die Welt der Kennedy-Ära der jungen Folkies. Der eine ist eine Reflexion über die Angst, die im kalten Krieg auch die Coffeehouses von Greenwich Village erfüllte, der andere beschreibt die Einsamkeit nach Rückschlägen in der Bürgerrechtsbewegung und der Ermordung John F. Kennedys. Geschrieben wurden sie knapp in einem Jahr Abstand. Den Winter 1962/63 und den Winter 1963/64 trennt eine mit Aufbruch und Sorge erfüllte Zeit für viele junge Musiker in New York. Beides sind aber auch Songs, die eigentlich erst in der Rückschau klaren historischen Ereignissen zugeteilt wurden. Bei Paul Simon kann es sein, dass er vor dem Attentat geschrieben wurde. A Hard Rain’s A Gonna Fall wurde aber sicher vor der Kuba Krise aufgeführt. Es geht in beiden Songs eben nicht um historische Fakten, es geht um das Gefühl drumherum. Und das kann Musik eben sehr gut, auch abseits von politischen Ereignissen. Die Ereignisse der Weltgeschichte braucht es aber eben trotzdem, um die Stücke wirklich zu verstehen.
Von der Komposition her sind diese beiden Stücke durchaus unterschiedlich, auch wenn sie aus der Folk-Szene von Greenwich Village stammen. Bob Dylan bedient sich mehr klaren Formen des Folk und Country um seinen Song zeitloser klingen zu lassen. Paul Simon ist hier technisch vielleicht der vielseitigere Musiker, indem er die Akkorde eher nach dem Vorbild anderer Genres kombiniert und klassische und kirchliche Einflüsse zeigt. Es ist kein Wunder, dass kurz vor der Komposition von The Sound of Silence Simon & Garfunkel an ihrem eigenen Arrangement des kirchlichen Renaissance-Chorals Benedictus von Orlando di Lasso arbeiteten. Bob Dylan hat hier aber, wie so oft, in seinem Erzählstil eine noch größere Mystik und gleichzeitig eine unfassbare Klarheit. Es gibt Fragen und Antworten, Bilder aus der Bibel und der Beatnik-Literatur der 50er Jahre. Paul Simon bleibt eher wage und alleingelassen in seinem Text.
Dazu arbeitet Bob Dylan nach Mustern von Storytelling, das sich oft in alten Balladen wie denen Anfang des 20. Jahrhunder von John Lomax und Harry Smith in den USA gesammelt wiederfinden. Eine Art surrealer Textgestaltung, die vielleicht aus schlechten Übersetzungen oder falsch gemerkten Zeilen stammt. Auf jeden Fall ist eine starke Wurzel hier aber auch noch älteres literarisches Material. Es ist also quasi Psychedelich Folk bevor es Psychedelic Folk gab.

(John F. Kennedy 1961, Quelle: Wikimedia Commons)
Schlussendlich hat John F. Kennedy als junger und politisch progressiver Präsentiert vieles in der noch geeinten Jugendbewegung der frühen 60er Jahre ausgelöst. Gerade solche Songs, die wirklich für eine ganze Generation gesprochen haben gab es eigentlich in der Stärke nur bis in die 60er Jahre. Ein Gefühl von Machtlosigkeit, Einsamkeit und Pessimismus trifft hier auch Self-Empowerment, Gruppenzugehörigkeit und Optimismus. Mit der Zersplitterung der Jugendbewegungen der 60er Jahre ließ die Schlagkraft der Bewegung schließlich nach. Kennedy stand hier jedoch viel mehr als seine Nachfolger Lyndon B. Johnson und erst recht Richard Nixon für ein gemeinsames Lebensgefühl und einen gemeinsamen Aufbruch.
1 Rotolo, Suze (2008). A Freewheelin‘ Time: A Memoir of Greenwich Village in the Sixties, Broadway, S.194.
2 Ebd., S.195.
3 Ebd., S.199f.
4 Ebd., S.260.
5 Ebd., S.261.
6 Zum Beispiel hier im Interview vom November 2000: https://www.youtube.com/watch?v=I0tUDFpSgUw
7 Eliot, Marc (1990). Paul Simon: A Life. Wiley, S.39f.
8 Mailverkehr mit Marc Eliot vom 3.2.2025.
9 Ames Carlin, Peter (2016). Homeward Bound: The Life of Paul Simon. Constable, S.80.
10 Ebd.
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