Whiskey-Test: Heaven’s Door Tennessee Bourbon

oder:

Mama, take this badge off of me…

von Richard Limbert

Bob Dylan und sein Whiskey

Hat Ihnen ein Whiskey schon mal etwas gesagt? Manch ein Whiskey erzählt eine ganze Geschichte, manch einer erzählt immer das gleiche und manch ein anderer schweigt ganz und gar. 2018 brachte Bob Dylan seinen Whiskey Heaven’s Door heraus und wer weiß, was der zu erzählen hat? Nach geschweißten Metall-Toren und einem Weihnachtsalbum kommt also auch das: ein eigener Whiskey . Ganz US-amerikanisch lässt Dylan die Getreidespirituose im Country-Musik Zentrum Nashville/Tennessee herstellen. Country und Whiskey , amerikanischer geht es wohl kaum. Und Dylan selbst scheint völlig begeistert von seinem Whiskey zu sein: „I wanted to create a collection of American Whiskeys that, in their own way, tell a story. I’ve been traveling for decades, and I’ve been able to try some of the best whiskey spirits that the world has to offer. This is great whiskey.” schreibt er lobend auf der Seite zu Heaven’s Door. Den Whiskey gibt es regulär als Straight Bourbon, Double Barrel und Rye und kostet zwischen 50€ und 70€. Lohnt sich der Kauf oder zahlt man hier nur für den Namen des musikalischen Vaters? Finden wir es heraus.

(Quelle: Heaven’s Door Whiskey)

Das erste Problem zeigt sich in meinem Selbsttest sofort: Ich bin bei weitem kein Whiskey-Kenner. Natürlich genehmige ich mir einmal im Jahr ein Glas auf einer Leipziger WG-Party, aber Ahnung von hartem Alkohol kann man einem Richard Limbert wohl kaum attestieren. Deshalb habe ich mir mächtige Freunde an Land gezogen: Simon Dahl, bereits bekannt ist für die Key West Leserschaft als Autor einer einmaligen Konzertbeschreibung in unserer ersten Ausgabe, ist auch ein Genießer des goldenen Getreideschnapses. Neben seiner Tätigkeit als Gitarrist, Mandolinist, Geiger und Sänger des in gewissen Teilen Deutschlands mittlerweile legendär gewordenen Bluegrass-Trios Helmet Duty hat er sich durch seine Reisen durch die Provinzstädte Deutschlands in fast jeder Bar nördlich des Rio Grande schon einen Whiskey hinter die Knorpel gegossen. Dazu wurde Kevin Schmidt als dritter im Bunde in meine Whiskeytest-Zentrale geladen, der Teil zwei von Helmet Duty darstellt und in der Formation Banjo spielt (und gelegentlich auch singt). Bekennender Nichtraucher und Whiskeytrinker Schmidt ist gemeinsam mit Simon Dahl schon durch alle Bars Berlins gekrochen, nur um den besten Whiskey der Stadt zu finden. Also um es kurz zu machen: wenn jemand sich mit Whiskey auskennt, dann diese beiden Herren!

Der Test, ein Stück in mehreren Akten

Der Abend beginnt: Wir verabreden uns, um den Heaven’s Door Tennessee Bourbon zu verköstigen. Simon Dahl klingelt an diesem kalten Dezemberabend als erster an meiner Lindenauer WG-Tür. Er trägt einen warmen, wolligen Wintermantel und will erst mal eine starken Kaffee. Die Filterkaffeemaschine läuft noch durch, während meine kleine Sammlung an Whiskeygläsern bestaunt wird die ich besitze, ohne wirklich Whiskey zu trinken. Wir gehen in mein Zimmer und beginnen die Szene auf der Couch sitzend. Ich mache mein Zoom-Aufnahmegerät an.

(Stillleben vom Whiskey-Test)

Dahl kommt nicht umhin sofort den Text auf der Rückseite der Flasche zu lesen: Our Tennessee Straight Bourbon Whiskey is exceptional by all measures: smooth and lasting with notes of baking spices and..:“

Kevin Schmidt: Die Farbe geht auf jeden Fall auch ein bisschen ins Rötliche.

Simon Dahl staunt beim lesen: „…lays of vanilla or a bed of taosted oak!“

(Ein paar Medaillen auf der Flasche werden angeschaut.)

Ich: Ich muss zur Einführung gleich sagen, ich kenne mich mit Whiskey so wenig aus, dass es mir schon fast Leidtut! Meine erste Whiskey -Erfahrung hatte ich mit Jim Bean. Dann gab’s mal hier nen Jackie, mal da nen Jackie und habe im Urlaub in Irland mal einen etwas hochwertigeren Irish Whiskey kosten können, das war’s dann. Ich könnte im Blindtest einen Irish Whiskey von einem Bourbon gar nicht unterscheiden.

Schmidt: Ist auch nicht so leicht.

Simon Dahl: Deshalb ist das auch gut, das im Vorfeld zu wissen

Schmidt: Mit Jim Beam hast du damals nicht so viel falsch gemacht, mit Jack Daniels hingegen schon.

Ich muss daraufhin ein kurzes Referat über die Geschichte des Whiskeys halten. Dieses Vorhaben entwickelt sich schnell zum Referat über New Yorker Folk Musiker in Nashville. Schmidt und Dahl schauen sich das beigelegte Heftchen zum Whiskey an.

Dahl: Ich finde auch das Bild hier toll, wo er in seiner Bibliothek sitzt mit seinem schönen Anzug. Also, hat schon Stil, muss ich sagen!

Schmidt: Wirkt nun ein bisschen gestellt. Ich weiß nicht ob Dylan regelmäßig mit Anzug und Fliege in einer viktorianischen Villa in seiner Bibliothek im Ledersessel sitzend in einem Buch schmökert. Aber ich kenne ihn auch nicht persönlich.

Dahl: …eigentlich ein bisschen schade, nich?

(Quelle: Heaven’s Door Whiskey)

Aus der Küche piept es. Der Kaffee für Simon Dahl ist fertig. Gerne auch mit Milch und bisschen Zucker.

Nun geht es ans Eingemachte. Erst wird die Plastikkappe der Heaven’s Door Flasche geöffnet.

Dahl (kommentiert für das Aufnahmegerät): Ganz vorsichtig nimmt der Herr Limbert die Plastikumschalung des Korkens ab.

Der Korken knarscht.

Erster Geruchseindruck: riecht für mich wie normaler Whiskey. Der Korken scheint ein Kunstkorken zu sein.

Schmidt: Riecht fast schon cremig.

Dahl: Ist, wie wir wissen, immer schwer zu sagen was man im Glas hat, aber auf den ersten Riecher wie ein klassischer Bourbon.

Ich: Im Vergleich zu günstigem Whiskey ist der wenig chemisch oder beißend.

Schmidt: Ich habe hier eine leichte Schärfe in der Nase. Dazu rieche ich eine gewissen Kräuterigkeit, Salzigkeit. Insgesamt eine leichte Leimigkeit.

Dahl: Ein Nasenloch riecht aber immer besser als das andere!

Ich frage ob wir den ersten Schluck machen sollen.

Alle: Prost!

Dahl: An dieser Stelle noch vielen Dank an Herrn Limbert für die Einladung. Bin gespannt!

Andächtige Stille. Alle schmecken erst einmal in sich hinein…

Schmidt: Hab mich erst mal verschluckt, als erste Amtshandlung.

Ich: Den Whiskey finde ich ein bisschen süßlich, aber nicht wirklich süß und nett. Kein auf den ersten Blick freundlicher Whiskey.

Schmidt: Ist nicht super gefällig

Dahl: gefällig ist ein schönes Wort… Man könnte fast sagen, ein bisschen grantig.

Ich: ja ja…. wie Bob Dylan selbst.

Dahl: Wie Bob Dylans Stimme. Genau.

Ich: Wenn man diesen Whiskey trinkt, fängt man fast an, selber so zu singen, wie Bob Dylan (fange an zu singen)

Dahl: na, das machen wir jetzt nicht.. tschuldigung aber alles hat seine Grenzen

Später:

Schmidt: Ich assoziiere hier schon dunkle Noten.

Dahl: hmmmm

Schmidt: Schokolade, Kaffee, oder sowas….

Ich: Zumindest, also laut offiziellem Booklet, steht hier dass Schokolade gut zum Whiskey passt.

Dahl: Ich hatte gerade eben – zu dem was du gesagt hast Kevin – so irgendwie so das Salzige im Mund. Irgendwie geht das in so ne Schottische Richtung.

Schmidt: Stimmt… der Mais kommt hier stark durch.

Dahl: Ja!

Ich: Ich finde auch, dass der durchaus lange nach-schmeckt. Der ist nicht schnell weg.

Später:

Dahl: Hmmm. also ich weiß es ist gefährlich dieses Wort in den Mund zu nehmen, Aber es hat wirklich auch was Rauchiges!

Schmidt: Stimmt. So ne alte, getoastete Eiche ist mit drin, die ist sehr stark. Ich nehme meine anfängliche Skepsis beim Anblick der Zuckercouleur wieder zurück! Also es ist ein guter Bourbon.

Nach einer weiteren Trinkpause:

Schmidt: Also ich bin schon der Meinung, dass es für einen Bourbon schon ein sehr komplexes Getränk ist. Mit dieser Salzigkeit, der Rauchigkeit…. Das ist nicht normal…

Ich: Das mit der Salzigkeit stimmt eigentlich. Da du es sagst: das was ich anfangs als eher beißend wahrgenommen habe, ist am Ende eher eine Salzigkeit. Man muss sagen: es ist ein Whiskey mit Charakter.

Dahl: Definitiv!

Ich: Man muss ihn nicht mögen, denke ich auch.

Dahl: Ja. Er ist eher kräftig. Was aus meiner Sicht auch eher Bourbon untypisch ist. Nach meiner Erfahrung sind Bourbons meistens wirklich sehr gefällig. Also fast schon süßlich. Also natürlich neben so einer gewissen Alkoholschärfe, klar! Aber das hier ist irgendwie sowas komplett anderes. Das überrascht mich schon auch.

(Quelle: Heaven’s Door Whiskey)

(Ich zitiere Bob Dylan als Vergleich und seine bereits zitierte einung zum Heaven’s Door Whiskey auf der Internetseite)

Ich: Bob Dylan: jemand der in seinem Leben schon sehr viel Whiskey getrunken hat!

Dahl nach einer Pause: Also puhh….

Das Gespräch schwankt zu den liebsten YouTube Whiskey-Testern von Dahl und Schmidt. Ich komme auf meine geheime Liebe der YouTube Malzbier-Tester zu sprechen. Wir beginnen in meinem Zimmer zu rauchen.

Dahl: Auch das ist ne Sache die man machen kann: Zigarette rauchen und Bourbon trinken.

Ich: Aber verfälscht das nicht den Geschmack?

Dahl: Natürlich! Man sollte das vielleicht aber auch als Geschmacksmodifizierung sehen.

Dahl (nachdem er sich die Zigarette angesteckt hat): Ich finde auch, bei dem Whiskey hält der Geschmack gar nicht, was die Nase verspricht. Die Nase sagt ganz klar: voll Bourbon! Dann nehm ich da so nen Schluck von und denke mir „Boah was ist das? Das ist doch kein Bourbon!“

Ich: Ich finde er schmeckt ein bisschen spitzer als er riecht.

Dahl: Es ist total abgefahren. Ein faszinierender Tropfen.

Ich: Kennt ihr den Song Moonshiner? Ein alter irischer Folksong der von Dylan auch dramatisch abgeändert wurde. Die Moonshine Kultur ist bei Dylan auf jeden Fall da. Ich glaube, der Whiskey schmeckt auch ein bisschen wie Moonshine.

Dahl: Ich finde auch toll, dass gerade bei Dylan Bootleg so zwei Bedeutungen haben kann.

Ich: Die Bootleg-Kultur ist ohne Bob Dylan gar nicht zu denken.

Ich erinnere mich an ein Bob Dylan Bootleg, das ich mir 2011 in Dublin auf Platte gekauft habe. Live 1975 in Boston. Rolling Thunder Revue. Gibt es auf der Welt analog nur hundert mal. Ich suche danach aber finde die Platte nicht.

Wir unterhalten uns über unsere Erfahrungen mit Bootleg-Aufnahmen. Simon hat auf Metallica-Konzerten in den 90er Jahren damals zwielichtige Kassetten mit Konzertmitschnitten gekauft. Ich erzähle wie ich mit den Bootleg-Aufnahmen der Rolling Thunder Revue quasi aufgewachsen bin.

Dahl: Gerade bei Rolling Thunder: Wenn Dylan selbst sagt, dass er mit dem Whiskey eine Geschichte erzählen will, kann man ja gleich selbst damit anfangen.

Ich: Was für eine Geschichte fällt einem selbst zum Whiskey ein?

Dahl: Ein bisschen rough auf jeden Fall. und dann zusammen mit dem Namen „Heaven’s Door“. Will er uns also sagen… der Weg in den Himmel ist… scharf und salzig?

Ich: Das mit den Toren passt auch, weil Dylan ja in seiner Freizeit selbst gerne Tore schweißt. Dazu passt auch, dieses Buch zu Bob Dylans 60. Geburtstag, dass ich mir als Teenager richtig oft aus unserer Stadtbibliothek ausgeliehen habe…

Dahl: Hahaha.. Ich liebe ja dieses Zitat auf der Rückseite: Everyone who expects anything from me, is a borderline case!

Ich: … und mein Lesezeichen ist meine Eintrittskarte zum Empire State Building von 2016. Ich träume bis heute noch einmal die Woche davon, dass ich da mit dem Fahrstuhl hochfahre.

Wir kommen wieder ins Quatschen über New York, Aufsätze über Bob Dylan und dem Schreiben politischer Songs.

Dahl zu Schmidt: Willst du noch Whiskey?

Schmidt: Joa, nen Schluck nehm ich gern noch.

Ich: Es ist ein guter stilistischer Zug von Bob Dylan, seinen Songs live so interaktiv zu gestalten. Er macht ja viele alternative Versionen seiner eigenen Songs auf der Bühne erst lebendig.

Dahl: Das finde ich auch gar nicht schlecht. Ich mag das Werk von Bob Dylan ja nicht im speziellen, aber es ist erstens schwer eine gute alternative Versionen eines eigenen Songs zu schreiben, zweitens ist das auch eine gute Haltung für Livekonzerte, dazu zu stehen: Friss oder stirb. Das verlangt Respekt.

Schmidt: Ich behaupte, ein wenig Kirsche zu riechen.

Dahl: Kirsche!

Ich: In den Online-Rezensionen stand auch drin, der Whiskey wäre fruchtig, viel Vanille und Honig. Habe ich so bisher gar nicht geschmeckt.

Schmidt: Jetzt schmecke ich aber plötzlich die Kirsche.

Dahl: Mit der Kirsche machst du jetzt aber echt ein Fass auf. Gut dass du das sagst. Ich riech’s auch jetzt.

Pause in der alle nochmal den bewusst den Whiskey schmecken:

Dahl: Also Zwischenfazit: Schlecht ist der nicht!

Ich: Ne! gar nicht!

Schmidt: Er ist überraschend lecker für nen Bourbon. Auch ein überraschend kompliziertes Getränk.

Ich: Da haben wir’s! (Ich habe nach langem Suchen endlich die Bootleg Dylan-Platte gefunden)

Ich lege die Bob Dylan-Platte auf. Sie läuft.

Dahl (während er sich einen weiteren Whiskey eingießt): Ich würde mir auch gleich eine zweite Meinung bilden. Willst du auch, Richard?

Ich: Gern!

Wir verbringen den Rest des Abends damit, uns über Bob Dylan, Gitarristen und unserer Reisen in die USA zu unterhalten. Es wurde irgendwann die Gitarre herumgereicht, Simon Dahl spielte Teddy Bear’s Picnic und ich unter anderem eine swingende Version von Willie the Weeper. Nachdem jeder seine zwei, drei Gläschen Whiskey (und Simon seinen Kaffee) hatten, trennten sich unsere Wege und wir sind ein bisschen schlauer, ein bisschen erfahrener und viel glücklicher aus dem Whiskey-Testing herausgegangen als wir hereingekommen sind.

Fazit: Ein Whiskey mit Gesicht, Geschichte und Charakter

Heaven’s Door ist kein Whiskey für Leute, die ein Getränk von der Stange wollen. Die billigen Whiskeys sind meistens etwas chemisch, das ist klar. Die upper class Whiskeye sind währenddessen oft sehr weich und angenehm. Bob Dylans Heaven’s Door ist keins von beidem. Heaven’s Door ist ein Whiskey mit Charakter, der eine Geschichte erzählen will und dabei niemanden gefällig werden will. Der Whiskey erzählt seine Geschichte, doch vor allem bringt er dich dazu, deine Geschichte zu erzählen. Die verschiedenen rustikalen und fruchtigen Geschmacksnoten, die in verschiedenen Abständen und verschiedener Intensität hervor- und wieder zurücktreten machen diesen Whiskey zu einem schönen Erlebnis. Heaven’s Door ist kein Whiskey zum Nebenhertrinken, Heaven’s Door will erlebt werden!

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