Nähe und Ferne

Ein Geschichte zu Bob Dylan

von Manfred Maurenbrecher

(Der Autor, Manfred Maurenbrecher, Foto: Harald Krichel)

Ob die folgende Geschichte wahr ist, kann ich nicht beurteilen, mir wurde sie erzählt.

Es lebte ein Bob-Dylan-Fan in Münster. Seine Faszination für den Künstler war so groß, dass er in einem Urlaub sogar mit einem Mietwagen durch die Gegend von Los Angeles gekreuzt war, um das Dylan’sche Anwesen mit dem charakteristischen Turm dort im Vorort Point Dume aufzutreiben. Seine Familie hatte es genervt, aber er selbst erzählte gern davon seinen Stammtischbrüdern in einer Eckkneipe mitten in Münster, und nicht nur einmal. Der Fan lebte mittlerweile allein, geschieden und arbeitslos, keine sehr glückliche Lebensphase in jenem Jahr, 1996. Wieder einmal hockte er nachmittags am Tresen, nach und nach drifteten seine Kumpels ein, man saß und trank. „Hör mal, heut abend spielt doch Bob Dylan, Halle Münsterland, zum ersten Mal in der Stadt, bis du gar nicht informiert?“ Oh doch, der Fan nickte müde. „Was machst du noch hier?!“ Er nahm einen Schluck, öffnete seine leeren Hände, sagte: „60 Mark, das geht einfach nicht. Nicht jetzt.“ Achselzuckend ging man zu anderen Themen über. „Vielleicht würde ich mich auch nur ärgern, wenn es mir live nicht gefällt“, sagte er noch, mehr zu sich selbst, denn seine Sauffreunde hörten schon nicht mehr hin. Ich sollte, dachte er, mir mein eigenes Dylan-Konzert heute leisten, zu Hause, mit Kerzen und Kopfhörern und ein paar leckeren Getränken. „Schreibs auf’n Zettel“, rief er der Tresenkraft zu und brach auf. Weit hatte er es nicht, er wohnte im gleichen Haus.

Stunden später, das Kneipenleben hatte zu den üblichen Aufwallungen und Abschlaffungen geführt, setzte sich ein leiser Gast zu den paar Wenigen am Tresen, klein, mit markantem Gesicht und Lockenpracht. Seine Bestellung war undeutlich, gestisch eher, das Whiskeyglas zu seiner Zufriedenheit gefüllt. Erst achtete niemand groß auf den Fremden, aber dann kombinierten doch einige: 23:00, eben jetzt musste das Dylan-Konzert wohl zu Ende sein, die Halle Münsterland nur zwei Ecken entfernt, die genuschelten Englischbrocken, die lange Nase, die gelben Finger – war das etwa dieser Bob himself? „Are you Bobby himself“, traute sich einer der Angetrunkenen zu fragen und lehnte sich rüber. Als keine Reaktion kam, schon lauter: „Bob Dylan??“ Ein vages Nicken. Der Versuch des Fremden, sich schnell abzuwenden, vergeblich, ein Damm war, kaum aufgerichtet, gebrochen, und einer aus dem Kreis, vielleicht ein Englischlehrer, vielleicht ein reisender Monteur, jemand, der flüssig in der fremden Sprache war, breitete jetzt die Geschichte vom großen Fan aus, der den Meister sogar in Kalifornien hatte besuchen wollen und hier im Haus lebte, dritter Stock. Dem Fremden schien das zu gefallen, denn nicht er wurde, wie sonst üblich, von Fragen gelöchert, er durfte zuhören. War sowieso in Entdeckerlaune. Hatte die Routine satt, vom Auftrittsort ab ins Hotel, zu geeißtem Wasser und Fenstern, die sich zu Gunsten der Hochklimatisierung nicht öffnen ließen. „Every day is the same thing: out the door, feel further away than ever before.“ Hatte mal bei anderer Gelegenheit erzählt, wie es ist, eine Straße langzugehen nachts, von draußen in ein Lokal reinzuschielen, das muntere Treiben, die Lockung, den Mut zu haben, sich durch die Tür zu schieben, einen Augenblick lang nur der unauffällige Neuzugang dieses Nests, dann erkennt ihn der erste, die zweite, „and everything changes“. Das war hier nicht so. Die meisten achteten gar nicht darauf, und die paar Männer redeten begeistert von ihrem Freund, während die Tresenkraft aufmerksam nachschenkte. „Which floor?“, fragte er. „Third. Left side!“, rief der Sprachgewandte, denn Dylan war bereits aufgesprungen, raus ins Treppenhaus, dritter Stock links. Ein Abenteuer.

„Na, wie wars??“, fragten die Stammtischbrüder am nächsten Abend erwartungsvoll. Ihr Freund verstand sie nicht. Dass er die alten Platten mit Kopfhörern hin-und hergehört hatte, Blonde on Blonde, Blood on the Tracks, bis spät in die Nacht, das interessierte hier doch keinen. Dass er mit den Leuten im Haus irgendwie klarkommen musste, das war hier am Tresen doch auch kein Thema, trotz der Kopfhörer hatte tatsächlich eine ganze Weile lang einer geklingelt, beharrlich, stur, vielleicht hatte den das Mitsingen gestört, aber er ließ sich die Laune nicht verderben, heut nacht schon gar nicht, wo er sich sein eigenes Konzert geschenkt hatte. Irgendwann beim Plattenwechseln hatte er dann Schritte gehört, die langsam abwärts zogen, da hatte der Beschwerdespießer wohl endlich aufgegeben.

Eigentlich wollte ich diese Geschichte als Einleitung schreiben für irgendwas, das mit Nähe und Ferne in Dylans Liedern zu tun hat und mit der Beziehung, die wir als Hörer dazu aufbauen. Mit der Vorbereitung seiner LP ‚Time out of Mind’ vielleicht auch, die damals in seinem Kopf gebaut worden sein muss, denn ein halbes Jahr später wurde sie aufgenommen.

Jetzt finde ich, dieses Erlebnis ist selbst wie ein Lied, das man drehen und wenden kann, ohne an ein Ende zu kommen. Ein Volkslied, das traurig ausgeht, aber die Traurigkeit ist möglicherweise das größere Glück. Eins von den Liedern jedenfalls, die er selbst nicht geschrieben hat und die Dylan deshalb oft viel liebevoller singt als die eigenen. Sich ihnen näher fühlt vielleicht? Und den eigenen deshalb fremder, weil sie so vielen nah sind?

„I see people in the park forgetting their troubles and woes

They’re drinking and dancing, wearing bright-colored clothes

All the young men with their young women looking so good

Well, I’d trade places with any of them

In a minute, if I could.“

(Highlands, LP Time out of Mind, 1997)

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