It Wasn’t God Who Made Honky Tonk Angels

Frauen in der frühen amerikanischen Folk- und Countrymusik, Teil 2: Kitty Wells, Rose Maddox, Patsy Cline, Bessie Lee Mauldin und Jean Ritchie

von Thomas Waldherr

Frauen hatten in der frühen Folk- und Country in der Regel nur Nebenrollen. Zwar waren stimmlich und musikalisch Maybelle und Sara Carter das klare Zentrum der Carter Family. Doch A.P. Carter wurde als Kopf und Patriarch der Gruppe wahrgenommen. Rose Maddox war in den 1930er und 1940er Jahren als Sängerin schönes Beiwerk von „The Maddox Brothers & Rose“.

Die Frauenrolle war klar definiert. Die Frau wurde in den Songs angeschmachtet oder aber, sollte sie die Liebe nicht erwidern und selbstbewusst und sexuell eigenständig leben wollen, als böses Weib gescholten, schlimmstenfalls in den Murder Ballads umgebracht. Wirkliche selbstbewusste Country-Solokünstlerinnen gab es erst ab den 1950er Jahren.

Denn da hatte sich die Frauenrolle bereits im nur wenige Jahre zurückliegenden Krieg auch in den USA zu wandeln begonnen. Während die Männer in den Krieg zogen, waren es die Frauen, die zu Hause den Betrieb am Laufen hielten. Sie arbeiteten in den Fabriken, im Heimatschutz, hielten die öffentliche Infrastruktur am Laufen. Ohne sie ging gar nichts. Und jetzt sollte, da die Männer wieder zurück waren, das alles wieder zurückgedreht werden? Der Deckel war nicht mehr gänzlich zu schließen. Fragen der Gleichberechtigung standen fortan auf der Tagesordnung und bahnten sich auch ihren Weg in die Populärkultur. Und auch in die konservative Countrymusik.

Kitty Wells (1919 – 2012)

Im Juni 1952, wurde von Kitty Wells der Song „It Wasn’t God Who Made Honky Tonk Angels“ veröffentlicht und wurde ein Riesenerfolg. Er war für Kitty und für die weiblichen Countrysängerinnen der Durchbruch. Kitty bereitete den Weg für Frauen wie Loretta Lynn, Patsy Cline, Dolly Parton oder Emmylou Harris, die selbstbewusst und erwachsen agierten. Noch wenige Jahre vorher musste Kitty aufstecken, weil man(n) die Nachfrage nach weiblichen Countrysängern als gering einschätzte.

(Kitty Wells, Quelle: Wikimedia commons)

Kittys Song – geschrieben hatte ihn J.D. Miller – war die Antwort auf „The Wild Life“ von Hank Thompson. Weinerlich klagt der da seine Kneipenbekanntschaft an, ihm das Herz gebrochen zu haben, und statt seine Frau werden zu wollen, lieber weiter dort verkehre, wo der Alkohol in Strömen fließe und sie jedermanns Schatz sei. Und unausgesprochen: Da hat eine anständige Frau nichts verloren.

Tja, rückständiger kann es nicht sein, das Frauenbild. Und Kitty gibt ihm in ihrem Song zu verstehen: Nö Jungs, die verheirateten Männer sind es, die sich aufführen, als wären sie Singles und gute Frauen auf den falschen Weg locken. Der Song war ein erstes Vorzeichen für die heraufziehende Frauenbewegung in den 1960er Jahren. Die Zeit war also reif für die erste Frau mit einem Nr. 1-Hit in den Country-Charts.

Der Song wurde schnell zu einem Country-Standard, war doch seine einprägsame Melodie – ebenso wie die von „Wild Side Of Live“- ein Klon von zwei Old Time Music-Songs: „I’m Thinking Tonight Of My Blues Eyes“ von der Carter Family und „The Great Speckled Bird“, geschrieben von Rev. Guy Smith und bekannt gemacht durch Roy Acuff. „It Wasn’t God Who Made Honky Tonk Angels“ ist bis heute ein Country-Evergreen geblieben. Kein Wunder, denn die dem Song zugrunde liegende Geschichte passiert ja schließlich auch heute noch immer wieder.

Bessie Lee Mauldin (1920 – 1983)

Wir haben uns an dieser Stelle und schon mehrmals mit dem Countrymusik-Patriarchen A.P. Carter beschäftigt. Auch die Geschichte der Countrymusik wird versucht, uns als Geschichte der weißen Männer zu erzählen: A.P. Carter, Jimmie Rodgers, Hank Wiliams, Bill Monroe. Doch steckt nicht nur hinter jedem dieser weißen Männer auch der direkte oder mittelbare Einfluss von afroamerikanischen Musikern, so darf man auch davon ausgehen, dass auch Frauen mit verantwortlich für den Erfolg dieser Männer gewesen sind. Und seien es „nur“ die berühmten „Stützen im Hintergrund“, die den Männern erlaubten, Karriere zu machen. So wie bei Hank Williams‘ Frau Audrey, die seine Managerin war bis sie sich trennten.

(Bessie Lee Mauldin, Quelle: Jim Pleva)

Doch oftmals waren sie auch mehr, waren kreative Partner. So wie im eigentlich traurigen Fall von Bessie Lee Mauldin. Bessie Lee Mauldin bildete das musikalische Rückgrat von Bill Monroe & His Bluegrass Boys. Und das nicht nur für ein paar Stücke. Nein, von 1953 bis 1964 spielte sie den Stand Up-Bass in Monroes Band. Und: Bessie und Bill waren lange Jahre ein Paar. Und schrieben zusammen Gospels wie „A Voice From On High“, den sogar Bob Dylan einige Zeit lang in seinem Live-Repertoire hatte. Sie waren ein Paar, obwohl Bill zeitgleich mit Carolyn Brown verheiratet war. Erst Richard D. Smiths Monroe-Biographie „,Can’t You Hear Me Callin‘: The Life of Bill Monroe, Father of Bluegrass“, die im Jahr 2000 erschien, gab deren Beziehung den breiten Raum, den sie verdiente. Vorher spielte Bessie und Bills Beziehung in Publikationen oder Dokumentationen über Monroe keine Rolle.

So ist Bessie namentlich im 1993er Filmspecial „Bill Monroe – Father Of Bluegrass“ überhaupt nicht erwähnt. Etliche ehemalige Mitmusiker von Monroe kommen in dem Film vor. Sogar Arnold Shultz, der schwarze Musiker von dem der junge Bill viel gelernt hat, wird kurz auf einem Foto gezeigt. Bessie aber, die vier Jahrzehnte mit Bill zusammen war, fast zwölf Jahre für ihn spielte, seine Co-Autorin war, und ihn zu seinen großen Bluegrass-Songs wie „Blue Moon Of Kentucky“ inspirierte, kam nicht vor. Warum?

Es muss ein schwieriges Leben für die beiden gewesen sein. Da machte man zusammen Musik und war jahrelang im Tourbus zusammen unterwegs und musste sich ständig kontrollieren, damit nichts ruchbar wurde. Da sang man fromme Lieder und war damit im bigotten Süden gezwungen, auch die christlichen Moralvorstellungen zu leben. Wenigstens nach außen. Offiziell verheiratet war Bill mit Carolyn Brown. Seine Frau wohnte auf seiner Farm. Auf einer weiteren Farm, die er kaufte, lebte er mit Bessie zusammen. Doch es kam nie zum Skandal. Weil nicht sein konnte, was nicht sein durfte? Noch nicht einmal ein schwerer Autounfall, dass das Paar nach der Teilnahme (gemeinsam oder getrennt?) an einer Fuchsjagd hatte, führte nicht zu öffentlichem Wirbel über ihrer Beziehung. Heute kaum vorstellbar.

Auch die Scheidungsklage von Carolyn Brown 1960 änderte nichts allgemeinen Stillschweigen. Carolyn beschuldigte Bill des Ehebruchs und ließ sich 1960 von ihm scheiden. Das Scheidungsurteil – auch wieder eine spezielle Südstaatennummer – verbot Monroe, Mauldin zu heiraten, solange Carolyn Brown lebte. Also führte man die „wilde Ehe“ fort, doch 1964 verließ Bessie die Band. Noch fast zwanzig Jahre dauerte ihre Beziehung an, dann starb Bessie 1983 an einem Herzanfall. Nur wenige Monate später starb Carolyn. 1996 dann Bill.

Noch bis in die jüngste Vergangenheit wurde darauf gedrungen, dass diese Seite Monroes nicht öffentlich ausgebreitet wird. So wurde das Biopic „Blue Moon Of Kentucky“, für dessen Umsetzung sich der Produzent Trevor Jolly nun schon seit mehr als zehn Jahren engagiert, von den Nachlassverwaltern von Monroes Childhood-Home in Rosine, Kentucky, nicht gern gesehen, weil darin auch Bessie und Bills Beziehung zentral thematisiert werden sollte. Bill Monroe sollte nicht als normaler Mensch, sondern als fromme, unbefleckte musikalische Ikone gesehen werden. Ob der Film je zustande kommt, steht weiter in den Sternen.

Es ist nicht nur der menschliche Aspekt, der einem dabei so frösteln lässt. Dass die große Liebe seines Lebens, weil sie nicht zu den herrschenden Moralvorstellungen passt, verschwiegen wird und wurde – auch von Monroe selbst – ist tragisch. Doch die wichtige Rolle, die Bessie als Bassistin, Co-Autorin und Inspirationsquelle für Bill und damit für den frühen Bluegrass gespielt hat, wird damit gleich mitverschwiegen. Auch die Bluegrassmusik, die von der schottisch-irischen Tradition des Appalachen-Folk abstammt, dessen „High Lonesome Sound“ ja der von Frauen war, ist keine reine Männergeschichte. Neben Bill Monroe, den Stanley Brothers oder Flatt & Scruggs sind eben auch Frauen wie Hazel Dickens, Alice Gerrard, Bessie Lee Mauldin und Sally Ann Forrester für das Entstehen und den Aufstieg des Bluegrass mitverantwortlich. Das dies weiterhin gerne vergessen wird, liegt an den gesellschaftlichen Machtverhältnissen.

Denn die bigotten christlichen Moralvorstellungen des Südens und die Disqualifizierung von Frauen finden sich nicht nur immer noch in konservativen und reaktionären Kreisen im Süden, sie sind sogar wieder auf dem Vormarsch. Man denke nur an die frauenfeindlichen Abtreibungsgesetze in Texas, eine der bedenklichsten Auswüchse des oben genannten Kulturkampfes.

Rose Maddox (1925 – 1998)

(Rose Maddox, Quelle: JASMINE)

1952 veröffentlichte Kitty Wells ihren Honky Tonk Angels-Song, 1953 stieg Bessie Lee Mauldin bei Bill Monroes Band ein. 1956 schließlich begann Rose Maddox nach Auflösung der Band endlich ihre Solo-Karriere. Sang zunächst Country-Boogie, dann Bluegrass. Sie war eine der ersten Sängerinnen, die ein Bluegrass-Album aufnahm: „Rose Maddox Sings Bluegrass“ erschien 1962. Im gleichen Jahr hatte sie mit dem Top-Ten-Hit „Sing a Little Song of Heartache“ ihren größten Single-Erfolg. Während dieser Zeit sang sie auch erfolgreich Duette mit Buck Owens.

Rose war – eingezwängt in die Konventionen ihrer Zeit – jemand, der stetig auch die Grenzen austestete. Sie trug in der Grand Ole Opry ein Kostüm mit nackter Taille und schockierte die Opry-Bosse und das Publikum gleichermaßen. Ihr Image als „lüsterner Brandstifter“ spricht für die Verachtung eines selbstbestimmten weiblichen Beziehungslebens. Emmylou Harris und Dolly Parton bezeichnen sie als ihre Vorbilder.

Patsy Cline (1932 – 1963)

Sie ist die tragische, weil unvollendete und zu früh gestorbene Country-Diseuse. Als sie bei einem Flugzeugabsturz im März 1963 ums Leben kam, war sie auf der Höhe ihres Erfolges. Sie kämpfte lange um diesen Erfolg. Schon früh war sie geradezu vernarrt in die Grand Ole Opry, fand dann als Cowgirl gekleidet ab Mitte der 1950er Jahre die Aufnahme in den Country-Zirkus, fand aber nicht den rechten Durchbruch.

(Patsy Cline, Quelle: Wikimedia commons)

Der setzte erst ein als sie gegen ihren Willen von ihrem Produzenten Owen Bradley vom Honky Tonk in Richtung Nashville Sound und Popmusik gedrängt wurde. Mit dem von Hank Cochran und Harlan Howard geschriebenen „I Fall to Pieces“ erreichte sie 1961 Platz eins der Country-Charts und Platz 15 der Pop-Hitparade. Ihr Gesang und ihre Ausstrahlung (ohne Western-Klamotten, dafür in Cocktail oder Abendkleid) waren nicht das typische Country-Feeling, sondern gingen über das Genre hinaus. Sie war ein perfekter weiblicher Pop-Crooner, ohne Noten lesen zu können. Mit dem vom noch unbekannten Willie Nelson geschriebenen „Crazy“ gelang erneut ein Crossover-Hit. Nun war sie wirklich ein Star. Sie war eine der wichtigsten Vertreter des Nashville Sounds, neben Eddy Arnold und Jim Reeves. Es folgten weitere Top-10-Hits.

Während ihre Karriere eine späte positive Wendung nahm, war ihr Privatleben durchaus Spannungen ausgesetzt. Ihre zweite Ehe mit Charlie Dick – aus ihrer ersten Ehe behielt sie ihren Künstlernamen – war geprägt von Leidenschaft, Eifersucht, viel Alkohol und auch gewalttätigen Auseinandersetzungen. Darüber hinaus hatte sie enge Freundschaften mit Künstlerinnen wie Loretta Lynn, Dottie West und Jan Howard, aber auch mit männlichen Kollegen wie Roger Miller oder Faron Young. Bis heute halten sich hartnäckig die Gerüchte, sie hätte außereheliche Beziehungen mit Frauen gehabt. Möglicherweise bösartig gestreut von Neidern, haben sie aber sicher auch dazu geführt, dass sie so etwas wie eine LGBT-Ikone geworden ist.

Wie auch immer, sie war auf alle Fälle durch ihr selbstbewusstes, kämpferisches Auftreten und dem sich nicht so einfach in Konventionen einfügen wollen eine Türöffnerin für die Frauen im Countrybusiness nach ihr.

Jean Ritchie (1922 – 2015)

Kann man Odetta oder Joan Baez als „Queens des Folk“ bezeichnen, so wäre Jean Ritchie sicher die „Mother of Folk“. Aufgewachsen in einer musik- und sangesbegeisterten Familie aus den Cumberland Mountains in den Appalachen in Kentucky fällt ihr der Verdienst zu, den Appalachen-Dulcimer wieder bekannt zu machen und viele Folksongs gesammelt und dadurch erhalten zu haben. Daneben studierte sie Sozialarbeit und bekam nach ihrem Studium eine Stelle in New York in einer Kindererziehungseinrichtung.

(Jean Richie, Quelle: Wikimedia commons)

Dort gab sie ihre Lieder an die Kinder weiter und machte dadurch die New Yorker Folkszene auf sich aufmerksam. Schnell kam sie in Kontakt mit Woody Guthrie, Pete Seeger, Oscar Brand und Alan Lomax. In den 1950er Jahren im Folk Revival war sie aufgrund ihrer Herkunft aus den Appalachen und ihrer großen Kenntnis von Folksongs eine große Autorität und war beim ersten Newport Folk Festival 1959 mit dabei. Später war die große Zeit von Bob Dylan und Joan Baez, der Folk wurde immer politischer, doch Jean blieb bei den traditionellen Balladen. Erst später schrieb sie Folksongs über ihre Heimat Kentucky, die auch die Umweltzerstörung durch den Kohlebergbau thematisierten.

Sie kam aus ähnlichen armen Verhältnissen wie die hier dargestellten Country-Frauen, wurde aber durch College und Studium sowie biographische Zufälle Teil der politischen Folk-Linken. Doch sollte sich die Spaltung zwischen Folk und Country noch weiter durch die politischen Auseinandersetzungen in den 1960er fortsetzen, und von Loretta Lynn und Tammy Wynette auf der einen und Odetta und Joan Baez auf der anderen Seite gekennzeichnet sein.

Ende der 1960er und Anfang der 1970er fand dann aber auch wieder eine Zusammenführung von Folk und Country durch Bob Dylan, Gram Parsons und der Nitty Gritty Dirt Band statt. Auch die Rolle der Frauen im Country änderte sich weiter durch Dolly Parton, Emmylou Harris und Linda Ronstadt. Doch um dies alles wird es dann im dritten und letzten Teil dieser Serie in der nächsten Key West-Ausgabe gehen.

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