Werkführer: Dylan – die Alben der 60er (Teil II)

Teil 2 – das Trio der Rockband-Alben

von Richard Limbert

Bringing it All Back Home

(Quelle: Columbia Records)

Anfang 1965 befindet sich Bob Dylan noch immer in einer Selbstfindungsphase. Die Entfremdung zu seiner eigenen Fanbase, die mehr und mehr nach Protestsongs verlangt während Dylan immer mehr in persönliche, surreale Songs steuert, lässt Dylan neue Stile ausloten. Durch den Folk-Musiker John P. Hammond (der Sohn von Dylans früheren Produzenten John Hammond) rücken Rock-Bands ins Sichtfeld des Folk-Musikers. Während sich die erste Hälfte der 60er Jahre dem Ende zuneigt, entwickelt sich auch die Musiklandschaft. Die Beatniks, Hipster und Hippies machen den Musikmarkt bunter, abgedrehter, ironischer. Dylan lernt im August 1964 die Beatles in London kennen. Er ist völlig fasziniert von ihrem poppigen, jugendlichen Sound der im Gegensatz zu Woody Guthrie die farbige neue Jugendkultur passend abbildet. Die Beatles wiederum lassen sich von Dylans introspektiven Folk-Stil inspirieren. Dylan findet sich langsam selbst. Er nimmt im Januar 1965 mit einer Rockband das Album Bringing It All Back Home auf. Dieses Album sollte der erste Teil des Trios werden, das die Popmusikgeschichte prägen sollte: Bringing It All Back Home (1965), Highway 61 Revisited (1965) und Blonde on Blonde (1966). Die erste Hälfte ist hier mit Bandbegleitung, die zweite akustisch, folkig. Dieses Album klingt noch ein wenig hölzern, aber man merkt schon: Dylan fühlt sich hier freier, spaßiger. Die elektrischen Songs sind teilweise etwas abgedreht und weniger richtige Songs als mehr surrealistische Rock-Lyrik auf 4/4-Takt. Die akustische Hälfte profitiert allerdings von Dylans neu gefundenem Weg. Die Songs klingen frisch, die Gitarre lebendig, Dylan ist selbstsicher, cool und man hört: Er fühlt sich wie ein Fisch im Wasser.

Released: März 1965

Highlights:

Subterranean Homesick Blues

Der Opener des Albums ist ein lässiger Beatnik-Sprechgesang über den Blues-Rock Beat der Band. Dylan begrüßt den Hörer mit einem catchy Rant im Stil von Jack Kerouac. Die Band klingt energetisch, Dylan ist ein bisschen abgebrüht. Man kann ihn sich richtig mit Sonnenbrille und versteinertem Gesicht vorstellen, wie er lässig seine Zeilen rappt.

Mr. Tambourine Man

Dylan hat diesen Song bereits Anfang 1964 bei seinem Roadtrip durch die USA begonnen. Im bunten Mardi Gras von New Orleans verbanden sich für ihn Musik und Surrealismus. Der Musiker als Wegweiser in eine andere, schillernde Welt fernab aller Sorgen scheint hier der Archetypus der künstlerischen Erlösung für Dylan geworden zu sein. Einer der besten Songs von Dylan. Man merkt schon dass leichte Anklänge an den Psychedelic-Folk beginnen sich hier durchzusetzen. Die Version wirkt etwas bieder wenn man sie mit Live-Versionen Dylans vergleicht, aber die schillernden Einwürfe von Bruce-Langhorns E-Gitarre lassen dem Hörer schon genug von der verzauberten Welt visualisieren.

It’s Alright Ma, I’m Only Bleeding

Rein akustisch mit neurotischer Westerngitarre und apathisch gesungenem lyrischen Feuerwerk schraubt sich dieser Song in ungeahnte Tiefen. Jede Zeile schlägt hier ein wie Dynamit, scheint ein Sprichwort, eine Redewendung aus einer parallelen Dimension zu sein. Dylan spuckt die Sentenzen förmlich am Fließband heraus. Hier wird keine neue Welt im Song erschaffen, hier ist nichts fassbar, man verliert den Boden komplett unter den Füßen. It’s Alright Ma, I’m Only Bleeding ist weniger Song, als mehr ein Lebensstil. Wie eine Verfolgungsjagd durch ein dunkles Labyrinth scheint man manchmal Dylans Rockzipfel fassen zu können, doch schon ist er wieder hinter der nächsten Ecke. Eine Beatnik-Fantasie vom feinsten. Einer von Dylans besten Songs überhaupt.

It’s All Over Now, Baby Blue

Eine bittere, fast schon herausgeschriene Abschiedsballade auf der Westerngitarre. Der Song als Anti-Liebeslied funktioniert genauso als Lied für jene Fans die sich von Dylan seit den letzten Alben abgewendet haben. Wie im Fiebertraum ist man gefangen zwischen stiller Trennung und Gestalten wie aus dem alten Testament. Ein schwerer Schatten liegt hier über allem, wie ein Stein trägt man durch diesen Abschied die alten Beziehungen noch mit sich herum. Dylan schickt seine Hörer mit diesen Schlusszeilen aus dem Album: „The vagabond who’s rapping at your door, Is standing in the clothes that you once wore, Strike another match, go start anew, And it’s all over now, Baby Blue.“

Highway 61 Revisited

(Quelle: Columbia Records)

Dieses Album gilt nicht nur für viele als Dylans Höhepunkt, sondern als eines der einflussreichsten Musikalben des 20. Jahrhunderts überhaupt. Ein großer Teil dessen, was man heute als die 60er kennt, bildet sich in diesem bereits Album ab. Nachdem Dylan mit Bringing it All Back Home Anfang 1965 schon sein neues Ich gefunden hat, zementiert er sich hier vollends. Dies ist die Geburtsstunde des abgekochten, immer coolen Rockstar-Dylan, den selbst die Beatles für den coolsten Typen im Universum halten. Tom Wilson produzierte hier lediglich den bekannten Track Like A Rolling Stone für dieses Album, nachdem er seit Dylans zweitem Album als Hebamme des Folk-Rock immer wieder den perfekten Sound für Dylan finden konnte. Der Rest ist jetzt von Bob Johnston produziert, der enge Verbindungen zu Nashville, Country und Elvis hat. Die Studiomusiker hier sind noch versierter, noch aggressiver, noch akzentuierter. Ein junger Al Cooper kommt durch einen Zufall zum ersten mal ins Rampenlicht als er die Orgel zu Like A Rolling Stone spielt, Dylan bringt den völlig irr-virtuosen Mike Bloomfield als Lead-Gitarristen ins Studio. Like A Rolling Stone kommt bereits am 20. Juli 1965 als Single heraus. Am 25. Juli spielt Dylan den Song live beim Newport Folk Festival mit Rock-Band und wird ausgebuht. Hier zeigt sich schon der Kurswechsel: Dylan ist sich völlig sicher seinen Sound gefunden zu haben und zeigt der klassischen Folk-Bewegung mit Peete Seeger als Galionsfigur, wie antiquiert sie mittlerweile geworden sind. Der Sound dieses Albums ist wie aus einem Guss. Auch wenn das Klavier und die E-Gitarre manchmal etwas verstimmt ist, ist der Klang dieses Albums eine Freude für die Ohren, wirkt noch runder als bei Bringing It All Back Home. Dylan in Höchstform: Hörempfehlung!

Released: August 1965

Highlights:

Like A Rolling Stone

Dylan hat die Pop-Hymne hier neu erfunden. Dieses mal geht es aber nicht um das besingen der Ziele einer Generation. Es geht um den personalisierten Urschrei der 60er Jahre. Dylan ist Mitte 20, mittlerweile ein reifer, abgewichster Profimusiker und will wissen, wohin es im Leben jetzt nun geht. Wie finde ich mein eigenes selbst? Wem kann ich trauen, wem nicht? Dylans Paranoia die die ersten Alben zu erdrücken scheint, lassen Like A Rolling Stone erst brillieren. Trau dir selbst und lass dich von keinem in die Irre führen, ist hier das Motto. Und vom ersten Snare-Beat und den geschrummelten Gitarrenakkorden weiß man das auch ganz ohne Text. Der Klang hier war für die Zeit (und manche würden sagen bis heute) etwas völlig Neues. Kein Blues, kein Rock, kein Folk, eben etwas ganz eigenes, das heraus will. Die Produktion Wilsons hört man hier klar heraus.

Ballad of a Thin Man

Eine düstere Klavierballade mit deterministischem Schlagzeug-Beat und gruseliger Orgel. Dylan ist das Leben als Superstar leid und kann Journalisten und Fan-Meuten nicht mehr sehen. Hier lässt er kryptisch und gleichzeitig glasklar seine Wut raus und singt über einen Mr. Jones, der er selbst, seine Fans, die Presse oder jeder andere sein könnte. Dylan schwebt hier wie das Damoklesschwert über den Hörer und stellt am Ende jeder Strophe des Songs die schon rhetorische Frage: „But something is happening here but you don’t know what it is. Do you, Mr. Jones?“

Just Like Tom Thumb’s Blues

Eine Blues-Ballade mit einem großen Löffel Ironie und wunderbarem Honky-Tonk Piano. Dylan beschreibt in Just Like Tom Thumb’s Blues das doppelmoralische Leben in der Musik-High-Society. Freunde kehren dir den Rücken, die Energie von früher ist längst verflogen. Am Ende verschwimmt alles zu einem großen Klumpen wirrer Gefühle. Dylan singt mit klarem Hohn in der Stimme, während er das Piano anschlägt, das Schlagzeug ist immer einen Millimeter hinter dem Beat, niemand will hier nach vorne. Wenn dieser Song eine Form annehmen könnte, wäre er ein Joint. In der letzten Strophe heißt es bezeichnend: „I started out on burgundy, but soon hit the harder stuff, Everybody said they’d stand behind me when the game got rough, But the joke was on me, there was nobody even there to bluff, I’m goin‘ back to New York City, I do believe I’ve had enough.“

Desolation Row

Ein hoffnungsloses akustisches Meisterwerk im Stil von T.S. Eliot und Robert Frost. Fast schon wie in einem Science-Fiction Roman fühlt man sich in eine desolate Parallelwelt hinter den Spiegeln versetzt. In diesem nahezu 12-minütigen Roman eines Songs werden in jeder Strophe die seltsamsten Gestalten beschrieben, die oft unheilige Beziehungen eingehen: Einstein als Robin Hood verkleidet wandert durch die Ödis mit seinem Freund, einem eifersüchtigen Mönch von dem er Zigaretten schnorrt. Am Ende werden alle von Agenten in ein düsteres Schloss entführt, an die Herzinfarkt-Maschine angeschlossen und die Titanic sinkt während sich die großen Autoren unserer Zeit an Deck im Streit gegenseitig die Schädel einschlagen. Den Erzähler langweilen diese Geschichten allerdings unfassbar und er will bitte keine Briefe mehr von dir geschickt bekommen. Völlig akustisch mit kleinen Verzierungen des Country-Studiomusikers Charlie McCoy eines der großen Stücke des Psychedelic Folk und ein kleiner Ausschau auf Dylans nächstes Album.

Blonde on Blonde

(Quelle: Columbia Records)

Bob Dylan hat sich gefunden. Nach dem Newport Folk Festival Auftritt 1965 war sich Dylan sicher: seine Musik lässt sich am besten mit Rock verwirklichen. Nach einer kurzen Tour fand er die kanadische Rockband, The Hawks, dessen anarchistischen Sound er gefressen hatte. Im Herbst und Winter 1965 spielte er mit ihnen in New York einige Songs ein. Doch so ganz war der Sound, den er suchte hier noch nicht da. Sein neuer Produzent, Bob Johnson – der die Country-Metropole Nashville bereits kannte – wusste, dass Dylan in Nashville seinen Sound finden würde. Und tatsächlich: Anfang 1966 flog Dylan mit zwei seiner treuen Musiker der alten Band in die Country-Hochburg und war sofort begeistert von den Musikern. Die professionellen Studiomusiker Nashvilles spielten normalerweise für Country-Größen, hier war Dylan aber im siebten Himmel. Er fand genau das was er suchte: einen Klang, den er „That thin,wild, mercury sound“ nannte. Bob Dylan war in Bestform. Nach der Abwendung von der alteingesessenen Folk-Szene fand er sich wieder im sehr eigenen, psychedelischen Folk-Sound mit einer Menge Blues und Rock. Die Band spielt on Point, glitzernd und trotzdem wie ein Uhrwerk. Man merkt: es sind Profis mit Gefühl. Eine bessere Mischung hätte man sich nicht vorstellen können. Das Schlagzeug ist treibend, dünn und kraftvoll, die Orgel wabert singend, Dylan singt sehr frei, lallend, ist sich seiner sicher. Die Gitarren schreien, der Bass grummelt. Psychedelic Folk-Rock auf eine ganz eigene Art. Country meets Folk meets Psychedelia meets Anarchy. Meiner Meinung nach das beste Album, das Dylan in den 60er Jahren hervorbringt. Ein Hochgenuss. Und eines der ersten doppel-LPs der Musikgeschichte.

Nach diesem Album tourt Dylan mit den Hawks durch Australien und Europa. Die Konzerte werden zu einem Happening. Die erste Hälfte: völliger Psychedelic-Folk, nur Dylan und die Akustikgitarre. Die zweite Hälfte: Rockband pur. Das Publikum buht Dylan reihenweise aus und ist den Rock nicht gewöhnt. Dylan ist völlig hager, kaputt und wütend aber voll auf Droge und spielt um sein Leben. Dieses Album personifiziert den neuen Dylan. Ein fragiles Werk des genialen Eigensinns. Dylan sagt später über diese Phase: „I was not just burning the candle at both ends – I was using a blowtorch in the middle.“ Und das hört man!

Released: Juni 1966

Highlights:

Visions of Johanna

Eine kryptische Ballade in der folkige Akustikgitarre den Nashville-Sound trifft. Komplette Ruhe und stetiger Wechsel macht diesen epischen Song über Liebe, Tod und Unendlichkeit aus. Die Mundharmonika, die sonst bei Dylan-Songs eher für Unruhe sorgt, wirkt hier wie ein Ruhepol zwischen knackigen E-Gitarren, balladenartiger Westerngitarre und rastlosen aber dumpfem Bass. Sehr pittoresk ist dieser Song, der Visionen besingt, die nicht von dieser Welt stammen. Dem Erzähler bleibt in einer ständig wechselnden Landschaft aus leeren Museen, keuchenden Heizrohren und rostigen Käfigen nur ein Lichtblick: die Visionen der Johanna. Zuletzt heißt es, wie in einer Szene aus dem jüngsten Gericht:

„The harmonicas play the skeleton keys and the rain
And these visions of Johanna are now all that remain“

I Want You

Ein hüpfender, energetischer Liebessong mit Orhwurmpotential. Für Dylan eher selten, könnte dieser Song fast ein Radio-Hit sein. Die Orgel gemeinsam mit der glasklaren Country E-Gitarre malen ein Bild einer urbanen Liebeslandchaft. Eine Szenerie des Sonnenscheins die von Dylans näselndem Gesang und den abstrusen Zeilen in ein Salvador Dali-Bild geformt wird.

Stuck Inside of Mobile with the Memphis Blues Again

Eine Nummer mit dem Drive eines Rocksongs und dem Text eines Films von Lars von Trier. Es kommt selten in de Mainstream-Musik vor, dass ein Song mit Tanzbarkeit so einen Beat-Poet Gestus hat. Man kommt sich vor wie bei Jack Kerouac und den Beatles gleichzeitig. Mit Ironie und dem Sinn fürs Detail erzählt Dylan in jeder Strophe eine kleine abstruse Geschichte nach der nächsten, während die Snare Drum wie ein Zug durch die Weiten der Vereinigen Staaten rauscht. Völliger Spaß und völliger 60s-Vibe.

Leopard-Skin Pill-Box Hat

Dylan spielt den Blues. Aber auf seine Art. Wollte auf er Highway 61Revistited noch keine typischen Blues-Gitarren-Licks zulassen, wird es hier zum klassischen Shuffle auf die Dylan Art. Die E-Gitarre kreischt im dünnen, singenden Klang und das Klavier glitzert. Dylan kopiert hier doch nicht die alten Blues-Größen wie Muddy Waters und B.B. King, sondern erfindet das Genre für sich neu. Mit viel Humor und Beat-Gelassenheit kommentiert er die Selbstverliebtheit seiner hippen Zeitgossen. Hier spricht der Erzähler von seiner Freundin, die über nichts als ihre neue, trendige Mütze redet. Und selbst wenn sie ihn betrügt: Es ist okay, sie soll nur die Mütze vom Kopf nehmen.

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