Werkführer: Dylan – die Alben der 60er (Teil I)

Teil 1 – die akustischen Solo-Alben

von Richard Limbert

Bob Dylan hat bislang 39 Studioalben veröffentlicht. Ein durchaus umfangreiches Werk mit vielen Facetten, Hoch- und Tiefpunkten. Es ist nicht leicht einen Überblick über diese Fülle von Musikstücken zu haben. Dieser Bob Dylan Werkführer soll helfen sich in diesem musikalischen Labyrinth zurchzufinden.

Dylan hat allein in den 60er Jahren neun Alben veröffentlicht, die teilweise stilprägend für ihre Ära waren. Vom selbstbetitelten Debütalbum bis zum Country-haften Nashville Skyline wird hier also Dylans Recording-Werdegang im Laufe der 60er Jahre dargestellt, eingeordnet, kommentiert.

Hier Teil 1: die akustischen, ersten vier Alben Bob Dylans.

Bob Dylan

(Quelle: Columbia Records)

Das Debütalbum des damals noch 20jährigen Bob Dylan. Knapp ein Jahr nach seiner Ankunft in New York gerät Dylan über den legendären Promoter John Hammond zum großen Label Columbia Records. Dieses in nur wenigen Sessions aufgenommene Album hat alles, was es an Geburtskomplikationen so gibt: poppende Konsonanten, kleine Verspieler auf der Gitarre und unbändige Vocals. Hier gibt es nur Dylan, die Akustikgitarre und die Mundharmonika. Doch das Album ist insgesamt besser als sein Ruf: Dylan ist hier als charmanter, vom Country-Blues inspirierter junger Wilder zu hören, der viel Gefühl in seine Songs legt. Nur zwei Titel sind selbst komponiert. Der Rest sind Cover von Blues und Country-Songs. Man merkt, dass sich Dylan zu dem Zeitpunkt schon auf den Bühnen New Yorks einen eigenen Stil erspielt hat und man kommt nicht umhin, dem Album eine rustikale Frische zu entnehmen. Besonders die zweite Hälfte ist stark.

Released: März 1962

Highlights:

Baby Let Me Follow You Down

Ein Blues-Standart im schönen Fingerpicking und mit teilweise schrägen, bissfesten Harmonien. Ein toller Titel mit allbekanntem Text á la „Ich mache alles für dich, Baby.“ Bereits von Dave van Ronk und Unmengen anderer Musiker der Zeit gespielt und somit praktisch ein Evergreen. Dylan erzählt im gesprochenen Intro mit Respekt und Lächeln im Mundwinkel, dass er diesen Song von Eric von Schmidt auf dem Harvard Campus gelernt hat.

Freight Train Blues

Eine völlig abgedrehte Hillbilly-Ballade mit quietschender Mundharmonika und schrammeliger Westerngitarre. Wunderbar überspritzig quäkt Dylan die Lyrics schon beinahe ironisch ins Mikro. Besonders spannend im Refrain: der längste und beinahe höchste gesungene Ton, den Dylan jemals in seiner Karriere auf Tonband bannen sollte.

House of the Rising Sun

Diese Version des alten Folksongs sollte als Vorlage für die weltbekannte Variante der Animals zwei Jahre später sein. Der Song zirkulierte schon lange in der Folk-Szene New Yorks herum und Dylan hat diese Variante wahrscheinlich von Dave van Ronk übernommen. Hier ist Dylan, obwohl jung, schon sehr düster. Seine manchmal gemurmelten, manchmal gekrächzten Vocals und die Songwriter-Gitarre die etwas anarchistisch präsentiert ist geben dieser Version eine bemerkenswerte Tiefe. Nicht zu verachten!

Song to Woody


Eine der ersten selbstgeschriebenen Songs Dylans. Allein deshalb schon ein Highlight auf der Scheibe. Aber Bob Dylan, der auf dem Album ein bisschen den alten Blues-Sängern nachkommen will, findet hier seine eigene Stimme. Die simple musikalische Begleitung untermalt einen malerischen, ehrlichen Text der Dylans Bewunderung zu seinem absoluten Vorbild ausdrückt: Die Folk-Balladen von Woody Guthrie, der als Folkmusiker der Arbeiterklasse die USA vor Faschismus und Kapitalismus warnte.

The Freewheelin‘ Bob Dylan

(Quelle: Columbia Records)

Dieses Album war Dylans großer Durchbruch. Nachdem das Debütalbum lediglich 5000 Exemplare verkaufte, war Columbia kurz davor, Dylan fallen zu lassen. Doch Hammond sah Talent im jungen Dylan und setzte sich persönlich dafür ein, dass dieses Album ein Jahr nach dem Debütalbum produziert wurde. Zum Glück. Dylan wurde zum Star. Dieses Album personifizierte für die Jugend der 60er Jahre den Protest-Songwriter. Surrealer Horror der Tagespolitik um den Kalten Krieg treffen hier auf ehrliche Balladen und humoristischen Talking Blues. Das Album zeigt einen schon reiferen Dylan, der weniger einen Blues-Sänger imitieren will, sondern seine Stimme gefunden hat. Die Produktion ist ebenfalls hochwertiger und bei Corinna Corinna spielt sogar eine kleine Backing Band folkig-melodiös im Hintergrund. Hier ist als Opener gleich Blowin‘ In The Wind zu hören, das für den damaligen Bob Dylan eher untypisch war mit seiner getragenen Friedensbotschaft. Doch durch die kommenden Jahre sollte der Song zu einer Hymne der Protestbewegung werden. Voller Hymnen ist das Album neben den ironischen Songs nämlich auch. A Hard Rains A-Gonna Fall ist ein düsteres dystopisches Meisterwerk. Das Album ist und bleibt Dylans kommerziell größter Erfolg. Teilweise zurecht, teilweise sehr seiner Zeit geschuldet. Prinzipiell ist die erste Hälfte ernster, die zweite Hälfte eher verspielt, ironisch.

Released: Mai 1963

Highlights:

Masters of War

Dieser Song zeigt alles, was einen Protestsong der frühen 60er ausmacht. Er ist von getragenen, simplen Harmonien geprägt, doch er besticht durch eiskalte Ehrlichkeit. Dylan klagt hier offen die Waffenlobby an und zeigt trotzig seine Stirn, während er ins Mikrofon murmelt „Come you masters of war, you that build the big guns, You that build the death planes, You that build all the bombs. You that hide behind walls, You that hide behind desks. I just want you to know I can see through your masks.“

Down the Highway

Eine düstere, minimalistische, absolut bluesige Ballade vom einsamen Wolf. Dylan zeigt sich hier als einsamer alleingelassener Cowboy, dessen Freundin ins ferne Italien verschwunden ist. Die Gitarre flüstert, schnarrt und schreit. In den hohen Lagen wundervoll verstimmt malt Dylan hier eine Welt der leeren Straßen,vollen Autobahnen und einem einsamen Wanderer mit seinem alten Koffer in der Hand. Eine wunderbare Mischung aus neuem Songwriter und altem Blues-Hasen.

Don’t Think Twice It’s Alright

Eine mittlerweile tausendfach gecoverte Ballade, die von Trennung und dem Gefühl handelt, dass ein Ende mit Schrecken doch besser ist als ein Schrecken ohne Ende. Die Gitarre wird mit meisterhaftem Fingerpicking gespielt, die Mundharmonika klingt wie ein aus dem Bahnhof fahrender Zug. Hier geht es darum, sich eine Trennung schön zu reden und Dylan packt seine schärfsten Lyrics raus: „I’m thinking and I’m wandering, I’m walking down the road. I once loved a woman, a child I am told. I gave her my heart but she wanted my soul. So don’t think twice, it’s alright.“

Talkin‘ World War III Blues

Ganz einfach: ein witziger gesprochener Hillbilly-Blues, in dem der Erzähler von einem kuriosen Traum berichtet, in dem er in einer menschenleeren Welt nach der nuklearen Auslöschung der Menschheit durch den dritten Weltkrieg auf die Suche nach Hot Dogs geht, Zigaretten raucht und durch das leere New York lässig mit seinem Cadillac brettert. Paranoia und Beatnik-Humor in einer wunderbaren Melange.

The Times They Are a-Changin‘

(Quelle: Columbia Records)

Nur wenige Monate nachdem The Freewheelin‘ Bob Dylan herauskam, begann Dylan die Aufnahmesessions für sein nächstes Album: The Times They Are a-Changin‘. Bob Dylan war mittlerweile ein Star, nur noch wenig war von seiner frühen New Yorker Naivität übriggeblieben. Hier wurde auch, wie beim vorherigen Album, Tom Wilson, der hippe, junge Folk-Rock Produzent der Master of Ceremony. In diesem Album hören wir eine noch minimalistischere, noch klarere Produktion. Alles ist reifer, aber auch kälter. Dylans Gitarre ist sehr organisch, taktlos und folkig gespielt, aber sie wirkt einsam und verloren im Mix. In Dylans Gesang liegt nun kein verschmitzter, Ironie-Pathos wie auf den vorherigen Alben. Die Songs handeln von Armut, zerbrochenen Beziehungen, offenen Rassismus und der Unfähigkeit staatlicher Organe. Selbst auf dem Cover sieht man Dylan schwarz-weiß im Arbeiterhemd, ernst dreinblickend wie eine steinerne Statue. Der Titeltrack und When The Ship Comes In sind geschrammelte Hymnen des optimistischen Protests, stehen aber im Kontrast zum pragmatischen Realismus den Dylan hier zeigt. Zu diesem Zeitpunkt war Dylan bereits ein weltbekannter Star, hätte es sich einfach machen können und ein paar sangliche Protestsongs aufs Band gebracht. Aber er hat sich für den sperrigen Weg entschieden, damit Hörer verloren, sich aber musikalisch gefestigt. Schon in den Auftritten zu Zeiten der Aufnahmesessions merkt man: Dylan ist ein anderer, er ist oft ernster und kein Crowdpleaser mehr. Die Protestwelle scheint für Dylan immer weniger attraktiv zu sein. Ein Monat nach Erscheinen des Albums wird John F. Kennedy ermordet. Kurz darauf hält er bei einer Preisverleihung eine kryptische Rede, in der sich mit Lee Harvey Oswald vergleicht. Dylans Aufteilung in Gut und Böse, in Schwarz und Weiß, Richtig und Falsch ist für ihn nicht mehr realitätskompatibel. Das hört man schon auf diesem Album. Die Paranoia, die auf dem letzten Album schon teilweise hervortrat übermalt hier das ganze Bild.

Released: Januar 1964

Highlights:

The Times They Are a-Changing

Der Opener des Albums wird schnell zur Protest-Hymne. Eine folkige Gitarre und Dylans Mundharmonika begleiten diesen Song über eine revolutionäre Veränderung in der Gesellschaft. Die Ersten werden die Letzten sein und wer nicht bereit ist sich zu ändern, geht unter wie ein Stein. Wie diese Veränderung aussieht wird nicht ins Konkrete gebracht aber vielleicht ist dieser Song gerade darum so zeitlos.

Only A Pawn In Their Game

Der Song ist ein typischer politischer Dylan-Song. Hier spricht die immer wieder herausbebende Gitarre für den Mörder des Bürgerrechtsaktivisten Medgar Evers der 1963 von einem White Supremacist erschossen wurde. Dylan zeigt hier kein klares Täter-Opfer-Szenario, sondern versucht zu erklären, dass der Sachverhalt komplexer ist: Evers‘ Mörder war auch nur ein Symptom einer durchgehend rassistischen Gesellschaft. Was bleibt ist kalter Pragmatismus.

Boots of Spanish Leather

Eine bedrückende Liebesballade. Schön im Fingerpicking gespielt, trotzdem sehr minimalistisch. Wieder geht es um ein Paar das eine Trennung durchmacht. Hier zieht sie fort, über einen ganzen weiten Ozean. Der Song beschreibt den Briefwechsel der beiden, jede Strophe ist die Antwort des einen auf den anderen. Dylans Gitarre geht hier völlig im akustischen Raum unter. Nur seine Stimme scheint das Stück zusammenzuhalten. Der Mix ist kühl und abweisend. So wie die Briefe die sich die beiden schreiben.

The Lonesome Death of Hattie Carroll

Auch hier versucht Dylan die Kälte und das Unrecht der Welt in einen Song zu packen. Mit zynischer Detailverliebtheit eines Zeitungsartikels setzt Dylan dem Hörer die Einzelheiten eines tatsächlichen Mordes ins Ohr. 1963 wurde eine afroamerikanische Haushälterin von ihrem damals noch 24-jährigen Arbeitgeber im Affekt ermordet. Der weiße William Zantzinger als Sohn einer Großindustriellenfamilie hat nur eine Freiheitsstrafe von sechs Monaten bekommen. Was dem Hörer laut Dylan hier nur noch als einziges übrigbleibt: Weinen.

Another Side of Bob Dylan

(Quelle: Columbia Records)

Anfang 1964 befand sich Bob Dylan in einer Krise. Er hat sich entfremdet. Von seinem Publikum, von seinem Umfeld, von seinem Werk. Die Beatles hatten gewaltigen Erfolg mit ihrer poppigen, eingängigen Musik und Bob Dylan stand da. Alleingelassen, verbittert, ein wenig wie ein alter Mann. Doch Dylan versuchte hier eine kleine Wiedergeburt. Im Februar 1964 machte er mit ein paar Freunden einen Roadtrip durch die USA. Von New York über New Orleans nach Kalifornien. Hier hat Dylan den Mut gefunden, sich von der Folk-Tradition abzulösen. Nur wie genau, das war eher eine Geschichte der nächsten Alben. In einer Nacht bei zwei Flaschen französischen Rotwein nahm er (noch wie gewohnt, meist allein mit Akustikgitarre) die elf Titel des Albums auf. Sehr spontan, poetisch, rebellisch, aber auch unkoordiniert und kurios wirkt dieses Album. Der Klang ist wärmer als beim letzten Album, die Titel jedoch völlig symbolistisch und introspektiv. Dylan versucht sich hier neu zu erfinden. So ganz gelingen will es ihm nicht. Aber das ganze Album ist so ziemlich das Gegenteil von The Times They Are a-Changing. Auf dem Cover präsentiert sich Dylan als in schwarz-weiß in die Ferne blickend. Aber mit modischen Hipsterklamotten. Ein neuer Dylan, ein gewöhnungsbedürftiges, akustisches Album.

Released: August 1964

Highlights:

To Ramona

Man kann es nicht anders beschreiben: eine psychedelische Folk-Liebesballade. Dylan sprengt hier den Folk-Rahmen um Platz für die Beat-Poesie der Hippies zu machen. Im Walzertakt zwirbelt man sich hier tiefer und tiefer in die seltsamsten Wortgebilde während es eigentlich um die Anbetung einer Frau geht. Kleine Kostprobe: „I can see that your head, Has been twisted and fed, With worthless foam from the mouth, I can tell you are torn, Between stayin‘ and returnin‘, Back to the South.“

Motorpsycho Nightmare

Eine absolute Beatnik-Erzählung im gesprochenen narrativen, Stil. Auch hier wird Dylan langsam psychedelisch. Die Geschichte eines linken Hippie-Motorradfahrers, der auf einer Farm übernachtet und sich der Farmerstochter annähert wird Stück für Stück zu einer irren Anekdote im Stil von Hunter S. Thomson.

My Back Pages

Eine Folk-Ballade, die es ernst meint. Dylan rechnet hier auf intimste Weise mit sich selbst ab. Seine alten Songs, Gewohnheiten und Ansichten hinterfragt hier ein nachdenklicher Dylan. Mit selbstsicheren Hymnen des Protests hat das wenig zu tun. Sehr improvisiert, aber furchtbar ehrlich klingt dieser Track. Das Eingestehen von Fehlern ist nun mal der erste Schritt zur Besserung. Das weiß auch Dylan und singt in jedem Refrain „But I was so much older than, I’m younger than that now“.

It Ain’t Me, Babe

Symbolträchtig verpackt Dylan diese Ballade über eine Beziehung die sich gerade auflöst mit einer Message für seine Hörer: ich bin es nicht, den ihr sucht. Ich weiß gerade selbst nicht, wer ich bin. Die planlos gestrummte Gitarre und die dazu leicht verstimmte Mundharmonika runden das Bild musikalisch perfekt ab. Mit dieser kalten Schulter schließt Bob Dylan dieses Album.

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