Warum Dylan hören?

Wieso 2021 noch einer Ikone aus längst vergangenen Zeiten zuhören?

von Richard Limbert

Erdiger Folk auf Spotify, Singer-Songwriter auf den Kleinkunstühnen Deutschlands, akustische Liedermacher in den Fußgängerzonen mit ergreifenden Songtexte sprießen nach wie vor täglich aus dem Boden. Einer alternden Legende wie Bob Dylan zollt man als Musikliebhaber der Millennial-Generation vielleicht noch seinen Respekt, kennt seine Alben aus dem Great American Songbook und der Plattensammlung seines Großvaters aber gibt es überhaupt einen Grund sich dem Werk des Mr. Tambourine Man zu nähern? Spätestens mit dem Erhalt des Literaturnobelpreises 2016 ist Dylan in den Rang der großen Autoren des 20. Jahrhunderts angekommen, doch der Name Bob Dylan ist mehr zu einem Sinnbild für den Schutzpatron aller Singer-Songwriter ab den 60er Jahren geworden, als dass er ein Musik ist, dessen Werk man kennt. Wie Picasso, Einstein und Napoleon überschattet die Figur oftmals das eigentliche Werk. Oft hört man „Also die Aufnahmen von Dylan höre ich nicht so gerne. Aber die Coverversionen seiner Songs finde ich super“. Wieso also überhaupt Dylan hören?

Ich argumentiere hier nicht mit Autoritätsargumenten á la „wer Dylan nicht kennt, hat keine Ahnung von Musik“ oder „Wenn man die Songwriter-Musik von heute verstehen will, muss man sich mit ihrer Geschichte befassen“. Solche Argumente sind vielleicht eher etwas für Historiker und Wissenschaftler und haben dort auch ihre absolute Berechtigung. Es geht mir hier eher darum, den Musikhörer anzusprechen, der sich dem Genuss eines guten Songs hingibt. Und hier ist es egal, ob jemand schon einen Nobelpreis bekommen hat, die Musikgeschichte beeinflusst hat oder George Harrison persönlich kannte. Es geht, ganz pragmatisch, um die Freude an der Musik.

Und hier ist Dylan auf den ersten und zweiten Blick ein zweischneidiger Künstler. Viele seiner Songs sind lang, eigenwillig und auf’s erste Hören schwer genießbar. Seine Stimme ist nicht glatt und sanglich, seine Aufnahmen oft rau und improvisiert. Ist es also überhaupt sinnvoll Dylan auf den Plattenteller zu legen?

Das Great White wonder mit unveröffentlichten Aufnahmen Bob Dylans Ende der 60er, eine der ersten erfolgreichen Bootleg-Platten überhaupt. (Quelle: Wikimedia Commons)

Fassbar und unerreichbar: Dylans Spiel mit der Musik

Juli 1964. Das Newport Folk Festival ist der Place to be für die jungen Baby Boomer und alten Blues-Fans, die der neuen Welle von Folk, Blues und anderer traditioneller Musik verfallen sind. Auf einem großen Festivalgelände in der Hafenstadt an der Ostküste der USA findet das Festival nicht nur auf der großen Bühne am Abend statt. Durch den Andrang kann man den ganzen Tag über auf kleinen, selbst zusammengebauten Bühnen eher informell die sogenannten Workshops verfolgen. Eher wenige Zuschauer lauschen hier im Gras sitzend nach belieben verschiedenen Musikern, jeder hat seine eigene kleine Bühne auf dem Gelände verteilt, während die Möwen über ihren Köpfen kreisen und das Schiffshorn im Hafen in der Nähe bläst. Alte Folkies, wie Peter Seeger, Bluesmusiker wie Mississippi Fred McDowell und Musiker der jungen Generation wie Phil Ochs und Joan Baez spielten an diesem Wochenende schon in ihren Workshops. Doch heute ist endlich Bob Dylan an der Reihe. Im Juli 1964 mittlerweile ein Superstar, Fans verfolgen ihn förmlich über das gesamte Festivalgelände. Im Film wird der Auftritt bei diesem Workshop festgehalten von Murray Lerner, der die Auftritte Dylans beim Newport Folk Festival im Film“The Other Side of the Mirror“ veröffentlichte. Für mich war dieser Auftritt Dylans mein Tor in die Welt von Bob Dylan als Musiker.

Angesagt wird Dylan von der Folk-Galionsfigur Pete Seeger, der ein wenig augenzwinkernd aber auch voller Respekt sagt „Born in Duluth, but his family moved up to a little mining town. He said he ran away from home 17 times and got brought back 16.“ Applaus erschallt. Ein junger Bob Dylan mit umgehangener Gitarre und Mundharmonikahalter schwankt ein bisschen auf die Bühne. Er sieht ernst aus, ein bisschen aufgeregt. Jemand im Publikum ruft „Cocaine!“ (ein Blues-Song den Bob Dylan manchmal coverte), Dylans Mimik wird zu einem verschmitzten Grinsen, er schaut herausfordernd ins Publikum und sagt lässig „Yes,yes. I hear you well. But I think you have the wrong man.“ Im Publikum erntet er damit einige Lacher, die Stimmung lockert sich. Er stimmt kurz die Gitarre und spielt sich ein, dann fängt er einen Akkord an und sagt „This is called ,Hey Mr. Tambourine Man, please Play a Song for Me’“.

Was folgt ist ein auf den ersten Höreindruck seichter Folksong, eingängig, viel Mundharmonika, nölige Stimme. Doch was Dylan hier besingt, ist ein romantischer, psychedelischer mysteriöser Fremder, der einen in die Welt der eigenen Fantasie entführt, fernab der dunklen Gassen der realen, aktuellen Welt:


„Hey, Mr. Tambourine Man, play a song for me
I’m not sleepy and there is no place I’m going to
Hey, Mr. Tambourine Man, play a song for me
In the jingle jangle morning I’ll come following you

Though I know that evening’s empire has returned into sand
Vanished from my hand
Left me blindly here to stand, but still not sleeping
My weariness amazes me, I’m branded on my feet
I have no one to meet
And the ancient empty street’s too dead for dreaming


Take me on a trip upon your magic swirling ship
My senses have been stripped
My hands can’t feel to grip
My toes too numb to step
Wait only for my boot heels to be wandering
I’m ready to go anywhere, I’m ready for to fade
Into my own parade
Cast your dancing spell my way, I promise to go under it.“

Eine sehr romantisierte Ballade des Rückzugs in seine persönliche Fantasiewelt. Sehr poetisch-60er Jahre-mäßig mit jugendlichem Sehnen nach Veränderung. Gesungen mit einem Minimalismus, der zum Träumen anregt und doch knallhart Ehrlich ist. Dylan steht vor wackelig zusammengestellten Mikrofonen – hinter ihm eine kleine Markise als Vorhang – sieht aus wie vor einer Pommesbude. Manchmal pfeift der Wind durch’s Mikrofon. Sein Lockenkopf flattert. Nach der zweiten Strophe schwenkt die Kameraperspektive und ein wahrliches Sinnbild zeigt sich: Dylan steht auf einer winzigen hölzernen Bühne, hinter ihm ein Klavier. Doch ein wahres Meer aus Menschen sitzt um ihn herum. Mehrere hundert müssen es sein. Alles junge Leute, die still im Gras sitzen und ganz ruhig dem Tambourine Man lauschen. Einige tragen Sonnenbrillen oder rauchen, hinter Dylan sitzt Pete Seeger auf einem Campingstuhl, faltet die Hände vor seinem Mund und hört bedächtig zu. Er ist mittlerweile 45 Jahre alt, mittlerweile der Schutzheilige der US-Folk Welt und hat einiges gesehen. Und doch scheint er regelrecht verzaubert zu sein. Die erste Reihe sitzt so nahe an Dylan dran, dass sie nur die Hand ausstrecken müssten, um seiner Gitarre ins Schallloch zu fassen. Fünf Minuten sing Dylan diesen einen eskapistischen Song mit erdiger Gitarrenbegleitung. Er hat die ungeteilte Aufmerksamkeit seiner Jünger. Für sie ist er ein Halbgott, der doch zum Anfassen nah vor ihnen steht. Völlig gebannt sind sie von der Musik und dem, das sie gerade erleben. Der Song der zu einer Hymne dieser Generation werden sollte, wurde erst im Frühjahr des selben Jahres geschrieben und diese Aufführung war die zweite Überhaupt. Ein wirklich verzaubernder Moment.

It’s Alright ma, it’s just the lyrics

Dylan zeigt bei diesem Auftritt ein Zusammenspiel von zwei wichtigen Faktoren der Musik: dem Fassbaren und dem Mystischen. Ein Bob Dylan, der aus der Folk-Tradition heraus die Beatnik Kultur beschreibt, indem er in großen Längen humorvoll und ironisch von Selbstfindung erzählt war Anfang der 60er Jahre noch völlig neu. Es ist für viele eben der lyrische Anspruch, der Dylan interessant macht.


Bob Dylan ist in seinem Werk klar geprägt von einem starken Fokus auf den Songtext. Und das ist auch der Aspekt unter dem die meisten Dylan sehen und respektieren. Ein Song, wie It’s Alright, Ma (I’m Only Bleeding) ist für seine Zeit völlig neu und überwältigend. Angefüllt mit politisch geladenen Sentenzen wie „Money, doesn’t talk, it swears“ und „He not busy being born, is busy dying“ bombardiert dieser Song den Hörer siebeneinhalb Minuten lang pausenlos mit einer Wand aus Wortkunst des kalten Krieges. Ein Kunststück? Allemal. Etwas, dass jeder gehört haben muss? Vielleicht. Etwas, dass jeder mögen muss? Bestimmt nicht. Hier durchdringt Dylans down to earth Stil den Song zwar ganz wunderbar, aber ein Cover, wie das von den Byrds, tut es auch. Also kein Grund speziell Dylan zu hören. Ähnlich ist es mit epochalen Hymnen wie Desolation Row, Gates of Eden und eben Mr. Tambourine Man.

Bob Dylan war und ist ein sehr reflektierender Musiker wenn es um Gesellschaft und Politik geht. Seine Titel wie Only A Pawn in Their Game, Masters of War und Blowing in the Wind sprechen von einer unglaublich spannenden Beziehung zu Politik und Gesellschaft. Die Nähe zu ganz fassbaren, tagesaktuellen Themen ist Dylans Ding. Dafür lohnt sich Dylan allemal. Aber auch hier, gibt es andere, die das ebenfalls genauso gut machen.

Dylan hat einen speziellen Stil zwischen urbanem 60s Beatnik und ländlichen Country-Sänger, der seinen Charme hat. Für Hörer die einen Hang zum etwas morschen Klang irgendwo zwischen Songwriter/Folkmusiker und Independent Artist hat, ist der Sound von Dylan sicher etwas, dass man nicht verpassen darf. Aber die Größe von Dylan darf nicht mit seiner Massenkompatibilität verwechselt werden. Es gibt Leute, die mögen Bob Dylan nicht, werden ihn nicht mögen und das ist völlig okay so. Auf den Compilations der besten Musik der 60er Jahre taucht Dylan deshalb auch eher selten auf, wenn man ihn mit den Beatles, den Rolling Stones und Simon & Garfunkel vergleicht. Dylans Aufnahmen sind eben nicht oft leicht verdaulich produziert. Im Studio war er nie ein einfacher Kunde und berüchtigt dafür, Songs on the Go zu improvisieren, die Studiomusiker nicht in seine Arrangements einzuführen und sehr intuitiv seiner Kreativität freien Lauf zu lassen. Musik zum Mitwippen kommt nicht immer dabei heraus. Doch Bob Dylan ist vor allen Dingen eins: ein Musiker, der sich immer mit Musiktradition beschäftigt. Ein regelrechter Nerd wenn es um Geschichte und Kultur geht. Und das steht ihm zwar oft im Weg, formt aber auch sein Werk. Vielleicht mehr als jede poetische Interpretation seiner Texte lohnt sich ein Blick auf Dylans stetigen Austausch mit seinem eigenen Werk.

Bootleg Series und Nerdkultur

Wortkarg, ständig wechselnde Setlisten und Arrangements: Bob Dylans Konzerte sind eigenartig. Und das waren sie auch immer. Schon bei Aufnahmen aus Zeiten als Dylan nur Solo mit Akustikgitarre live spielte, hört man, dass er die Texte, Harmonien und Taktarten seiner Songs regelmäßig nach täglicher Stimmung abänderte, Bei der eben genannten Live-Version von Mr. Tambourine Man lässt er zum Beispiel eine ganze Strophe aus. Besonders krass wurde es aber ab 1965, als Dylan mit einer elektrisch verstärkten Band mit Schlagzeug, E-Bass, Orgel und E-Gitarre tourte. Hier wurde Dylans Freak-Flag wirklich auf Vollmast gehisst. Abstruse Versionen seiner Songs kamen so, völlig abseits der Albumversionen, auf die Bühnen. Ob I Don’t Believe You (She Acts Like We Never Have Met) oder One Too Many Mornings: 1966 schrie Dylan wahrhafte Psychedelic-Rock Hymnen ins Mikro, die zwei Jahre vorher noch brave Folk-Stücke für die Akustikgitarre waren. Nach dieser Tour und einem Motorradunfall zog sich Dylan ab 1966 komplett aus dem öffentlichen Leben heraus und nahm als braver Familienvater auf dem Lande gemeinsam mit seinen Backing-Musikern alte Amerikanische Folks Songs, neue, mysteriöse Songs aus eigener Feder und alles auf, was ihm grade in den Kopf kam. Völlig abgetrennt von der Außenwelt in seinem Keller. Er komponierte nur noch für andere Musiker. Zum Beispiel Quinn the Eskimo (The Mighty Quinn) mit dem Manfred Mann 1968 bekannt wurde.

Mit Sonnenbrille und Polka-Dot Hemd. Bob Dylan zusammen mit Robbie Robertson auf seiner Tournee 1966. (Quelle: Wikimedia Commons)

Mit diesem eigenwilligen Nerd-Verhalten stachelte er einen ganzen Zweig der Jugendkultur an, der bis dahin nie wirklich adressiert wurde: die Bootlegs. Schwarz-hergestellte Tonträger von unveröffentlichtem Material. Konzertmitschnitte, Demoversionen, alles was zu dreckig war um vom Label offiziell veröffentlicht zu werden. Diese Bootlegs, die von Dylan-Fans weltweit hergestellt und vertrieben wurden, wurden irgendwann zu so einem großen Markt, dass Columbia, Dylans Label, reagieren musste. Im Laufe der 70er Jahre veröffentlichte das Label immer wieder gezielt Bootleg-Aufnahmen, wie The Basement Tapes 1975, um diesen Markt zu untergraben. Die Musikhörer wollten eben wie bei keinem anderen Musiker wissen, was Dylan in seinem Keller macht, wie er seinen nächsten Song auf der Bühne verschandelt oder verbessert. Die Definitive Album-Version eines Songs gibt es seitdem bei Dylan nicht mehr.

Und das macht Dylans Musik zu etwas, dass für mich 1964 mit dem Mr. Tambourine Man angefangen hat: Dylans Werk ist eines, dass den Begriff Werk wirklich neu definiert: ein ständig wechselndes Potpourri aus verschiedensten Arrangements wechselnder Qualität. Dylan ist ein absolut etablierter Musiker, einer der bekanntesten des 20. Jahrhunderts. Aber als Musikhörer, der etwas für eine Best Of Compilation haben will, ist er vielleicht nicht immer das richtige. Da gibt es andere, die besser auf den ersten Blick ansprechende Musik machen können. Dylan ist aber vielleicht der einzige Musiker, der dermaßen bekannt ist, während sein Werk gar nicht zu verstehen ist, ohne den Blick auf die Bootlegs zu werfen. Der Prozess der Schaffung, der Live-Konzerte, der Nerd-Way ist der Dylan-Way. Musiker, an die man durch ihre Bekanntheit so gut herankommt, während sie so eine florierende Kultur von Bootlegs entzünden gibt es nur bei Dylan. Vielleicht wäre David Bowie noch hier mit Dylan zu vergleichen.

Bob Dylan ist immer ganz nah dran und ganz weit weg. Die großen Alben der 60er Jahre bleiben für mich auch eher die der Beatles, Simon & Garfunkel und King Crimson. Bob Dylan ist eher etwas für Schatzsucher. Auf eine Compilation passt er eher nicht. Aber wer Bock hat auf das Wühlen in alten Kartons vom Dachboden, muss Bob Dylan hören, sonst entgeht ihm was. Für Musikhörer, die gerne mehr wissen wollen, ist Bob Dylan the Gift that keeps on giving. Und das völlig unabhängig von Zeit und Raum.

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