North Country Blues – Bob Dylan und die Arbeiterklasse

von Richard Limbert

Bob Dylan und sein Werk gilt für viele als moderne Wortkunst in gleicher Reihe mit Shakespeare, Goethe und Hermann Hesse. Das Werk großer Poeten als vergeistigte Hochkultur aus dem Elfenbeinturm ist Dylan aber fremd. Obwohl man Künstlern oft Weltfremdheit attestiert, ist Dylan ein Beispiel für einen Künstler mit beiden Beiden auf dem Boden. Der Folkmusiker zeigt in seinen Texten oft eine tiefgreifende Verbundenheit mit der Arbeiterklasse. Und das gar nicht versteckt zwischen mystischen Zeilen. Bob Dylan ohne Klassenverständnis ist überhaupt nicht denkbar und zumindest für große Schaffensperioden war die Identifikation mit Bergarbeitern, Haushältern und Bauern der Kleber, der Dylans Werk zusammengehalten hat. Das industrielle Proletariat,das durch wirtschaftliche Stellung, Lebenschancen und sozialer Lage gemeinsame Interessen hat, war für Dylan sogar einige Jahre die wichtigste Leinwand für seine musikalischen Werke und stammt ganz klar aus Dylans Biographie.

Minnesota und die Bergarbeiter

Dylan stammt aus dem Norden Minnesotas. Geboren in der Hafenstadt Duluth und mit sechs Jahren ins nahegelegene Hibbing gezogen, kannte er die Arbeiterklasse förmlich aus nächster Nähe. Hibbing und Duluth liegen in der Iron Range. Einer Gegend am Lake Superior, die von der Eisenproduktion lebt. In den 1890er Jahren wurde in Dylans Heimat zum ersten mal Eisenerz entdeckt und die Region blühte unter der Eisenwirtschaft bis tief ins 20. Jahrhundert förmlich auf. Eisenerz wurde bis in die 50er Jahre hinein abgebaut und formte klar sichtbar die Landschaft. Teilweise gigantische Szenerien aus Bergbaumaschinen und offenen Gruben, durch die der junge Dylan in High School Zeiten mit seinen Freunden oft Motorrad fuhr, prägten die Gegend. Da hier in der Zeit des Eisenerz-Booms meistens Bergarbeiter gesucht wurden, war Hibbing durchaus kulturell durchmischt, jedoch nicht so bunt wie in den Feldarbeitsregionen der Südstaaten. Die meisten Bewohner Minnesotas sind immer noch skandinavischer Herkunft. Der kleine Bob Dylan, damals noch Robert Zimmermann, wuchs in behüteten aber nicht betuchten Verhältnissen auf. Als eines von zwei Kindern in einer Kleinstadt voller skandinavischstämmiger Bergarbeiter stachen die Zimmermanns als eine der wenigen jüdischen Familien in der Iron Range der 40er Jahre durchaus heraus. Trotzdem war der Zusammenhalt zur Nachbarschaft laut seiner Mutter Beatrice sehr eng und die Zimmermanns wurden sehr herzlich in die Community integriert. Dylans Vater, Abraham Zimmermann war leitender Angestellter der Standard Oil Company in Duluth. Durch eine Polioerkrankung zogen die Zimmermanns aber 1947 nach Hibbing, wo er als Elektriker und Waschmaschinenhändler arbeitete. Abraham war sozial sehr aktiv, Mitglied und Vorstand mehrerer Vereine und hatte ein großes soziales Umfeld. Er hat sich selbst meist als gebildeten aber Kumpelhaften Arbeitertypen gegeben. Robert Shelton, New YorkTimes Journalist und Bob Dylan-Biograph trifft ihn in den 60ern in Hibbing und beschreibt ihn als

Abe was a short man with an appealing smile that revealed irregular teeth. Behind strong glasses, his eyes were a soft boyish blue, until they hardened. His wavy black hair was flecked with gray. He dressed in sports shits, slacks, and sweaters that suggested California more than Minnesota. He frequently sported a fine, thick cigar. Abe’s speech was slow and deliberate, in contrast to Beatty’s torrential flow. He peppered his talk with double negatives, yet he didn’t sound unschooled.“

Alles in allem wirkt Dylans familiärer Hintergrund teilweise bürgerlich aber teilweise auch wie ein durchmischter Arbeiterklassenhintergrund. Einen fulminant akademischen Background kann man Dylan also nicht attestieren. Dylans Familie ist eher eine Familie des Kielbürgertums, nah an den Arbeitern der Gegend sozialisiert und eher bescheiden. Abraham kannte die Bergarbeiter auch durch als Kundschaft seines Betriebs, suchte die Tuchfühlung mit den alteingesessen Arbeiterfamilien. Trotzdem war der kleine Dylan schon früh an Kunst und Kultur interessiert.

Vom James Dean-Rebellen zum Klassenbewusstsein

Dylan war als Teenager ein Kleinstadt-Rebell. Am liebsten hörte er Rock’n’Roll, spielte Klavier und E-Gitarre, trug Lederjacke und brauste mit seinen Freunden mit dem Motorrad durch die Eisenerzmienen Hibbings. Dylan war provokant,wortgewandt und übermütig. Er baute, laut Erinnerungen seiner Jugendfeunde, regelmäßig beinahe Unfälle und wusste auf jeden dummen Spruch eine Antwort. Dylan liebte Elvis, James Dean und Little Richard. Er wollte hier weniger der Arbeiterklasse entkommen, als eher der kleinstädtischen Spießigkeit seiner Eltern.

Die Faszination zum Rock’n’Roll bekommt jedoch Konkurrenz. Bei Dylans High School Abschluss 1959 bekommt er auf der Familienfeier eine Schallplatte vom Louisiana Blues-Sänger Leadbelly geschenkt. Diese erdige, akustische Musik, die Leadbelly zu Texten über Armut, dem Leben auf dem Land und im Gefängnis spielt, weckt in Dylan eine nie vorher gekannte Faszination. Die Verbindung zu den Arbeitern der Iron Range wird plötzlich geweckt. Er selbst sagt zu Leadbellys Song „Cotton Fields“ in seiner Nobelpreisrede:

„And somebody – somebody I’d never seen before – handed me a Leadbelly record with the song “Cottonfields” on it. And that record changed my life right then and there. Transported me into a world I’d never known. It was like an explosion went off. Like I’d been walking in darkness and all of the sudden the darkness was illuminated. It was like somebody laid hands on me. I must have played that record a hundred times.“

Vom Gefängnis auf die Bühne: der Blues- und Folk Musiker Leadbelly zündete gemeinsam mit Odetta die Faszination für Themen der Arbeiterklasse in der Musik im Leben des jungen Bob Dylan (public Domain)

Zur selben Zeit lernt Dylan auch die Musik der afroamerikanischen Folksängerin Odetta kennen. Der Rock’n’Roll weicht in Dylans Teenie-Zeit Interessen dem Blues, Folk, dem Interesse am ländlichen Süden. Nach der High School zieht Dylan zum Studium an der University of Minnesota ins größere Minneapolis. Er ist hier vor allem in Dinkytown unterwegs. Ein studentisches Viertel voller Restaurants, Bars und anderer Kulturräume. Dylan findet schnell Anschluss unter den Künstlern und Musikern der Stadt. Viele davon Blueser und Folker. Die meisten seiner Weggefährten waren allerdings eher jugendliche Abenteurer, als politisch versierte Zeitgossen, wie der spätere Dave van Ronk und Phil Ochs in New York. „Spider“ John Koerner als Gitarrist und Tony Glover an der Mundharmonika, waren zwei der jungen Bluesmusiker, die mit Bob Dylan 1959 und 1960 um die Häuser zogen. John Koerner sagt selbst in Retrospektive zur eher naiven Zeit mit Dylan in Dinkytown: „We were all goofy, you know. We were thinkers and drinkers and artists and players, and Dylan was one of us. He was another guy.“ Dylan wird in Dinkytown allerdings schnell politisiert und das durch keinen Bandkollegen oder Saufkumpanen. Die Musik von Woody Guthrie tritt ins Leben des jungen Dylan. Der Troubadour aus Oklahoma war bekennender Kommunist und schrieb Lieder über das Weltgeschehen, spielte Seite an Seite mit Pete Seeger und schreib eine regelmäßige Kolumne für ein kommunistisches Magazin. Sein auf seine Gitarre geprägter Spruch „This machine kills fascists“ wird für Dylan zum Weckruf. Dylan liest Guthries Autobiographie „Bound for Glory“ und redet den Rest seines Zeit in Minneapolis von kaum etwas anderem mehr, will auf Parties oft nur mit „Woody“ angesprochen werden und saugt Guthries Songs auf wie ein Schwamm. Woody Guthrie ist der singende Prophet der US-amerikanische Arbeiterklasse in den USA des frühen 20. Jahrhunderts und entzündet in Kombination mit Dylans Hintergrund der Iron Range Dylans Identifikation mit der Arbeiterklasse, die ihn sein Leben lang begleiten sollte.

North Country Blues – den Finger in die Wunde legen

Neben der Identifikation des jungen Dylans in New York durch die Musik des Blues in den armen Gegenden der Südstaaten, ist Dylans Debütalbum von 1962 bereits durchzogen von einer klaren Hinwendung zur arbeitenden Klasse. Dylan besingt in seinem „Song to Woody“ bereits die verschiedenen Schichten als zentrales Thema in Guthries songs:

I’m out here a thousand miles from my home
Walkin’ a road other men have gone down
I’m seein’ your world of people and things
Your paupers and peasants and princes and kings“.

Diese eher wage Anerkennung und Thematisierung der Arbeiterklasse ist stilgebend für den frühen Dylan. Er ist nicht politisch aktiv, aber zeigt regelmäßig, dass das Thema Klassenzugehörigkeit für ihn im Fokus steht. Den Finger so wirklich in die Wunde legt Dylan hier aber erst ab seinem Album „The Times They Are a-Changin’“ von 1964. Dieses Album ist Dylans Höhepunkt – aber auch Endpunkt – seiner offenen Identifikation mit der Arbeiterklasse. Bereits auf dem Cover starrt uns ein wie aus Stein gehauener ernster Dylan, schwarz-weiß, im kurzärmligen Arbeitshemd an. Durch seine Erlebnisse mit verschiedensten Gesellschaftsschichten auf seinen Touren und beim Newport Folk Festival geht Dylan hier in die Offensive, spricht Tacheles über die Sorgen der Arbeiterklasse. Besonders sein Song „North Country Blues“ sticht dabei heraus. Er bedient sich hier seinen eigenen Erfahrungen und seinem Minnesota Background. Die prekären Arbeitsumstände der Bergarbeiter der Mesabi Range im Iron Range Minnesotas sind hier Thema. Da hier die gesamte Wirtschaft vom wankenden Eisenerzabbau lebt, ist die Erzählerin des Liedes hier im kohlschwarzen Arbeiterdorf gefangen. Ohne Beruf, ohne Geld und ohne Hoffnung. Die Geschäfte schließen, der Eisenerzabbau ist nichts mehr wert und auch für ihre Kinder gibt es keine Zukunft :

„They complained in the East

That they are paying too high

They say that your ore ain’t worth digging

That it’s much cheaper down

In the South American town

Where the miners work almost for nothing

So the mining gates locked

And the red iron rotted

And the room smelled heavy from drinking

Where the sad, silent song

Made the hour twice as long

As I waited for the sun to go sinking

[…]

The summer is gone

The ground’s turning cold

The stores one by one they’re a-foldin‘

My children will go

As soon as they grow

Oh, there ain’t nothing here now to hold them“

Doch auch andere Songs auf diesem Album handeln vom schweren Schicksal der Arbeiter. In „The Lonesome Death of Hattie Carol“ geht es um die Ermordung einer afroamerikanischen Haushälterin durch ihren Arbeitgeber und in „Ballad of Hollis Brown“ wird ein Farmer in Ich-Erzählung durch Armut und Hunger zur Tötung seiner Frau und Kinder getrieben. Und das mit dem eigenen Gewehr, Das sind alles Gesellschaftsstudien aus nächster Nähe, sogar meistens Ich-Erzählugen. Die Arbeiterklasse und ihre durch den Kapitalismus verursachten Probleme bleibt ein zentrales Thema für Bob Dylan.

Cover von Bob Dylans Album „The Times They Are a-Changing“ (1963) (Quelle: Columbia Records)

Arbeiterklasse als Konstante

Mit „The Times They Are a-Changin’“ setzt sich Dylan am klarsten in die Schuhe der Arbeiterklasse und eine klarere Positionierung als in der ersten Hälfte der 60er Jahre sollte er zu diesem Thema nie einbeziehen. Dylan ist eben Songwriter und schreibt Lieder über diverse Themen: Liebe,Trauer, lustige Begebenheiten. Doch die Arbeiterklasse bekommt immer wieder, wenn auch nicht immer klar im Vordergrund, eine Stimme in seiner Musik. Seine Herkunft des Iron Belt verbindet er immer mehr mit träumerischer kindlicher Naivität. Die deprimierenden Kohlegruben am Rande der Welt sind für ihn mehr in mystischer Ort. So singt er in „Something There is About You“ von 1973:

„Thought I’d shaken the wonder

And the phantoms of my youth

Rainy days on the great lakes

Walkin‘ the hills of old Duluth

There was me and Danny Lopez

Cold eyes, black nights and then there was Ruth

Somethin‘ there is about you

That brings back a long-forgotten truth“

Die Phantoms of his Youth waren zwar auch persönliche Erinnerungen aber auch die Personen und Schicksale des Iron Belt. Hier sieht man, wie sich seine Position seit „North Country Blues“ etwas entfernt hat. Als musikalischer Neo-Ethnik war Dylan natürlich an aufregender, archaischer, uriger Landmusik interessiert, aber ganz fassbare gesellschaftliche Themen wie Armut und Tod waren vor allem in der ersten Hälfte der 60er Jahre wiederkehrende Motive seiner Songs. Und auch später hat er seine Brille nie abgelegt. In Like A Rolling Stone geht es um den typischen Hipster-Yuppie, der nur die besten Schulen besuchte und plötzlich merkt,wie hart die Welt wirklich ist. Diese Person spricht Dylan spöttisch mit dem wiederholten „How does it feel?“ des Refrains anklagend aus der Ferne an. Er identifiziert sich mit den einfachen Leuten, nicht mit den umgarnten Harvard Drop-outs aus bestem Hause. Und das noch 1965, auf dem Höhepunkt seines Erfolges.

Cover von Bob Dylans Album „Nashville Skyline“ (1969) (Quelle: Columbia Records)

Mitte und Ende der 60er Jahre gab es für Dylan mit Blonde on Blonde eher eine Zeit des eher introspektiven psychedelischen Folk und Blues-Rock, aber schon mit John Wesley Harding und Nashville Skyline wandte sich Dylan wieder mit Country und Folk den Musikstilen der Arbeitenden zu. Allein die Albumcover zeigen hier einen in Filzhut und Mantel gekleideten Einsiedler, der von der Welt des großen Musikmarktes Abstand nimmt. Gemeinsam mit den Musikern, die später einmal als The Band den Country-Rock und Americana revolutionieren sollten, zieht er in ein Holzhaus im ländlichen Up-State New York und arbeitet an seiner Musik. Immer wieder tauchen bei Dylan in den nächsten Jahren und Jahrzehnten Titel auf, die zumindest eine Identifikation mit der Arbeiterklasse bezeugen. Sei es „Blind Willie McTell“ oder „Working Man’s Blues #2“.

Tangled Up in Blue – Verwoben in die Arbeiterklasse anstatt Blick von Außen

Was auffällt ist, dass Bob Dylan, wenn er über die Arbeiterklasse schreibt, immer aus Sicht der Arbeiterklasse selbst heraus beobachtet, wahrnimmt, analysiert. Bob Dylan schreibt nicht ironisch-distanziert in-Character wie Randy Newman oder Bertolt Brecht. Dylan ist immer mitten drin. Als klassischer Folk Songwriter ist das absolut Genre-gerecht und sogar stilprägend. Bob Dylan blickt immer aus den Augen eines Kindes der Arbeiterklasse auf die High Class. Neben seinen angriffslustigen Balladen über sich über alles erhebende Yuppies, wie in „Like A Rolling Stone“ und „Positively 4th Street“, klagt er in anderen Texten die Finanzmachthaber direkt an. In „Masters of War“ wirft er der den Mitgliedern der Waffenlobby gleich ein „And I hope that you die, and your death will come soon“ entgegen. Bob Dylan spricht eben mit der Arbeiterklasse, nicht über sie. In „Tangled Up In Blue“ geht es zwar in erster Linie um eine turbulente Liebesgeschichte in der Ich-Erzählung, aber auch die ist stark verwoben mit der Suche des Erzählers nach einem neuen Job, Geldproblemen und den spezifischen Sorgen der Arbeiterklasse, wie sie zum Beispiel bei Simon & Garfunkel eher selten vorkommen.

Damit hat Dylan, obwohl er oft als der Vater des Songwriters schlechthin betrachtet wird, mehr Gemeinsamkeiten mit Bruce Springsteen, der stets aus der Sicht des New Jersey Arbeiters schreibt, als mit einem sehr über die eigene Gefühlswelt singenden James Taylor. Und das ist gerade das spannende an Dylan: Beide Stile sind trotzdem in einem Werk enthalten. Dylan ist nicht so klar mit einer politischen Agenda versehen, wie viele seiner Zeitgossen. Und das war er und seine Songs auch nie. Aber seine Gedanken über das Weltgeschehen sind trotzdem ein absolut essentieller Teil seiner Werkes und ohne diese Seite kann man Dylan überhaupt nicht verstehen. Nur Dylan macht es eben wie ein guter Künstler: Er vermischt Persönliches mit Weltbewegendem. Und das macht ihn zu einem ständig wandelnden und trotzdem auf dem Boden gebliebenen Künstler, der die Arbeiterklasse nie aus den Augen verloren hat.

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