The Night They Drove Old Dixie Down – Historische Aufklärung und Verklärung in Country und Americana

von Richard Limbert

Bei der Bezeichnung Mythos denkt man schnell an Herakles, Thor und Robin Hood. Dort wo historische Aufzeichnungen mit dem Spinnen von Fiktion verschwimmen, sind aber viele unserer noch aktuellen Themen der Popkultur zu Hause. Nicht nur die Geschichte um König Arthur vermischt vieles aus Fakt und Fiktion, auch der Mythos der USA, samt Wilder Westen und Goldgräber ist ein typischer Mythos. Bei Billie the Kid und Buffalo Bill werden nicht nur Abenteuergeschichten erzählt, sondern gleich ein ganzes Theater von moralischen Werten und typischen Verhaltensweisen zementiert, die oft in Kolonialismus und christlichem Fundamentalismus fußen. Was das alles mit Country und Folk Music zu tun hat, sieht man nicht nur zwischen den Zeilen in den Songtexten. In der Western Ballade Tennessee Saturday Night wird gleich am Anfang schon viel vom Märchen der USA erzählt:

Now, listen while I tell you about a place I know
Down in Tennessee where the tall corn grows
Hidden from the world in a bunch of pines
Where the moon’s a little bashful and it seldom shines
Civilized people live there all right
But they all go native on Saturday Night
Oh, well the music is a fiddle and a cracked guitar
They get their kicks from an old fruit jar
They do the boogie to an old square dance
The woods are full of couples looking for romance
Somebody takes a brogan and knocks out the light
Yes, they all go native on Saturday night“

Auch wenn hier nicht direkt klare moralische Werte oder historische Begebenheiten genannt werden, sind genau diese Songtexte der Countrymusik zur Bildung eines kollektiven Gedächtnisses so wichtig. Die Finnische Folkloristin Lauri Honko definiert den Mythos beispielsweise als: „A myth expresses and confirms society’s religious values and norms, it provides a pattern of behavior to be imitated, testifies to the efficacy of ritual with its practical ends and establishes the sanctity of cult.“ Und genau diese Zementierung eines Kults, nämlich des Kults um die USA, sehen wir durch die Jahrzehnte in verschiedenen Farben in Folk, Americana und Country.

Country, Western, Minstrel Show – Music for the Everyman

Volkslieder sind mehr als nur Folk music. Volksmusik, das war der musikalische Alltag für jeden der in Europa und Amerika nicht zum gehobenen Bürgertum oder Adel gehörte und somit über Jahrhunderte praktisch allgegenwärtig. Auch in den USA wurde mit der Ankunft der Europäer und der Sklaven aus Afrika zu Hause oder auf Reisen gesungen, gefiedelt, geschrammelt und eben mit allem musiziert, was man in die Finger bekam. Europäische Musiktraditionen aus bürgerlicher Kultur wurden dabei auch beibehalten. Man kennt die USA natürlich als Land des Banjos und der Westerngitarre, aber auch Afroamerikaner und Bergbauern aus den Appalachen ließen auf Tänzen und im Wohnzimmer oft Geige, Zither oder Flöte den Ton angeben. Der musikalische Alltag war einfach noch stärker durch Notwendigkeit geprägt und Volkslieder haben dadurch immer schon eine große Bandbreite an Themen behandelt. Liebe, Heimat, Mord und Totschlag waren dabei, aber eben auch die Weitergabe historischer Ereignisse und Mythen zur Identitätsstiftung waren ein heißes Thema.

Der Begriff des Country ist hier ein wenig schwer ins Bild zu rücken. Ich meine damit aber vor allem den Country des Rundfunk und Fernsehen, der ab Anfang des 20. Jahrhunderts durch die Aufnahmen Thomas Edisons übers Radio und durch Shows wie The Grand Ole Opry in die Wohnzimmer der US-Amerikaner übertragen wurde. Angefangen mit dem Mainstream Country hat alles ungefähr in den 20er Jahren und Nashville, Tennessee mit seinen professionalisierten Produktionsstätten war der Stern um den sich alles kreiste. Als Sammelbegriff ist Country ein wichtiger Faktor in der Musikkultur der USA, denn von Jimmie Rodgers über Hank Williams zu Gabby Barrett zieht sich ein roter Faden aus Besetzung, Aufmachung und Sound. Country aus Nasjville behandelt ebenfalls meistens Themen wie Liebe, Treue, Einsamkeit und Alltagsproblemen. Die Musik ist als klassische Unterhaltungsmusik eher durch Akustikgitarren mit seichter E-Gitarre und balladenartigem Schlagzeug-Beat geprägt. Insgesamt ist der mainstreamige Pop-Faktor der Country Musik hoch und Vergleiche zur Musik der Tin Pan Alley und Militärmärschen,wie sie als Schlager schon im 19. Jahrhundert in Mode waren, sind auf den ersten Blick etwas schräg. Country lebt aber stark von Massentauglichkeit. Wenn Hank Williams‘ Cold, Cold Heart schmachtend aus dem Radio erschallt, dann ist klar, dass die bereits frühen Verbindungen zu Rundfunk und Fernsehen hier eine große Rolle spielen. Der klassische hart arbeitende Ur-Amerikaner mit Haus, Auto und Familie soll hier angesprochen werden.

Bobbejaan Schoepen in der Grand Ole Opry 1953 (Quelle: Wikimedia Commons)

Und gerade hier schließt sich der Kreis zum Militärmarsch und Tin Pan Alley-Schlager des 19. Jahrhunderts. Es geht eben oft in erster Linie um pure, seichte Unterhaltung. Es ist kein Wunder, dass als erste richtig boomende eigenständige Unterhaltungsmusik oftmals die kuriosen Minstrel Shows genannt werden. Ab den 1840er Jahren waren diese Shows aus dem US-amerikanischen Süden der absolut neuste Schrei in ganz Nordamerika. Hier wurden in Theater-Ensembles zu Banjomusik Sketche aufgeführt, Tänze präsentiert, kleine Schnipsel aus Theaterstücken gespielt und möglichst lustige oder schmachtende aber in erster Linie unterhaltsame Songs gesungen, die oft eigens für diese Shows komponiert wurden. Bis nach England breitete sich damals der Minstrel Show Boom aus. Dass hierbei zur Unterhaltung meist in Blackface Afroamerikaner karikiert und als dümmliche Clowns dargestellt wurden war Teil der Unterhaltung. Rassismus wurde nicht klar thematisiert, aber er schwang meistens mit, war as American as Apple Pie. Und mit der Übernahme dieser Musikkultur ins musikalische Kollektivgedächtnis der USA nimmt man eben auch viel Ballast mit, egal wie laut das Publikum applaudiert.

Werbung von 1867 für eine Minstrel ShowTruppe im Wood’s Theater (Quelle: Wikimedia Commons)

Auf der anderen Seite ist Country auch stark mit der ländlichen Kultur der Afroamerikaner verwoben und kommt nicht aus dem Luftleeren Raum. Das Banjo ist ein ursprünglich afrikanisches Instrument, dass sich mit europäischen Instrumenten vermischt hat. Country ist nicht nur Schlager, sondern war eben auch lange Zeit mit Folk Musik identisch gewesen. Die Entwicklung zum Schlager mit dicken, schmalzigen Streichern und gecroonter Singstimme mit Hall-Effekt fand erst durch Nashville ab den 50er Jahren statt. Die Antwort der Country-Industrie auf den wilden Rock’n’Roll war eben der brave Country-Schlager. Rock’n’Roll hat sich klar mit dem Rockabilly und Hillbilly Stil identifiziert und hat auch hier seine Wurzeln, doch Nashville will dem Country eher die Kanten glätten. Und diese Vielschichtigkeit des Country mit seiner Beziehung zur US-Kultur und Gesellschaft zeigt sich eben in den Themen der Songs.

Züge, Indianer und rote Rosen – die Themen der Country Songs

Wer sich die Nashville-Country Songs von Größen des Genres wie Hank Williams, Eddy Anrold und Ernest Tubb anhört, findet wenige Schilderungen von US-amerikanischer Geschichte. Wenn historische Themen auf die Bühnen kommen, dann ist unangefochten ein Themengebiet im Country besonders beliebt: Züge. Es gibt eine ganze Barrage an Songs zum Thema Eisenbahn. Sofort fällt einem hier Wreck of the Old 97 ein, dass vor allem durch die Version von Johnny Cash bekannt wurde. Doch auch Hank Snow und diverse andere Country Musiker hatten diesen Titel in ihrem Repertoire. Das Stück behandelt ein Zugunglück, das 1903 in Virginia elf Menschen das Leben kostete und die Schuld wird hier der Train Company gegeben, die den Lockführer dazu drängt aufs Gas zu drücken. Sonst sind die meisten Train Song eher eine Huldigung des stählernen Rosses und erklären die „mighty, rusty engine“ zum Schatz der ganzen Gegend. Wabash Cannonball ist einer dieser Songs, der unter anderem auch von Roy Acuff aber auch von klassenbewussten Folk Musikern wie Woody Guthrie gesungen wurde. Und das nicht ohne Grund: Die USA als Nation die auf ihren technischen Fortschritt im 19. und 20. Jahrhundert ihr Imperium aufbaute, sieht den Zug natürlich als Symbol des Amerikanischen Triumphs an. Und Fortschritt ist eben auch für Folksänger, egal welcher Couleur, ein Thema. Im Country werden die USA als Land der Dampflockmotive also sowohl romantisiert, als auch in die Tradition von Fortschritt und den Triumph des menschlichen Geistes gestellt. Diese Kombination findet sich im Country immer wieder und zeigt sich auch in der fast schon gottgleichen Verehrung von US-Truppen und des gesamten US-Kriegsapparates. Hier ist also ein wichtiger Teil des Mythos USA in Kraft und Empowerment zu sehen. Von Rock Island Line bis Hey Porter sind Train Songs ein großes Stück der Country-Identität.

Ein anderes Thema sind die Arbeiter der USA. In John Henry und Sixteen Tons wird der harte Arbeitsalltag geschildert. Sowohl alte Folksongs, wie John Henry, als auch neu komponierte Country und Western Titel,wie Sixteen Tons von Merle Travis befassen sich mit den nahezu heldenhaften Aufgaben, die die US-amerikanischen Arbeiter bewältigen müssen. Bei Sixteen Tons heißt es doch schon: „I was born one morning when the sun didn’t shine. I picked up my shovel and I walked to the mine. I loaded sixteen tons of number nine coal. And the store boss said ‚lord, bless my soul’“. Der Mythos der USA als Land des Fortschritts, dessen Helden die kleinen Arbeiter, der Jedermann, sind, wird hier wiedererzählt. Gleichzeitig aber auch vorangetrieben und auf subtiler, eher abstrakter Ebene vermittelt.

Im Großen werden hier viele romantischen Anklänge an die glorreichen Vereinigten Staaten aufgegriffen. Alles ist homegrown, mit Liebe von Hand gemacht. Im good ol‘ Home gibt es keine konkreten Daten und Vorgänge der US-Geschichte. Hier regiert das Gefühl. Und genau diesen Zustand hat man auch in den Tin Pan Alley und Minstrel Schlagern aus vorhergehenden Zeiten. Die von allen gefühlte Gemütlichkeit der Heimat ist der Sieger der Country-Musik. So dass man anstelle von handfesten Daten seit über einhundert Jahren meist einfach nur „Are you from Dxie? ‚Cause I’m from Dixie, too“ trällern kann. Gerade deshalb werden im Country oft alte Songs aus Minstrel Shows übernommen, besonders wenn sie eingängige, harmlose Songs über Liebe und andere Alltagssorgen sind. Ernest Tubb und viele andere hatte mit The Yellow Rose of Texas – das als Minstrel Show Songs schon zu Zeiten des Bürgerkriegs ein Erfolg war – und unzähligen anderen Liebesliedern Hits. Ethnische Minderheiten werden in klassischen Country Songs hier kaum behandelt. Höchstens in Hank Williams‘ Kaw-Liga geht es um einen hölzernen Indianer in einem Antiquitätenladen, der sich in sein weibliches Gegenstück im Kaufregal verliebt. Süße kleine Geschichten für große, komplexe historische Themen. Genaue historische Daten und Begebenheiten sind innerhalb des Mainstream Country aus Nashville eher eine Sache für Züge und weniger für Politik und Gesellschaft. Lieber wird einfach nur der Süden der USA als heimeliger Ort beschrieben, an dem die Menschen noch ehrlich und die Musik noch handgemacht ist, wie in Tennessee Saturday Night.

Doch auch haben Country und Folk hier etwas gemeinsam: Beide beschäftigen sich eben auch mit der harten Welt des Alltags, der Arbeit, mit Mord und Totschlag. Die Mienenarbeiter-Songs Merle Travis‘ sind das beste Beispiel dafür. Der Bevölkerung wird eben in beiden Genres genau auf das hingewiesen, was auch schlecht läuft. Die Lösung der Probleme sieht bei beiden Genres nur etwas verschieden aus. Im Country ersäuft man seine Sorgen lieber in der nächsten Bar, im Folk wird wie bei Joe Hill und Pete Seeger der Weg in die Politik gesucht. Aktives Gestalten der Gesellschaft ist mit den politischen Bewegungen der 60er Jahre natürlich hoch im Kurs. Und so bekommt der Folk ab diesem Jahrzhent auch eine ganz eigene Rolle.

Cover von Johnny Cashs „Blood, Sweat and Tears“ Album (1962) (Quelle Columbia Records)

Der Einzelne im großen – Americana, Folk und Country in den 60ern

Doch mit den umwälzenden 60s ändert sich auch die Musikwelt der USA. Die Junge Generation der Baby-Boomer entdeckt die Kultur der USA für sich neu und interpretiert die Geschichte ihres Landes auf ihre Weise. Der Vergleich neuerer Musikgenres außerhalb des Nashville-Traktes zeigt es deutlich: spätestens ab Bob Dylan und dem Folk-Revival werden in der neuen, jungen Musik gerne Fragen gestellt. Mit Blowin’in the Wind fing zwar alles an, aber die sonnigen und auch schattigen Seiten der US-Geschichte werden jetzt aufgerollt. Der Mythos USA ist beliebt wie nie zuvor, doch ist in der Musik nun plötzlich auch der gesellschaftliche Außenseiter interessant. Diese Faszination für den Topos USA in seiner Gesamtheit ist später als Americana betitelt worden und wird in den 60er und 70er Jahren von kaum einer anderen Band so treffend skizziert, wie von The Band. Ironischerweise stammen vier der fünf Bandmitglieder aus Kanada, doch hilft genau diese Außenansicht der Musiker auf die Vereinigten Staaten, den Mythos der USA so frisch in ihre folkigen, gospeligen und bluesigen Songs zu übertragen. Die Musik der USA ist für The Band nicht Nashville, sondern Mississippi, Louisana und Cleveland. Kurz: Alles außerhalb von luftigem Kitsch. Deshalb sprechen die Songs von The Band oft und gerne klare historische Begebenheiten und auch die Sorgen von Minderheiten an. Besonders bekannt: ihr Hit The Night They Drove Old Dixie Down von 1969. Dieser Song erzählt aus der Sicht eines Soldaten der Konföderiertenarmee die letzte Nacht des amerikanischen Bürgerkriegs nach, in der die Südstaaten (Old Dixie) ihre Niederlage erlebten. Die düsteren Strapazen des Krieges sind hier im Vordergrund, auch wenn der Song aus der Sicht eines Südstaatlers erzählt wird. Der Erzähler als kleiner Soldat erlebt den US Bürgerkrieg als völlig überwältigendes Ereignis und versucht durch seine nostalgischen Erinnerungen an seine Heimat südlich der Mason-Dixon Line irgendwie einen Sinn aus seinem Schicksal zu stricken. Und genau aus diese Sichtweise von außen, als Fremder, nähert sich The Band den USA und seiner musikalischen Kultur. In Acadian Driftwood geht es um Erzählungen der aus Kanada vertriebenen französischen Minderheit, die jetzt ihr neues Glück in New Orleans sucht, aber sowohl in Kanada, als auch in den USA die Fremden bleiben wird. In Unfaithful Servant gibt der Erzähler seiner Lieben einen Abschiedskuss. Klingt zwar wie eine typische Liebesballade á la Hank Williams. Aber hier muss er seiner Bediensteten am Bahnhof auf immer Lebewohl sagen, weil die beiden eine unerlaubte Affäre hatten. The Band stellt pausenlos akute Fragen. In King Harvest (Has Surely Come) fühlt sich ein Bauer hin und hergerissen. Er verarmt durch seinen Beruf aber kann nicht von der Romantik des Landlebens lassen. Als eines Tages ein Herr von der Landwirtschaftlichen Gewerkschaft kommt und ihn als Gewerkschaftsmitglied gewinnt, ist er vorerst zufrieden. Doch bessert sich in seinem Leben nichts. Seine Schuhe haben noch Löcher, der aufgehende Mond ist immer noch sein liebstes Spektakel. The Band geht zwar sehr ins Persönliche, doch wird gerade dadurch der große kulturelle und gesellschaftliche Fokus noch verstärkt. Die Person wird immer in den Kontext ihrer Gesellschaft und Kultur gestellt.

Mit Cowboyhut und Hippie-Bart, the Band (1969) (Quelle: Wikimedia Commons)

Und der Außenseiter bleibt der Fixpunkt für die junge Folk, Americana und Country Musik der 60er und 70er Jahre. The Nitty Gritty Dirt Band hatte 1970 mit Mr. Bojangles einen sentimentalen Hit über einen obdachlosen Kneipentänzer in New Orleans, der seine Nächte in der Ausnüchterungszelle verbringt. Little Feat und Creedence Clearwater Revival nähern sich den urigen Stilen Louisianas, den afroamerikanischen Spirituals und Songs für Gefängnis-Gangs an. Leadbelly und Mississippi John Hurt sind nun die Vorbilder der jungen Generation,weniger Hank Williams. Die von der segregierten Leitkultur Ausgeschlossenen bekommen von den jungen Musikern nun eine Stimme geliehen. Auch bis heute gehen die eher an Jugendliche gerichteten Country und Alternative Country Bands, wie The Devil Makes Three und Old Crow Medicine Show eher auf punkige Elemente des Country ein und sehen sich selbst als schräge Musiker für den schrägen Outsider.

Outlaw und Outsider – Country wird zu Folk und Folk nähert sich Country

Musikalische Grenzgänger sind für Trend-Änderungen gut gewappnet. Das zeigt sich kaum besser als im Outlaw Country. Eigentlich als Gegenstück zum glattgebügelten Nashville-Aparatus des Mainstream Country entwickelt, hört man selbst in deutschen Radios noch Songs ihrer großen Galionsfiguren. Johnny Cash und Willie Nelson sind international weitaus erfolgreicher als Hank Williams und Ernest Tubb. Die Identifikation mit dem Außenseiter hat Outlaw Country in Sound und Message so langlebig gemacht, dass Johnny Cash mittlerweile sogar jedem deutschen Kind ein Begriff ist. Das Genre ist zwar erst seit den frühen 70ern als solches definiert, aber schon vorher hat vor allem Johnny Cash die Nähe zu den Außenseitern und den jungen Folkmusikern der 60er gesucht. Er verteidigt Dylan im Folk-Magazin New Yorks, dem Broadside, schon 1964. Er spielt Dylans Don’t Think Twice It’s Allright auf dem Newport Folk Festival, auf das er 1964 als einer von nur wenigen großen Country-Musikern eingeladen wird. Im selben Jahr veröffentlicht er, gegen den Willen seines Labels Columbia, The Ballad of Ira Hayes. Ein Song, der sich ganz offen gegen die Benachteiligung amerikanischer Ureinwohner stellt. Diese stilistische Offenheit und die Social Conscience Cashs hat ihn als einen von nur wenigen Country Musikern auch international und durch die 60er und 70er Jahre hindurch so erfolgreich werden lassen. Der Country kann eben auch das: seine urigen, Arbeiterklassen-Wurzeln neu entdecken und in den Kontext bringen.

Cover von Willie Nelsons Outlaw Country Album „Shotgun Willie“ (1973) (Quelle: Atlantic Records)

Auch wichtig ist, dass der urbane, studentische Folk der 60er Jahre auch die großen Mythen der USA wieder aufnimmt und in neue Kontexte stellt. Die Grundpfeiler der Demokratie und die humanistische Gleichstellung aller werden von Pete Seeger, Phil Ochs und Bob Dylan auch mit dem Country verknüpft. Dylan und Country, das ist so oder so eine Geschichte von Gegenseitiger Provokation und Liebe. Doch gerade Dylan tritt als einer der ersten jungen Ostküsten-Folkies schon Mitte der 60er für Nashville ein. Er vertraut den hochprofessionellen Studiomusikern der Country-Metropole und nimmt dort sein Album Blonde on Blonde von 1966 auf. Viele Folk Musiker tun es ihm in den nächsten Jahren gleich. Der Country-Topos vom ländlichen Leben lebt auch in vielen jungen, urbanen Folkern. Und das Bild der Eisenbahn als Zeichen für Fortschritt aber auch als Geist des mystischen, alten Amerikas wird von ihnen hin und wieder aus der Kiste geholt. 1961 komponiert der New Yorker Folk-Musiker Dave van Ronk zusammen mit dem Autoren Lawrence Block den neuen New Yorker Train Song Georgie and the IRT. Hier wird eine völlig abgedrehte Geschichte erzählt, in der der Protagonist Georgie mit dem IRT (dem damaligen Straßenbahnnetz New Yorks) seinen Heimweg vom Times Square nach Brooklyn antritt. Doch die Straßenbahn am Times Square ist dermaßen überfüllt, dass er von der Tür glatt in zwei Hälften geteilt wird. Aus Georgie wird humorvoll ein urbaner Held, ein Mythos. Und er steht natürlich für die Verschrobenheit, die auch den Mythos USA ausmacht. Sein Schicksal ist schlussendlich das eines Schreckgespenstes:

The train pulled out of Times Square, the swiftest on the line
It carried poor George’s head along, but it left his body behind
Poor Georgie died a hero’s death, a martyr plain to see
And the very last words poor Georgie said were „Screw the IRT“

Now when you ride the IRT and you approach Times Square
Incline your head a few degrees and say a silent prayer
For his body it lies between the ties, amidst the dust and dew
And his head it rides the IRT to Flatbush Avenue.

Der Folk und Americana kleidet sich also gerne im anti-Establishment Gewand der Arbeiterklasse: Indie, Rock und Blues. Soziale Gerechtigkeit sind absolut essentielle Themen, die immer wieder auftauchen aber auch immer hinterfragt werden. An sich ist das Stellen von Fragen und implizieren von Antworten im Folk und Americana vielleicht der grundlegendste inhaltliche Aspekt, wenn man sich das Genre betrachtet. Es wird Romantisiert, aber auch immer mit dem handfesten Material gearbeitet, Mythen zerlegt, Standards auseinandergenommen. Im klassischen Country geht es, natürlich wie auch in vielen anderen Musikgenres, meistens um Liebe und dem romantischen Beschreiben des Alltags. Historische und Gesellschaftliche Eckdaten der USA werden im Country meist gar nicht angesprochen. Hier geht es um ein muckeliges Heimatgefühl. Down Home lebt es sich schließlich immer besser. Im schlimmsten Fall produziert Nashville Songs, die immer und überall auf Nummer Sicher gehen. Doch gerade solche subtilen Verschönerungen eines Landes, dessen Geschichte so komplex ist, bei dem oftmals viel Erklärung notwendig ist, ist meistens sogar noch problematischer als Songs über den glorreichen Bürgerkrieg und Robert E. Lee zu singen.

Country und Folk bleiben aber beides Musikgenres für den Arbeiter, den Mann aus dem Mittelstand, dem Kleinbürger. Der Folk hat sich hier aber schon früh akademisiert und urbanisiert und so ein neues Publikum gewonnen, während sich der Country mehr in Richtung Schlager gewandt hat. Passt doch beides irgendwie ganz gut zum Mythos USA.

von Richard Limbert

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