Protestsongs sind relevant und weiblich!


Eine Replik auf Klaus Walter

von Thomas Waldherr

Da Klaus Walter seine aktuelle Argumentation gegen die – wie er es nennt – „Feelgood-Protestsongs von alten weißen Männern“ und seine Vokabel „Gratismut“ nun auch in der Frankfurter Rundschau verbreitet, dachte ich mir, dass es nun Zeit für eine Replik ist. Der von mir sehr geschätzte Kollege geht hier etwas in die Irre, so meine Meinung.

(Joan Baez, Quelle: Wikimedia Commons)

Protestsongs waren schon immer auch weiblich

Florence Reece, Aunt Molly Jackson, Ronnie Gilbert, Odetta, Joan Baez, Mary Travers, Mavis Staples, Judy Collins, Eliza Gilkyson, Iris DeMent, SONiA disappear fear, Rhiannon Giddens, Allison Russell, Alynda Lee Segarra, Margo Price, Carsie Blanton und und und. Der Reigen ließe sich beliebig verlängern. Der Protestsong war schon immer weiblich, bunt und divers und einer seiner wichtigsten Klassiker „Which Side Are You On“ wurde von der Bergarbeiterfrau Florence Reece geschrieben. Der Text ist eindeutig und auch wenn die Frage sich an alle Arbeiter richtet, dient sie natürlich dem Zusammenhalt der aktiven Gewerkschafter in den „Bergbaukriegen“ in Kentucky in den 1930er Jahren.

(Mavis Staples, Quelle: Wikimedia Commons)

Protestsongs stärken den Zusammenhalt – so what?

Denn das ist natürlich die wichtige Funktion eines Protestsongs. Eine Gruppe bedient sich Songs, um gegen Zustände zu protestieren. Das dient der eigenen Identität und dem eigenen Zusammenhalt, ist auch aber auch ein Statement für den Rest der Gesellschaft. Ein Protestsong will ja gar nicht argumentativ oder diskursiv wirken. Sonst hieße er Diskurs-Song. Er ist oftmals ein empörtes Statement. Künstlerisch-ästhetisch mal mehr, mal weniger gelungen. Manchmal auch wirklich fragwürdig. Aber alleine mit ästhetischen Argumenten lässt sich dem Protestsong nicht beikommen. Und die Vokabel „Feelgood-Protesong“ wirkt angesichts der verstörten und wütenden Menschen auf den Demonstrationen in den Straßen von Minneapolis schon etwas nach wohlfeilem Salon.

Klaus Walter aber will sich scheinbar als Kritiker und Journalist mit keiner Sache gemein machen. Das ist alte journalistische Schule. Aber das kann keine Rechtfertigung sein für eine Analyse, die zu kurz greift. Ich bin auch Journalist und Kritiker. Ich sage auch nicht, dass nur öffentliche politisch auftretende Künstler wirklich gute Künstler sind. Haltung allein ersetzt auch nicht die Tiefe der Gedanken. Und manche Protestsongs sind auch bemüht und nervig. Der Künstler wirkt zuerst durch seine Kunst, nicht durch politisches Engagement. Aber es gilt auch das Gegenteil. Unentschiedene, ambivalente Popsongs sind auch per se nicht die besseren Popsongs. Es gibt gute und schlechte Popsongs und es gibt gute und schlechte Protestsongs. Der Protestsong in der Tradition von Woody Guthrie, der Bürgerrechtsbewegung und Von Black Lives Matter hat aber weiterhin seine Berechtigung. Und was für Bad Bunny gilt, der von Walter richtigerweise gelobt wird, galt aber vor ein paar Jahren auch für Beyoncé. Die politische Haltung nutzt die Showeffekte. Show und entschiedener Protestsong: Beides sind legitime Spielarten des musikalischen Widerstands.

Der traditionelle Protestsong hat seine Notwendigkeit und er ist immer Ausdruck von gesellschaftlichen Bewegungen. Daher machen Protestsongs immer Hoffnung, wenn es sie gibt. Übrigens wer hat die populärste russische Protestmusik gemacht? Richtig, die Mädels von Pussy Riot!

(Carsie Blanton, Quelle: Wikimedia Commons)

Und Bob Dylan, der von Klaus Walter hier glücklicherweise nicht als Kronzeuge herangezogen wird, braucht gar keine neuen Protestsongs mehr zu schreiben. Er hat schon genug universelle Protestsongs geschrieben, die solange es gewalttätige Formen bürgerlicher Herrschaft gibt, auch weiterhin aktuell sind. „Man muss nur die Namen ändern“, hat Dylan selbst dazu in einem Interview vor ein paar Jahren dazu gesagt. Dies und die Tatsache, dass auch in den aktuellen Songs seines Spätwerkes Ideen, Gedanken und Vorstellungen von der Freiheit des Individuums Raum einnehmen, die gerade zu ein Gegenprogramm zur MAGA-Gehirnwäsche sind, macht ihn, obwohl er öffentlich im Gegensatz zu Springsteen keine öffentlichen Reden hält, nicht zum Leumund für larmoyante Raushalterei. Dylan gehört wie seine Freunde Willie Nelson, John Mellencamp und Neil Young mit denen er öffentlich aufritt, zum Anti-MAGA-Lager. Bob ist der Philosoph, Bruce der Aktivist. Bob ist der weise Meister, Bruce der kämpferische Boss.

(Odetta, Quelle: Wikimedia Commons)

Die Wirklichkeit ist gar nicht so unübersichtlich

Die Wirklichkeit ist auch gar nicht so unübersichtlich wie Klaus Walter es hier ausdrückt. Sind wir auf der Seite des autoritären Kapitalismus und der Superreichen oder auf der Seite der Demokratie und der Selbstbestimmung? Und die Gegner heißen Trump, Putin und Xi Jinping. Und auch eine politische Klasse hierzulande, die nicht entschieden gegen die autoritäre, illiberale Demokratie aufsteht, sondern sich zu Kumpanen macht wie Spahn, Dobrindt oder Weimer muss Ziel unserer Kritik sein.

Seinen musikalischen Ausdruck findet der Widerstand in den USA auch in der Musik von jüngeren Singer-Songwritern. Jesse Wells singt „No Kings“ und greift die MAGA-Oligarchie frontal an. Carsie Blanton singt kritische Songs voller bösem Humor gegen Menschenfeindlichkeit und Mysogynie.

Auf diesem Weg, in diesem Kampf gegen autoritären Irrsinn brauchen wir Protestsongs, die uns aufrütteln und uns Mut machen. Vielen Dank an Carsie Blanton, Bruce Springsteen und Jesse Wells!

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