von Thomas Waldherr
„Like A Complete Unknown“ ist eine gelungene Popularisierung des Dylan-Stoff mit einem brillanten Timothée Chalamet in der Bob-Rolle/ Besondere Filmpremiere in Darmstadt am 27. Februar
Entgegen vieler anderer, die sich eher skeptisch zu den Dylan Biopic-Plänen verhielten, war ich von Anfang an elektrisiert. Kein Wunder, denn ich hatte den Johnny Cash-Film „I Walk The Line“ schon genossen und da nun dessen Regisseur James Mangold auch für den Bob-Streifen verantwortlich zeichnen sollte, dachte ich mit von Anfang an: Das kann was werden!

(Quelle: Searchlight Pictures / Disney)
Die Dylan-Geschichte popularisieren
Und tatsächlich ist er gut geworden. Er ist genau das, was man von einem anspruchsvollen Hollywood-Unterhaltungsfilm erwarten kann. Da ich ein großer Freund dieser Art von Filmen bin und gleichzeitig auch nichts gegen eine Popularisierung des Dylan-Stoffs habe, bekommt er von mir gute Noten. Als ich ihn in der Originalversion Mitte Januar im Rahmen einer Pressevorführung sehen durfte, fühlte ich mich fast zweieinhalb Stunden gut unterhalten.
Wenn man die Geschichte von Dylan in New York von 1961 bis 1965 erzählen will in einem Hollywood-tauglichen Format erzählen will – und das wollten sowohl der Regisseur, als auch der Filmfreund Bob Dylan und sein Manager Jeff Rosen, der hier auch als Mitproduzent agiert – dann muss ein Kern herausgearbeitet werden, der erzählt werden kann und soll. Dann müssen Stränge gekappt und das Personal reduziert werden. In diesem Fall wurde Dan van Ronk nur kurz gestreift, Ramblin‘ Jack Elliott ebenso rausgenommen, wie die frühen Gastgeber und Mentoren Dylans in Greenwich Village.
Dylan und Seeger als Antipoden
Um die spätere Auseinandersetzung der Antipoden Dylan und Seeger noch stärker zuzuspitzen, trifft entgegen der historischen Tatsachen im Film Dylan (Timothée Chalamet) den Folk Revival-Mentor Pete Seeger (Edward Norton) an Woodys Krankenlager und wohnt bei ihm und seiner Familie. Entscheidende weitere Rollen spielen im Film dann Dylans New Yorker Freundin Sylvie Russo (gespielt von Elle Fanning) – in Wahrheit Suze Rotolo, die Namensänderung geschah auf Dylans Wunsch – seine musikalische Partnerin und Geliebte Joan Baez (gespielt von Monica Barbaro), sein Freund Johnny Cash (Boyd Holbrook), Bobs Manager Albert Grossman (Dan Fogler) und Folklorist Alan Lomax (Norbert Leo Butz).
Der Film nimmt erst langsam Temo auf, wenn man so will hat er wie Dylans „Bringing It All Back Home“-Album auch eine akustische und eine elektrische Seite. Wird im ersten Teil relativ ausführlich Dylan und sein New Yorker Umfeld eingeführt, wird das Tempo im Teil, der 1965 ungleich schneller. Obwohl oder vielleicht gerade, weil Bob Dylan tatsächlich während der Entwicklungsphase Gespräche mit Regisseur James Mangold führte, ist Dylans Person hier keineswegs geschönt. Dylan bleibt das rätselhafte Genie, changierend zwischen euphorischem Musik-Erneuerer und schlechtgelauntem Musik-Nerd. Und muss sich von beiden Frauen – Sylvie und Joan – einiges anhören. Die Szene, in der Sylvie/Suze (gespielt von Elle Fanning) dann in Newport 1965 Dylan nach kurzem Aufflammen der Beziehung endgültig verlässt ist dann eher Hollywood-Fiction statt an den Tatsachen orientiert. Sie war nicht in Newport dabei, stattdessen aber bei Dylans Forest Hills Konzert einen Monat später.

(Quelle: Searchlight Pictures / Disney)
Timothèe Chalamet brilliert als Bob Dylan, Edward Norton als Pete Seeger
Von Anfang an wurde das Filmprojekt mit dem Hinweis beworben, es basiere auf Elijah Walds Buch „Dylan Goes Electric! Newport, Seeger, Dylan, and the Night That Split the Sixties“. Stimmt ein bisschen und stimmt doch auch nicht. Was auf alle Fälle im Film aus dem Buch übernommen wird, ist die Darstellung von Pete Seeger. Er war nicht der entschiedene Gegner der Elektrifizierung, da waren andere aus dem Board des Newport Folk Festivals eindeutiger. Dennoch ließ sich Seeger aus Loyalität darauf ein, persönlich die Stromzufuhr kappen zu wollen Später stellte er seinen differenzierten Standpunkt in einem Brief dar. Und nahm später selber elektrifizierte Stücke auf. Die Darstellung von Seeger durch Edward Norton und der brillante Timothée Chalamet als Bob Dylan, sind die schauspielerischen Großleistungen dieses Films.
Auch Kulissen, Kostüme und der Soundtrack überzeugen
Beeindruckend sind auch Kulissen und Kostüme des Films, hier wirkt nichts gekünstelt, hier ist nichts falsch gemacht worden. Auch der Soundtrack, für den neben Chalamet, auch Edward Norton, Monica Barbaro und Boyd Holbrook gesungen haben, sind gut gelungen, die Songauswahl passend, die Qualität der musikalischen Darbietungen absolut hörbar und unterhaltsam.
Fazit: Ein Rätsel bleibt er doch! Aber genau das ist die Dylan-Geschichte, die hier erzählt werden soll. Kein Film für Faktenhuber und Lordsiegelbewahrer, sondern ein Film, der richtig gut unterhält und für viele Menschen der Ausgangspunkt für eine tiefere Beschäftigung mit Dylans Werk und Wirken sein könnte. Was will man mehr?
Besondere Darmstadt-Premiere
Am 27. Februar, zum Filmstart von „Like A Complete Unknown“, lädt das Programmkino Rex zu einer besonderen Darmstadt-Premiere ein: Vor dem Film wird der „Darmstädter Dylan“ Dan Dietrich ein paar Dylan-Songs spielen und Dylan-Experte Thomas Waldherr werde einen kleinen Einführungsvortrag halten. Der Vorverkauf läuft – Infos und Tickets gibt es hier: https://www.kinopolis.de/…/rexextra-like-a…/5733
Film-Trailer
[…] Und ein Rätsel bleibt er doch: Filmkritik A Complete Unknown […]
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Hi Thomas,
Vielen Dank für die schöne Filmkritik! Ich teile deine wohlwollende Haltung. Und hab mich sehr gefreut , dass sie sich so viel Zeit genommen haben für die 5 Jahre zwischen 1960 und 1965.
Als meine Mutter – wir haben gleich einen Familienausflug daraus gemacht – am Ende vom Film meinte, „und das war jetzt erst der erste Teil? Er hat doch dann nach dem Motorad-Unfall Hurricane veröffentlicht!“ wurde mir mal wieder bewusst, wie dicht das Werk ist. inkl der Cowboy und Hillbilly Platten und nicht zuletzt „Blood on the Tracks“…
Also ich würde mich, auch wenn Elijah Woods „Dylan goes Electric“ es nicht hergibt, sehr über einen Film über diese 10 Jahre sehr freuen ☺️
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