Cat Power Sings Dylan 1966 in Halle – oder: Tell Me, Momma! Aber wie denn?

von Richard Limbert

Unter Historischer Aufführungspraxis versteht man eine Bewegung, die vor allem in den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts in der Musikwelt begann, die mit Mitteln der Geschichtsforschung versuchte, vor allem Barocke und vormoderne Musik möglichst authentisch klingen zu lassen. Hier ging es nicht nur um die Verwendung zeitgenössischer Instrumente der Renaissance und des Barock, sondern zum Beispiel auch um Spielpraktiken, die sich im Laufe der Jahrhunderte verändert haben wieder aufzugreifen. Ziel war es, ein möglichst authentisches Klangerlebnis herzustellen und unverfälscht Musik genießen zu können. Im Laufe des späten 20. Jahrhunderts verschob sich der Fokus teilweise hin zu Musik der Romantik und anderen Spielarten des 19. Jahrhunderts.

Wie ein ineinandergreifender Gegensatz hat knapp 100 Jahre vorher die Bewegung der Romantik versucht Musik als platonischen Wert festzulegen und in einer Komposition eine innere Wahrheit gesucht, die irgendwo in diesem Kern der Noten versteckt ist und nur noch, wie ein Diamant im Naturstein, herausgemeißelt werden musste. Volkslieder wurden harmonisch aufgehübscht und mit orchestralen Arrangements unterlegt. Die großen Komponisten dieser Zeit, wie Brahms, Bruckner und Wagner, schufen musikalisch regelrechte Bollwerke aus aufpolierten Versionen einfacher Melodien.

Cat Power in der Georg-Friedrich-Händel Halle in Halle am 27.8.2024

Am 27. August 2024 spielte Cat Power das legendäre Royal Albert Hall Concert von Bob Dylan im Jahr 1966 in Halle nach. Das Konzert von Dylan, dass eigentlich in der Free Trade Hall in Manchester stattfand, ist berühmt, oder besser: berüchtigt. Im Mai 1966 hat Bob Dylan mit einem Set aus sphärisch-surrealen Psychedelic Folk und einem Set mit Rock- und Bluesband im Kontext seiner Tour England ziemlich aufgeheizt. In der Bootleg Series Vol. 4 kam es in den 90ern auf CD heraus und hat mich in meiner Teenager-Zeit regelrecht elektrisiert.

(Die Georg-Friedrich-Händel-Halle in Halle, Quelle: Wikimedia Commons)

Nun spielt die Singer-Songwriterin Cat Power (bürgerlich Charlyne Marie Marshall aus Atlanta) seit 2022 dieses Konzert in ihrem Programm. Ich war schon länger Fan von dieser Idee und als ich erfahren habe, dass Sie im August 2024 ihr Programm bei mir in der Nähe, quasi vor den Toren von Leipzig, spielte, musste ich mir sofort ein Ticket kaufen. Mein Kollege Thomas Waldherr hat sie ja schon letzten April in Frankfurt live gesehen und darüber diesen tollen Text hier geschrieben.

Es war ein heißer Augusttag, dieser 27.8.. Ich war noch nie an der Georg-Friedrich-Händel Halle in Halle und irgendwie erinnerte mich alles an das WDR-Gebäude in Köln. Irgendwie so ein verwinkelter Beton-Klotz aus den 90ern. Die gleißende Sonne ging bereits unter, da betrat ich den Saal. Die Atmosphäre war sehr Lounge-artig. Leichter Jazz kam aus den Boxen während das Publikum sich platzierte. Na, ob das 1966 auch schon so war? Das Publikum besteht meist aus Generation X-lern und Millenials, ist gut durchmischt.

(Innenraum der Georg-Friedrich-Händel-Halle in Halle, Quelle: Wikimedia Commons)

Erste Hälfte: Akustisch

Das Bühnenbild ist spartanisch und deutet auf Show und Theater hin. Einige Scheinwerfer wirken wie ein kleines Filmset. Ein paar Instrumente zeigen schon: hier wird sehr auf Authentizität geachtet. Man sieht zwei Telecaster E-Gitarren, genau wie bei Dylan und Robbie Robertson 1966, auch sieht man einen Fender-Bass, zwar keinen Jazz Bass wie bei Dylan 1966 sondern einen P-Bass, aber nahe genug dran. Auch eine echte Hammond-Orgel mit Leslie-Speaker ist zu sehen. Alles ist verdunkelt, dann kommen zwei Herren auf die Bühne. Der eine beginnt eine Akustikgitarre zu strummen, der andere hat einen Mundharmonikahalter um den Hals gespannt. Nach einigen zarten Tönen betritt Cat Power die Bühne. Die Setliste, das musikalische Material ist klar, die Interpretation, darauf kommt es heute an. Und Sie singt. Sie singt schön und hauchig, man merkt, dass nicht nicht Talent, sondern auch Liebe für die Musik dahintersteckt. Schnell ist in dieser dunklen, kühlen Halle der heiße Sommertag vergessen. Ich kenne den Fachausdruck dafür nicht aber Cat Power sind immer etwas vorgezogen. Eine Phrasierung die sehr poetisch wirkt. Ihre Art zu singen hat etwas von Method Acting, bei der sie fast jede Zeile auch körperlich nachspielt. They both play on the Penny Whistle, you can hear them blow, if you lean your head out far enough from Desolation Row singt sie und neigt ihren Kopf dabei neugierig zur Seite. Irgendwie schön. Visions of Johanna nimmt mich voll mit und bei Desolation Row mache ich mir schon Gedanken, warum ich den Song so lange nicht mehr live gespielt habe. Ist doch schön! Es fällt auf, dass der Troubadour Bob Dylan hier ersetzt wird durch drei Musiker, Bob Dylans Hände, seine Lippen und seine Stimme werden outgesourced. Ganz klar will jedes Instrument seinen Spieler haben. Es wird klar: hier wird nach einem platonischen Ganzen, nach einem Stück purer Wahrheit in der Vorgabe von Dylan gesucht und genau seziert.

Zwischendrin erzählt die Sängerin wenig. Hier und da gibt es ein Dankeschön, dann einen kryptischen Satz, dass der Ort hier wunderschön sei und sie an ein Lakers-Spiel 1999 erinnere und ganz ganz viel and thank you Bob Dylan.

(Cat Power bei einem Konzert im Jahr 2009, noch im ganz anderen Stil, von Angela N., Quelle: Wikimedia Commons)

Und schlussendlich leidet diese Hälfte auch etwas unter dieser Vorgabe: Cat Powers Stimme trägt schon ganz gut, aber Bob Dylan als versierter Country- und Folk-Gitarrist hat eben Spielfiguren drauf, die hier fehlen. Die dynamische kleine Spielfigur mit der starken eins zwischen den Strophen in Desolation Row fehlt hier und das schöne Flatpicking mit der Melodieführung der Strophen als Intro von Just Like A Woman weicht irgendwie einem gleichbleibenden Strumming. Von der Mundharmonika aus ist es sogar noch klarer: Bob Dylan spielt im Konzert 1966 ein fast 2-minüriges Mundharmonika-Solo mit kaskadenartigen Arpeggios die sich schließlich in einem high lonesome tone auflösen, der flattert, sich biegt und schließlich ganz zärtlich auf die Startbahn zurück gleitet. Solche Einlagen weichen hier einem eher sphärischen Spiel. Aber eben der Witz, der schelmische Country-Picker, der 1966 so oft durchblitzt, der fehlt. Wahrscheinlich war Cat Power auf der Suche nach etwas anderem und hat da so manches am Wegesrand liegen lassen. Am Ende ist es aber auch keine Imitation, sondern eine Liebeserklärung und jeder Musiker und Musikerin spielt die anders. Es bleibt alles eine Show und gerade Bob Dylan als Liebhaber einer guten Maskerade würde vor allem die Scheinwerfer und das Aufgesetzte hier wohl goutieren.

Zweite Hälfte: Rock

Cat Power dreht ihr Gesangsheft um (ja, sie singt vom Blatt) und zeigt dem Publikum stolz: Electric steht auf dem Papier. Jetzt weiß jeder Bescheid. Die Truppe kommt auf die Bühne. Der erste Song: Tell Me Momma. Bei den ersten Tönen ist klar, dass hier alles stimmt. Die Gitarren knartschen und der Bass wummert. Ich bin begeistert. Vielleicht hat es sich 1966 auch so angefühlt? Wahrscheinlich was das Soundsystem damals viel schlechter. Aber ich bin überzeugt. Die Band ist tight und hat Energie. Cat Power hat hier auch eine gute Art gefunden, ihre Stimme einzusetzen. Aber auch hier: die zwei Gitarren werden von zwei dezidierten Gitarristen gespielt. Ganz toll finde ich, dass der Gitarrist fast Ton für Ton das Gitarren-Solo von Robbie Robertson nachspielt (das auch eins der besten Gitarrensoli überhaupt ist, was für ein geiler Double-Stop!).

(Cat Power bei einem Konzert im Jahr 2009, noch im ganz anderen Stil, von Angela N., Quelle: Wikimedia Commons)

Bei den nächsten Stücken zeigt sich einiges: Hier geht Cat Power und Band manchmal eigene Wege. Ihr Just Like Tom Thumb’s Blues ist zwar eine schön groovige Version die gut zur Singstimme passt, aber hier wird sich sehr stark an der Albumversion von Highway 61 Revisited orientiert, mit dem markanten Intro, das Dylan live 1966 nicht gespielt hat. I Don’t Believe You (She Acts Like We never have Met) ist eine richtig gute Version mit schönen dynamischen Wechseln. Prinzipiell klingt alles auch schon sehr anders als auf dem Live-Album von Cat Power. Leopard-Skin Pill-Box Hat ist ein raunchy Blues, Ballad of a Thin Man eine sehr düstere überzeugende Version. Diese Band hat es einfach drauf. So eine Truppe will man beim Karaoke-Abend haben! Schließlich endet alles mit Like A Rolling Stone und das Publikum ist begeistert, standing ovations. Völlig zurecht. Nun gibt es keine Zugaben, die Show ist beendet, die Band verlässt die Bühne, es wird keine Zugabe gespielt.

Wie erzählt Cat Power die Story vom 1966er Konzert?

Ich glaube, bei der Rekreation des Bob Dylan-Konzerts in Manchester 1966 hat Cat Power viel gesucht und viel gefunden. Dabei ist aber auch vieles verloren gegangen. Die Liebe zur Konzert-Aufnahme von Bob Dylan ist hier aber in jeder Faser zu spüren. Alle Instrumentierungen sind exakt wie auf der Aufnahme. Man stellt sich die Frage: sind die 60er Jahre schon zu so einer in Marmor gemeißelten historischen Epoche geworden, dass die Nachstellung eines Konzerts jetzt beinahe museal zum Happening wird? Ich denke, da ist zumindest was dran. Die historische Aufführungspraxis hat sich vielleicht weitergebohrt und ist 2024 schon Mitte des 20. Jahrhunderts angekommen. Aber man sieht hier auch viel Vodoo und die Suche nach einem poetischen Kern bei Dylans Konzert. Ich denke, eine romantische Rückschau ist es auch ein bisschen bei der vielleicht etwas der Witz fehlt. Auch fehlt mir ein bisschen der Wortbeitrag von Cat Power. Ich würde gerne wissen, was sie antreibt, ich will Persönlichkeit spüren und nicht wie im Konzerthaus die Absolute Musik durch nichts verwässern lassen. Aber es ist zugleich eine mitreißende Show. Ich hatte nicht das Gefühl bei etwas komplett Einstudiertem dabei gewesen zu sein, hier gab es Gefühl pur. Und vor allen Dingen: man muss das live erleben. Ich hatte mehrere Momente in denen ich im Augenblick war und so ein bisschen den Wind von 1966 gespürt habe. Und Wind lässt sich in keine Konserve pressen.

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