Interview mit Karina Mombauer zu Taylor Swift
von Thomas Waldherr
Taylor Swift ist das Popmusik-Phänomen unserer Tage, das sogar für Dylan-Vergleiche sorgt. Thomas Waldherr hat für Key West Karina Mombauer, Politikwissenschaftlerin und Digitalisierungs- und PR-Managerin sowie bekennende „Swiftie“, zur Künstlerin und ihrer Wirkung befragt.

Karina Mombauer, Foto: privat
Key West:
Was war der Catch-Moment, wie und wann hat Dich Taylors Musik das erste Mal richtig berührt?
Karina Mombauer:
Mit Taylor’s viertem Album „Red“ hat sie 2012 mit dem überraschenden Genrewechsel von Country zu Pop recht spät meine Aufmerksamkeit erreicht. „We Are Never Getting Back Together“ (Album Red) mit dem lustigen Musikvideo war meine persönliche Feel-Good-Parade nach einer Trennung in diesem Zeitraum. Richtig gecatcht hat sie mich vollends 2014 mit ihrem fünften Album „1989“ – bis heute ein Dauerbrenner und Klassiker für mich beim Performen hinter dem Lenkrad oder auch beim Sport!
–
Mit „Reputation“ hat sie dann 2017 eindeutig ihre Komfortzone und alles bis dahin Vertraute verlassen, sich als Person stark weiterentwickelt. Mich beeindruckt, wie sie vermeidliche Schwächen und Karrierehürden einer Frau gekonnt und stilsicher als Spitzen-Singer-Songwriterin und „Miss Americana“ (Netflix Doku, 2020) musikalisch verarbeitet, sich aus verstaubten Schubladendenken herauskämpft und die sie mittlerweile als erste Milliardärin allein aufgrund ihrer Musik hart – gemeinsam mit ihren Eltern – bis an die Weltspitze erarbeitet hat. Zusätzlich fasziniert mich der Weg wie ein Song, ein Album, ein Musikvideo, eine Welttournee entsteht – die 34-Jährige lässt uns seit jeher nah daran teilhaben und versteckt „Easter Eggs“ (Überraschungseier), die ihre Fans auf allen Wegen zu dekodieren versuchen.
Von Taylor’s Tagebucheintrag auf dem Autorücksitz, erste Live-Bühnenauftritte mit 13 Jahren, erster Musikvertrag, erster Country-Award, der Diss Kanye Wests bei den MTV Video Music Awards 2009 und ihrem darauffolgenden Image-Erdrutsch (#TaylorSwiftIsOverParty Nummer 1 Twitter-Hashtag weltweit), erster Grammy, die von mächtigen Industriebossen geklauten Albumrechten ihrer ersten sechs Alben und ihrem Schachzug, sie in „Taylor’s Version“ neu aufzunehmen, ihre erste sexuelle Belästigung vor laufenden Kameras, die vor Gericht landete, ihrem daraufhin ersten politischen Statement auf Social-Media, nachdem die Country-bekannten Dixie Chicks 2006 für Ähnliches mit ihrer Karriere gezahlt haben, ihre ersten Schritte als Regisseurin ihrer Musikvideos, bis hin zu kleinen Fan-Heimkonzerten in ihrem Haus am Meer in Rhode Island mit selbst gebackenen Cookies zur Preview des unveröffentlichten Albums.
International haben Fans alles auf unterschiedlichen Kommunikationskanälen miterlebt, welch’ Wachstum durch stürmische Zeiten, teils Hexenverbrennungen, Sexismus und Misogynie, die sie fast ihre Karriere gekostet haben. Und Taylor zeigt Schwächen, erwacht daraus wie Phoenix aus der Asche, knackt sämtliche Rekorde der Musikindustrie (übertrumpft oftmals sich selbst) und das alles Dank der Macht ihres gespitzten Stiftes auf Papier. Der Pop-Superstar ist sich selbst aber auch über ihre Verantwortung in der Welt bewusst und tätigt international großzügige Geldspenden. Von Wohltätigkeitsorganisationen, über Stiftungen bis hin zu einzelnen Menschen, die das Leben schwer zeichnet – Swift nimmt ihre Vorbildfunktion und Macht sehr ernst, positioniert sich vor US-Wahlen politisch auf die Seite der Demokraten. Zudem lässt sie ihre treuen Fans „Swifties“ wissen, wie unverzichtbar und wichtig diese für sie sind: kostenlose Meet-and-Greets, Überraschungsauftritte auf Hochzeiten und Junggesellinnenabschieden, bis hin zu Krankenhausbesuchen und „Swiftmas“-Presenten. Verlust und Krankheit begleitet nämlich auch Taylor’s Lebensweg, beispielsweise im Tod ihrer geliebten und inspirierenden Oma (ebenfalls Sängerin, vor allem in Puerto Rico) im Song „marjorie“, Album „evermore“, oder auch die Krebserkrankung ihrer Mutter Andrea im Song „Soon You’ll Get Better“ (feat. The (Dixie-) Chicks) im Album „Lover“. Die Musik des Ausnahmetalents berührt durch Taylor‘s Historie dreizehnfach (ihre Glückszahl durch ihren Geburtstag am 13.12.1989).
Key West:
Du bist im gleichen Alter wie Taylor, Du bist bekennende „Swiftie“. Wie hat Dich ihre Musik über die Jahre begleitet, was siehst Du in ihren neueren Songs, was bedeuten Dir heute noch ältere Songs von ihr?

Taylor Swift beim Konzert 2024, Foto: Karina Mombauer
KM:
Uns eint tatsächlich der Jahrgang 1989, entsprechend ähneln sich musikalisch verarbeitete Themen, wie Herzschmerz, Wachstumsschmerzen in einer sich moralisch ändernden Welt, aber auch die Gleichberechtigung von Geschlechtern und politisch progressive Ansichten. Mit ihren Songs ist sie selbst nicht nur für viele eine authentische Künstlerin, sondern spricht mehreren Generationen aus der Seele. Taylors Talent ist unbestritten ihre Handwerkskunst des Songtextens, was in Zukunft beispielsweise nie durch KI ersetzbar sein wird, weil es emotional und menschlich ist („I should not be left to my own devices, they come with prices and vices, I end up in crisis (Tale as old as time), (…) „Did you hear my covert narcissism I disguise as altruism, like some kind of congressman? (Tale as old as time))“.
Ob als Teenager weinend auf der Treppe im Elternhaus, weil der Vater dem Verflossenen ein Treffen mit der Tochter verbietet („Love Story“, Album Fearless), Verknallt sein („Cruel Summer“, Album Lover), ein gebrochenes Herz haben („All Too Well (10 Minute Version)“, Album Red), der Umzug in ein neues Lebenskapitel in einer neuen Stadt („Welcome To New York”) und Klatsch und Tratsch über das Datingverhalten und das Erklimmen der Karriereleiter einer 20-Jährigen („Blank Space“ und „Shake It Off“, alles Album 1989), der Kampf um Anerkennung einer talentierten Frau, die unter gesellschaftlicher Doppelmoral und Machtspielchen von vermeidlich Stärkeren aus der Industrie oder Exfreunden leidet und aus Shitstorms wieder erstarkt („The Man“, Album Lover, „Karma“, „Bejeweled“ und „You’re On Your Own, Kid”), bis hin zum Streben nach Anerkennung, von allen gemocht zu werden und ungesunden Selbstzweifeln über sich und seinen Körper mitten in der Nacht zu haben („Anti-Hero“, alles Album Midnights). Alte und neue Songs spenden Verständnis, Kraft und Hoffnung für unterschiedliche Zielgruppen an Fans, denn wir alle sind mit unseren Herausforderungen und Alltagsproblemen nicht alleine und schöpfen aus diesen Zeilen Energie und Zusammenhalt.
Key West:
Du warst im Konzert in Gelsenkirchen: Was macht die Faszination von Taylor Swift als Live-Künstlerin aus? Was ist das Besondere an der Atmosphäre eines Taylor Swift-Konzerts?
KM:
Alle hatten puren Spaß auf der „Eras Tour“ – welch‘ einzigartig ausgelassene Stimmung unter 60.000 Menschen! Ich war auf vielen Konzerten, aber habe noch nie eine solche Atmosphäre und einen solchen „Safe Space“ erlebt. Es war egal wie du aussiehst, wie alt du bist, was du für Kleider trägst, mit wem du da bist, die Fans haben Positivität und Inklusion gelebt. Nicht zuletzt über das Austauschen von Freundschaftsarmbändern. Und neben der ultimativen 3,5-stündigen Eras Tour von Taylor Swift und ihrer Performance und Stimme, hat auch sie von der Bühne geschaut, dass alle gesund und mit viel Spaß durch das Konzert kommen: Sie erläutert zu Songs Annekdoten, ein Kind erhält ihren legendären schwarzen Hut mit Autogramm und Umarmung beim Song „22“ (Album Red), es gab kostenlos Wasser für uns im Stehbereich (damit hat Swift Konzertregeln international eingeführt nachdem ein Todesfall aufgrund Dehydrierung eines Fans auf ihrem Konzert in Brasilien passierte) und eine kleine Konzertunterbrechung von Taylor auf der Bühne, als Gäste Kreislaufbeschwerden hatten. Wir hatten Licht-Armbänder erhalten und – neben Feuerwerk – alle Äras mit individuellen Überraschungen (Acoustic Session am Klavier und an der Gitarre) mit unzählbaren Kleiderwechseln und Bühnenbildern erleben dürfen. Ich war sprachlos und habe großen Respekt vor Taylor Swifts Leistung und bisherigem Lebenswerk. Taylor Swift dominiert die heutige Musikindustrie und setzt weltweit neue Maßstäbe. Ich bin gespannt, was folgt.
[…] „Die Musik des Ausnahmetalents berührt durch Taylor‘s Historie dreizehnfach“ – ein Interview mit Karina Mombauer […]
LikeLike