“Did You Say Taylor Swift?”

von Thomas Waldherr

Leitfiguren ihrer Generationen und Objekte akademischer Forschung: Taylor Swift ist nicht der neue Bob Dylan und doch gibt es zwischen den beiden Künstlern mehr Gemeinsamkeiten als man denkt

Es gibt diesen kleinen Moment der Verwirrung in dem Interview, dass Bill Flanagan 2017 mit Dylan geführt hat. Es würdigt das Erscheinen seines dritten Sinatra-Album „Triplicate“ und schaut voraus auf die noch in der nahen Zukunft liegen „Americanarama“-Festival-Tour. Einen der Teilnehmenden, Taylor Goldsmith von „The Dawes“, versteht er fälschlicherweise als Taylor Swift. Und es kommt sicher nicht von ungefähr, dass Dylan dieser kleine „Lapsus“ unterlief.

(Copyright: Wikimedia Commons, Sony/Claxton)

Denn Bob Dylan „frisst“ bekanntermaßen Musik und ist da viel breiter aufgestellt als so manche seiner Fans, die oftmals in alterskonservativer 60er-Jahre-Verehrung feststecken. So hat Dylan die Rapper schon gewertschätzt, da urteilte man aus Unverständnis gegenüber der afroamerikanischen Populärkultur und einem überheblichen Rockismus, negativ über diese Musikkultur und missverstand den Gangsta-Rap als Synonym für die Hip Hop Kultur. Aber auch über Imelda May, Valerie June, Norah Jones, Stereophonics und die verstorbene Amy Winehouse hat sich Dylan schon positiv geäußert.

Zwar gibt es keine explizite Äußerung von Dylan über Swift, aber andere Musikgrößen wie Bruce Springsteen, Dolly Parton oder Ringo Starr haben sie für ihr Songwriting und ihre Haltung Courage als Frau und Künstlerin im Musikbusiness gelobt.

Auch angesichts der aktuellen „Eras-Tour“ von Swift gibt es eine Reihe von Musikjournalisten und Musiktheoretiker, die Taylor Swift als die Stimme ihrer Generation (der ab Ende der 1980er geborenen) ansehen und damit schon den ersten Vergleich mit Dylan vornehmen. Geradezu reflexartig möchten einige Dylan-Fans sich diesen Vergleich verbitten. Da ist es doch an der Zeit – fernab von Schlachtgetümmel und Pulverrauch – den Versuch einer fundierten Analyse der Similaritäten und Unterschiede der beiden Ausnahmekünstler vorzunehmen.

Dylan und Swift – jeder auf seine Art große Songwriter

Bob Dylan ist als Poet einer der Lieder schreibt, wie andere Bilder malen. Seine Songs sind gespickt mit viel Metaphorik, mit Personen die irgendwo im großen Gewimmel auftauchen, mit wechselnden Perspektiven und manchmal nur zarten Pinselstrichen, sprich Andeutungen. Ambivalenz ist eines seiner Stilmittel. Es gibt oftmals keine klare „Moral von der Geschicht“, sieht man von den frühen „Fingerpointing Songs“ oder späteren Ausnahmen wie „Hurricane“ und seine christlichen Songs ab. Diese Uneindeutigkeit steigert natürlich sein Identifikationspotential. Man kann viel heraushören und für sich mitnehmen. Für viele seiner und folgender Generationen war er daher tatsächlich so etwas wie „the brother that you never had“, wie er es in seinem Song Lenny Bruce zu dichtet.

(Taylor Swift beim Konzert 2024, Foto: Karina Mombauer)

Taylor Swift kommt dagegen vom klassischen Country Music Storytelling. Sie erzählt klare Geschichten. Ihr Alleinstellungsmerkmal war es, die Männer-, Frauen- und Jungmännerperspektiven des Genres nun auch um die Geschichten eines weiblichen Teenagers zu ergänzen. Es war ihr Einstieg in den Erfolg. Sie hat dieses Country-Storytelling über die Jahre für ihre Zwecke verfeinert. Wenn Sie heute in der „Eras“-Tor ihre gut 18 Jahre lange Karriere retrospektiv feiert, dann haben sich Setting und konkrete Inhalte der Songs verändert. Die Themen aber sind die gleichen geblieben: Sich als Mädchen und Frau in einer Männerwelt durchzusetzen, mit Liebe und Trennung umzugehen, als Künstlerin sich eine gewisse Autonomie im Musikbusiness zu erhalten.

Taylor, gute Freundin und Leitfigur

Wenn Bobby für viele seiner Fans der ältere Bruder ist, an dem man sich orientiert, dann ist Taylor die gute Freundin. „Sie ist nicht nur eine großartige Songwriterin, sie hat vor allem die außergewöhnliche Gabe, vor 60.000 Menschen zu spielen und mit ihren Ich-und-du-Songs jedem Einzelnen im Publikum das Gefühl zu geben: Du bist gemeint. Ich bin deine Freundin“, schreibt denn auch Tobias Rapp im Spiegel (19.7.2024). Ihre poetische Bearbeitung mit Konflikten mit männlichen Partnern findet ihre Entsprechung im wirklichen Leben in dem Battle mit Kim Kardashian und Kanye West, zweifelhaften Pop-Trash-Figuren, die nicht umsonst schon mal in der Nähe von Donald Trump auftauchen. Damit und ihrer klaren starken weiblichen Positionierung gegen Sexismus und Diskriminierung von Homosexuellen hat sie ihre Autorität in ihrer Generation gefestigt. Sie als Freundin zu haben, da fühlt man sich schon sicherer.

Während Dylan vor allem für die Generation der Sixties-Gegenkultur zu einer Leitfigur wurde, einer Generation, die sich an den in Schuld und Krieg verstrickten vorherigen Generationen und ihrer sogenannten „Eliten“, ob in den USA oder in Deutschland, abarbeiteten, ist Taylor somit in ganz anderer, heutiger Form eine Leitfigur: „Taylor Swift stehe für Inklusion und Diversität, und damit für einen Safespace in der Wirklichkeit hypermaskuliner Männer wie Putin oder Trump. Swiftie zu sein habe da auch einen kompensatorischen Charakter…“, fasst der Hörfunksender Bayern 2 Kernaussagen des Bamberger Kulturwissenschaftlers Jörn Glasenapp, den wohl als „Swiftologe“ bezeichnen kann, zusammen. Glasenapp hat im Reclam-Verlag in der 100 Seiten-Serie eine Taylor Swift-Monographie veröffentlicht.

Inwieweit dieser von Glasenapp konstatierte „Safe Space“ nach den Wiener Anschlagsplänen von IS-Terroristen, die zu Konzertabsagen führten, noch so unbeschwert in den weiteren Konzerten funktionieren wird, ist sicherlich eine Frage, die sich derzeit nicht nur eingefleischte Swifties stellen.

Text-Exegese dylanologischer Dimension

Kulturwissenschaftler Glasenapps Monographie belegt jedenfalls: Taylors Songs werden nun sogar schon in akademischen Kreisen behandelt. Kommt uns das nicht bekannt vor? Der Dozent Andrew Shields von der Universität Basel erzählt davon im Deutschlandfunk. Er wird Swifts Poesie in einem dreimonatigen Seminar ab Herbst an der Volkshochschule erkunden. Shields schätzt Swifts Lyrik. Er denkt bei Swift oft: „Das ist ja eine Hammerzeile“. Das passiere ihm bei anderen Künstlerinnen und Künstlern nicht. Und so kann man im Deutschlandfunk nachhören: Swift sei mit ihren selbst geschriebenen Texten in der Popmusik einzigartig, weil sie drei Dinge kombiniere, so Shields: „Sie erzählt gute Geschichten, kreiert Figuren mit Tiefgang und hat Humor.“ Andere Interpreten transportierten in Popsongs oft eher Klischees und hätten keinen Humor. „Ich war dabei, als Madonna groß geworden ist“, sagt Shields. „Bei ihr habe ich nie gedacht: Eine tolle Zeile, das muss ich mal näher anschauen.“ Ist Swift eine Dichterin? fragt DLF-Kultur. „Ja“, sagt Shields. Macht sie gute Poesie? Auch hier ein „Ja“.

Aber auch an anderen Unis gab und gibt es Swift-Seminare. Wissenschaftler in Liverpool beispielsweise befassten sich jetzt in einer Konferenz mit dem „kulturellen Phänomen Taylor Swift“.

The Tortured Poets Department“ und “Blood On The Tracks”

In einem sehr lesenswerten Essay hat Rob Salkowitz im Magazin „Forbes“ Dylan und Swift vor dem Hintergrund von Swifts aktuellem Album „The Tortured Poets Department“ verglichen. Er schreibt: „Trotz der tiefgreifenden stilistischen Unterschiede zwischen Taylor Swift und Bob Dylan ist dieser Moment also der Punkt, an dem die Übereinstimmungen in ihrer Karriere zusammenlaufen.“ Auf „Blood on the Tracks“ ist Dylan sparsam und malt sein Meisterwerk mit 10 geschickten Strichen. Auf „The Tortured Poets Department“ „ist Swift ausgiebig: Die erweiterte „Anthology“-Version enthält 31 intensive Titel. Jede Platte strotzt vor Zeilen, die einen nach vorne beugen und mit offenem Mund über die reine poetische Virtuosität staunen lassen. Und es gibt Momente, in denen sich die beiden Alben fast anfühlen, als würden sie miteinander sprechen.“

(Quelle: SONY Music)

Und: „Blood on the Tracks beginnt mit „Tangled Up in Blue“, einer Bestandsaufnahme von Beziehungen, die aus unterschiedlichen Gründen gescheitert sind („Papas Sparbuch war nicht groß genug“, „Ich habe ihr wohl aus der Patsche geholfen, aber ich habe ein bisschen zu viel Gewalt angewendet“, „Etwas in ihm ist gestorben.“) Swift gibt jeder dieser Geschichten ihren eigenen Track und seziert chirurgisch „The Smallest Man Who Ever Lived“, den Liebhaber, der sie dazu brachte, London Lebewohl zu sagen („den Göttern deiner traurigsten Tage geopfert“), und die kurzzeitige Liebesgeschichte in „Fortnight“ („laufe dir manchmal über den Weg, kommentiere meinen Pullover“).

Salkowitz sieht viele Parallelen von „The Tortured Poets Department“ mit „Blood On The Tracks”. Bis hin zu dieser Stelle im Titeltrack, an der Swift ziemlich eindeutig sagt, dass „du nicht Dylan Thomas bist, ich nicht Patti Smith bin, dies hier nicht das Chelsea Hotel ist“. Eine klare Anspielung auf Dylans New York der 1960er und frühen 1970er Jahre.

(Quelle: Republic Records)

Feminine Künstlerautonomie im männlich geprägten Musikbusiness

Swift perfektioniert nach Salkowitz Ansicht Dylans kreativen Produktionsprozess: „Aber Swift ist mindestens so schlau und ehrgeizig wie Dylan, und sie setzt die Kunst der Komposition, Zusammenarbeit und Studioproduktion im Dienst ihrer Kunst viel geschickter ein, als Dylan es je getan hat. Die Veröffentlichung einer perfekt umgesetzten Sammlung, die, ob beabsichtigt oder nicht, an eines der größten Singer-Songwriter-Alben des letzten halben Jahrhunderts erinnert, schadet ihrer Behauptung, ihr Popstar-Image hinter sich zu lassen, nicht.“ So wie sie schon für „Folklore“ öffentlich Dylan als Inspiration genannt hat. Das sind ihre Dylan-Momente.

Denn sie agiert auf der Höhe der Zeit. Ähnlich wie Dylan hat sie immer versucht, künstlerische und wirtschaftliche Autonomie im Musikbusiness zu erreichen. Dylan hat sich irgendwann von Albert Grossman getrennt. Taylor trennte sich von Scott Borchettas und Scooter Brauns „Big Machine Records“ und spielte ihre Alben neu ein. Sie hatte die Hoheit über ihr Werk erlangt. Sie wie Dylan erst Grossman schnickte, dann geschickt mit David Geffens Asylum flirtete, nur um dann wieder nach erfolgreicher Comeback-Tour für weitaus bessere Konditionen zu Columbia zurückzukehren. Dylan hat inzwischen seine Autorenrechte an Universal, seine Rechte an den Aufnahmen an Sony Music verkauft. Trotzdem ist er mit seiner rechten Hand Jeff Rosen ein mächtiger Player und in Sachen Dylan läuft nichts mehr an ihm vorbei.

So wie Dylan nach den ausgebeuteten frühen Bluesmusikern und dem schwachen Elvis unter der Fuchtel des starken Colonel Parker, eine neue Generation von geschäftsbewussten Musikern anführte, so spielt Taylor auf der ganzen Klaviatur moderner Musikvermarktung. Auch hier entwickelt sie das zu einer ganz neuen Qualitätsstufe. Bob Zimmermans Vater war erst leitender Angestellter bei Standard Oil, dann Partner seines Bruders in dessen Elektrogeschäft. Da war von zu Hause aus sicher so etwas wie Geschäftstüchtigkeit.

Taylors Mutter dagegen war zunächst leitende Angestellte im Marketingbereich. Ihr Vater Scott Kingsley Swift ist Vermögensberater bei der Merrill Lynch Bank. Taylor wächst in Wyomissing, etwas mehr als eine gute Autostunde von Philadelphia entfernt auf. Beste Voraussetzungen also. Nicht nur von der Herkunft – das ist alles andere als „White Trash“ – sondern eben auch für das Know How wie die Marketingmaschine funktioniert.

Spiel mit Identitäten und Ausbruch aus den Genregrenzen

Ähnlich aber wie Dylan spielt auch sie mit den Identitäten. Sie ist eben nicht das typische Countrymädchen aus dem Trailerpark in den US-Südstaaten, sondern ihre Eltern sind schon in der Lage, auf einer Ebene mit dem Musikmanagement zu agieren. Schließlich ist die ganze Familie auf Taylors Plan eingeschwenkt, Countrystar zu werden und zieht von Pennsylvania nach Hendersonville bei Nashville. So wie Dylan in seiner Anfangszeit großspurig von nie stattgefundenen Ausreißversuchen erzählt hat und ein Hobo-Image entwickelte, so wurde Taylor zum Prototyp des einfachen Countrygirls, ohne diesen Hintergrund wirklich zu haben. Aber ebenso wie Dylan die traditionelle Folkszene sprengte und hinter sich ließ, war Taylor irgendwann die Countryszene zu klein. Sie revolutioniert erst das Mädchen- und Frauenbild der Countrymusik, um dann ins Popfach zu wechseln. So wie Dylan einstöpselte und den Folk-Rock erfand.

Und die Perspektiven?

Salkowitz schreibt im Forbes Magazin: „In der zweiten Hälfte seiner Karriere, die Taylor Swifts gesamtes Leben umfasst, war er [Dylan] eine schattenhafte Eminenz, die die Nebenstraßen des „alten, seltsamen Amerika“ nach Alben voller wunderschöner, gut gemachter, oft von Kritikern gefeierter Songs durchkämmte und bei Auftritten auf seiner „nie endenden Tour“ mittelgroße Hallen füllte. Obwohl seine Fähigkeiten als Songwriter bis Mitte 80 kaum nachgelassen haben, haben weder seine Arbeit noch seine Persönlichkeit jemals wieder die totale Aufmerksamkeit Amerikas erlangt, die sie zuletzt Mitte der 1970er Jahre genossen.“

Was aber wird nach Taylors „Eras“-Tour kommen? Dylan hat seinen Platz im Musik-Olymp als Nobelpreisträger und als Songwriter-Legende sicher. Generationenübergreifend. Vielleicht gerade, weil er seit den 1980ern eben kein kommerzieller Megastar und eigentlich auch seit den Mittsechzigern auch keine omnipräsente Medienfigur mehr war. Wohin aber wird sich die 34-jährige Künstlerin entwickeln? Dylan hatte eine künstlerische Durststrecke seit den späten 1970ern bis zum künstlerischen Comeback 1997. Dann hatte er wieder stimmige Themen und Bilder für seine Lieder gefunden. Von seiner ungebrochen künstlerischen Autonomie können sich derzeit die Besucher seiner Outlaw-Konzerte überzeugen.

Taylor Swift bleibt zu wünschen, dass sie ihr großartiges Songwriting weiterführen kann mit Inhalten und Themen, die zur Weiterentwicklung ihrer Person passen. Die „Eras“-Tour ist für Taylor Swift ein Abschluss ihrer ersten fast zwanzig Jahre. Ob ihre Musik auch in Zukunft so viel Aufmerksamkeit und Relevanz erfährt, weiß man nicht. Zu hoffen und wünschen ist es ihr auf jeden Fall. Sie hat viel geleistet – für die Kunst und für die Frauen in der US-Gesellschaft.

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