Bob Dylans ungebrochene Lust an der Veränderung

Ein kleine Zwischenbilanz nach dem zweiten Drittel der Outlaw-Music Festival Tour

von Thomas Waldherr

Die Bandbesetzung und die Setlists der Bob Dylan-Konzerte im Rahmen der Outlaw-Festival Tour mit Willie Nelson boten doch anfangs Anlass für große Verstimmung: „Warum sind Donnie Herron und John Pentecost nicht mehr dabei?“ „Warum stattdessen Jim Keltner an den Drums“? Das Ganze klingt unausgegoren und unrund“ – die Diskussionen wurden sehr intensiv geführt. Und warum jetzt plötzlich wieder Songs von „Tempest“? Die Ratlosigkeit war groß.

Grundsätzliche Veränderungen im Konzertformat

Fast drei Jahre lang hatte Bob Dylan seine Rough And Rowdy Ways-Tour mit Setlists bestritten, die fast alle Songs von seinem 2020er Album beinhalteten. Im Herbst 2023 da mischte er das neue Material schon ausgiebig mit einer ganzen Reihe von Coverversionen. Spielte nummernprogrammmäßig in einigen Städten ortsbezogene Klassiker wie in Chicago und eine ganze Reihe von Songs erinnerten an seine enge Bindung an Jerry Garcia und Robert Hunter von den „Greateful Dead“. Im Frühjahr 2024 spielte er Cover von Jimmie Rodgers oder Johnny Cash, ergänzte in New Orleans die Setlist um „On the Banks of the Old Ponchartrain“ und in Lafayette kam „Jambalaya“ auf den Tisch. Da löste sich einer schon wieder aus zu engen künstlerischen Fesseln. Seine künstlerische Message von RARW hatte er mit den Touren 2021, 2022 und 2023 ausreichend in die Welt hinausgetragen. Jetzt musste etwas Neues drankommen.

Dafür kam ihm die Sommertour gelegen. Da war das RARW-Label hinter der Outlaw-Marke in den Hintergrund getreten. Und da Willie und John Mellencamp mit dabei waren, war das ohnehin als ein lockeres Treffen von alten Freunden geplant. Da passte der 81-jährige Jim Keltner doch wunderbar dazu. Ansonsten verließ er sich auf sein eigenes Piano-Spiel und auf die Gitarren-Herren Garnier, Lancio und Britt. Da wirkte gerade im ersten Abschnitt der Outlaw-Festival-Tour doch vieles arg unfertig. Es entwickelte sich Stück für Stück.

Als Säulen fungierten zwei bis drei Songs alleine vom vorletzten Album von 2012 (Und ein „Tempest“-Shirt unter den Tour-Devotionalien!). Dazu zwei von Highway 61 Revisited, zwei von „Time Out Of mind“, völlig kam überraschend „Under The Red Sky“ wieder zu Konzert-Ehren, daneben wenige Songs, die schon im RARW-Programm waren wie „I’ll Be Your Baby Tonight“ und einige Rückkehrer wie „Simple Twist Of Fate“ oder „Ballad Of A Thin Man“. Vor allem aber fielen auch hier die vielen Cover-Songs auf. „Little Queenie“ von Chuck Berry „Mr. Blue“ des fast vergessenen Gesangsrios „The Fleetwoods“ und „Six Days On The Road“ , bekannt vor allem von Dave Dudley, wurden bald zu Regulars der Konzerte. So formte sich im Laufe dieses Tourabschnitts eine Setlist heraus, zu der sich dann irgendwann auch fest der gute alte „Shooting Star“ gesellte.

Dylan selbst war musikalisch gut aufgelegt, wie berichtet wird. Er und sein Piano standen im Mittelpunkt der Konzerte. Am Ende des ersten Tourabschnitts kam dann jeden Abend Mickey Raphael, Willie Nelsons legendärer Mundharmonika-Virtuose und begleitete Dylan bei „Simple Twist Of Fate“. Herzerweichend schön!

Im Gegensatz zum Konzertverhalten der Zuschauer. Da herrschte – so schilderten es deutsche Augen und Ohrenzeugen und man konnte es auf Konzertvideos deutlich sehen – ein ständiges, nerviges Kommen und Gehen und unaufmerksames Gequatsche. Doch davon ließ sich der Meister nicht abbringen, leistete gute Arbeit uns am Ende des ersten Abschnitts war eine Kontur der Konzerte zu erkennen.

Neue alte Songs und viele Gäste auf der Bühne

Doch Dylan wäre ja nicht Dylan, wenn er nun stehenbleiben würde. Gegen Ende des zweiten Abschnitts gab es dann noch zwei markante Veränderungen. Am 4. August in Wheatland, Kalifornien, stand dann wie aus heiterem Himmel „A Hard Rain’s A-Gonna Fall“ (schönes Wortspiel!) auf dem Programm. Beeindruckend und natürlich wieder viel Spekulationen ob des Anlasses in Zeiten von großen Kriegen, Terror und Klimakatastrophe (Dürre + Starkregen-Katastrophen). Drei Tage später in Nampa, Idaho, begann das Konzert dann plötzlich – und dem Festival aus mehreren Gründen angemessen – mit „Rainy Day Women #12 & 35“.

Und nach dem letzten Juli-Konzert beendete dann Mickey Raphael seine Rolle als Mundharmonika-Sidekick. Und so brachte der 3. August in Mountain-View, Kalifornien nicht nur die Rückkehr des Beanie als Dylan’sche Kopfbekleidung, sondern Beanie-Bob führte auch das noch das Kunststückchen vor, mit zwei Mundharmonikas, in jeder Hand eine, bei „Simple Twist Of Fate“ Mickey Raphael zu ersetzen. Genialer Dylan-Wahnsinn.

Zu den Geschichten dieser Tour gehört längst das Spielen mit unterschiedlichen Sidekicks. Denn nicht nur Mickey Raphael als Junge mit der Mundharmonika, sondern auch unterschiedliche Gitarristen gaben sich ein Stelldichein. Da die ganze Tour sowieso etwas von Abschlussfahrt hatte, holte Dylan dann am 3. August auch noch Elvin Bishop auf die Bühne. Der 81-jährige spielte in den 1960ern bei der Butterfield Blues Band und begleitete daher Dylan bei dessen legendären ersten elektrischen Auftritt 1965 auf dem Newport Folk Festival. Da bekommt man Gänsehaut.

Zwar gab es bis zum Ende des zweiten Drittels der Outlaw-Tour keine Duette von Bobby mit Willie, aber immerhin gesellte sich dessen Sohn Lucas Nelson zu fünf (!) Stücken zu Dylan auf die Bühne.

Zwischenfazit nach dem zweiten Drittel
Aus der etwas holprig begonnen Tour- schließlich fehlte auch Willie Nelson bei den den ersten Konzerten, weil er unpässlich war- wurde nach und nach etwas Besonderes. Es ist ein ganz freischwebendes Kunstwerk, dieses Dylans`sche Outlaw-Festival-Konzertformat. Wir dürfen gespannt sein, was im letzten Drittel noch passiert und wir dürfen in keinster Weise daraus irgendeinen Rückschluss auf die Herbstkonzerte in Europa ziehen. Dylan ist und bleibt die große Wundertüte!

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