… there’s nothing, really nothing to turn off (Teil 3)

(3. und letzter Teil)

Oliver Kanehl begibt sich anhand zahlreicher Songs auf eine Spurensuche nach den Wechselwirkungen von Countrymusik und Bob Dylans Werk – erstmals veröffentlicht im Rahmen seines Radio-Podcasts HONKY TONK BLUES aus Anlass von Bob Dylans 80. Geburtstag 2021.

Country und Folk-Musik sind zumindest rein musikalisch keine gegensätzlichen, sondern eng verwandte Welten. Eigentlich haben sich nur popkulturell betrachtet im Laufe des 20. Jahrhunderts durch verschiedene – vor allem musikindustrielle – Einflüsse zwei unterschiedliche Genre Pfade ausdifferenziert. Am deutlichsten war diese Trennung in den 1960er Jahren, als das Folk Movement von einem fast schon religiösen Eifer getrieben stets nach reiner Folkmusik suchte.

Heutige Indie Country Bands wissen wie Dylan um diese Beziehung und kennen genauso die Praktik des Rewritings. Und so ist Bob Dylans vielleicht größter Country-Hit eigentlich eine Weiterführung von mehreren Folksongs. Aber der Reihe nach: Nachdem der Dreh von Sam Peckinpahs Spätwestern Pat Garrett and Billy the Kid beendet war, in dem er eine kleine Nebenrolle spielte – begab sich Bob Dylan Anfang 1973 ins Studio, um die dazugehörige Filmmusik einzuspielen.

Fun Fact am Rande: Der Hauptdarsteller Kris Kristofferson war nur drei Jahre zuvor noch ein Niemand gewesen: Er jobbte zur Zeit der Sessions von Dylans Nashville Skyline als Hausmeister im Columbia Studio. Bei der Aufnahme von Lay Lady Lay hatten die Session-Musiker im wahrsten Sinne des Wortes alle Hände voll tun. Daher ließen sie den späteren Billy the Kid, der den Aufnahmen zuhören durfte, die für den Groove des Stücks wichtigen Percussion-Instrumente Cowbell und Bongos für Drummer Kenny Buttrey halten.

Zurück zu Dylans Soundtrack-Sessions, bei denen auch sein Welthit Knockin‘ On Heaven’s Door entstand: Während dieser Aufnahmen lief die Bandmaschine nicht nur bei fertig ausgearbeiteten Songs. Auch spontane Ideen wurden mitgeschnitten. Wohlgemerkt sprechen wir hier nur von Ideenfragmenten, d.h. Akkordfolgen, gesummten Melodien und Ähnlichem. Als später Outtakes dieser Sessions als Bootlegs kursierten, befand sich darauf auch ein Stück von fast vier Minuten Länge, das die Bootlegger Rock Me Mama getauft hatten. Wohl einfach deshalb, weil Rock Me Mama so ziemlich das Einzige war, was man von Dylans Gesang entziffern konnte. Die Skizze bestand aus einer Knockin‘ On Heaven’s Door ähnelnden Akkordfolge in ebenso ähnlicher Rhythmik für die Strophe, die dann wie im bekannten Hit im Refrain leicht variiert wurde. In diesem Chorus-Teil sang Dylan:

So rock me mama like a wagon wheel

Rock me mama any way you feel

Hey mama rock me

Viele Jahre später war ein Teenager namens Chris Fuqua, genannt Critter, mit seiner Familie in den Ferien in England und erstand eine CD mit diesen Outtakes. Zurück in den Staaten spielte er sie auch für seinen Schulfreund und späteren Bandkollegen Ketch Secor. Beide fanden das Rock Me-Stück gut. Da man aber von dem Text außer dem Chorus nichts verstehen konnte, schrieb Ketch einfach einen neuen Text. In diesem verarbeitete er eine längere Greyhound-Busfahrt von New England nach Virginia zu einem Mädchen, das er toll fand. Am Ende nannte er das ganze neue Songgebilde Wagon Wheel.

Ketch Secor, 17 zu diesem Zeitpunkt und noch grün hinter den Ohren, war also bereits ein Rewriter mit großer Chuzpe. Oder wie es Jakob Dylan mal später treffend formulieren sollte: So etwas kann nur

ein Teenager machen, kein Erwachsener hätte die Traute, einfach mal so einen Bob Dylan Song fertig zu schreiben.

(Quelle: Nettwerk)

Als Secor und Fuqua ihre Old Time Music infizierte Stringband Old Crow Medicine Show gegründet hatten, und 2001 zwar schon von Doc Watson entdeckt, aber noch ganz independent, das Stück auch auf ihre erste CD nehmen wollten, versuchten sie mit Dylans Management das Copyright zu klären. Aber ihre Anfrage versandete. 2004 – inzwischen bei Nettwerk unter Vertrag – und in Nashville ansässig, gelang der Band der Kontakt zu Dylan und die Ketch Secor / Bob Dylan Komposition Wagon Wheel war nun auch offiziell geboren.

Im Rewriting-Kontext ist es sehr interessant, was Dylan sinngemäß während der Copyright-Verhandlungen laut Secor verlautbart haben soll: „I didn’t write that; Arthur Crudup did,” anspielend auf Crudups 1944er Song Rock Me Mama. Und Crudup hätte – wenn er nicht schon lange tot gewesen wäre – antworten können: „Ich habe das nicht geschrieben, es war Big Bill Broonzy.“ Inklusive fast identischem Text hatte dieser das Stück gute 15 Jahre früher verfasst. Sinngemäß und so ist es mit allem, was Dylan anfasst, speisen sich seine Lieder wie auch dieses, aus ganz unterschiedlichen Quellen, die oft weit zurückreichen.

Über die Zeit wurde Wagon Wheel größer als die Band Old Crow Medicine Show selbst, und ihre Version erlangte 2011 Gold-Status und 2013 sogar Platin. Zu der Zeit gab es schon mehrere Cover-Versionen, aber im gleichen Jahr schoss der ehemalige Sänger der Neunziger-Jahre-Band Hootie And The Blow Fish Darius Rucker mit seiner Version den Vogel ab. Dieser hatte witzigerweise Jahre bevor er das Stück aufnahm, einen Rechtsstreit mit Dylan. Dessen Management hatte Rucker verklagt, weil er mehrere Zeilen aus Dylan Songs in seinem früheren Blowfish Hit Only Wanna Be With You verwendet hatte.

(Quelle: Capitol Records)

Ruckers extrem radiotaugliche Mainstream-Version von Wagon Wheel war jedenfalls so erfolgreich, dass das Stück nicht nur in den USA chartete. Dort bekam es bis heute allein acht mal Platin, was einem Verkauf von nahezu vier Millionen Einheiten entspricht. Dieser Erfolg hat im Heimatland der Country-Musik das Stück Wagon Wheel fast gekillt. Viele Musiker und Country-Fans hassen es inzwischen. Es gibt Venues, in denen es Bands untersagt ist, es zu covern. In manchen Läden gibt es sogar Wagon Wheel freie Zonen, so sehr bluten manchen Menschen die Ohren. Ein Alptraum soll auch sein, dass es Straßenmusiker immer wieder spielen. Mich erinnert das an etwas, was ich noch aus den 80ern und 90ern kenne: Damals war es in Musikgeschäften und Gitarrenläden aus gutem Grund bei Todesstrafe verboten, beim Ausprobieren von Instrumenten, das Riff von Smoke On The Water zu spielen.

Ich glaube, hierzulande kann man wegen der Nischenhaftigkeit von Indie-Country zumindest die Old Crow Medicine Show Originalversion durchaus mal auflegen, ohne dass man Angst haben muss, gleich erschossen zu werden. Oder bekomme ich jetzt einen Shit-Storm? Ich hoffe nicht. Schließlich sang doch auch der Meister schon in Visions of Johanna so schön:

The country music station plays soft, and there’s nothing, really nothing, to turn off.

In späteren Jahren, als man den Titel eher auf den Interpreten beziehen wollte, da Alter und Krankheit die Endlichkeit seines Daseins schon ankündigten, nahm Johnny Cash Bob Dylans Forever Young auf, den Song, den Dylan nach der Geburt seines ersten Sohnes Jesse schrieb. Cash wird bei der für die Benefiz Compilation Red Hot + Country produzierten Aufnahme von Randy Scruggs und unter anderem auch von Marty Stuart an der Mandoline begleitet.

Manche nennen Bob Dylans Musik Rockmusik, manchen meinen, er mache Blues. Für andere ist er immer noch der Protest- oder Folksänger. Für mich ist er immer auch ein Country-Musiker. Ohne ihn würde ich mich nicht so sehr für dieses Genre interessieren, denn seine Musik hat einen Jungen aus der Norddeutschen Tiefebene dazu gebracht, sich mit den Musiktraditionen, die aus dem Herzen Amerikas kommen, näher zu beschäftigen.

Sicher ist, Bob Dylan hat alle amerikanischen Roots-Musikstile in seinem Werk vereinigt. Wahrscheinlich muss man ihn als Erfinder von dem bezeichnen, was manche Singer-Songwriter-Musik nennen und für andere ist er wahrscheinlich der Ur-Vater des Genre-Amalgams namens Americana.

Ich habe Dylans Musik in den 80er Jahren, mitten in seiner schwächsten Schaffensphase lieben gelernt und angefangen, mich näher für ihn zu interessieren. Streaming gab‘s noch nicht und Schallplatten waren teuer. Als Schüler mit begrenztem Taschengeld hatte ich nur wenig Musik von ihm. Also hielt ich mich einmal extra länger wach, um ein Konzert von Dylan mit Tom Petty & The Heartbreakers des nachts im Radio mitzuschneiden. Diese Kassette habe ich noch heute.

Toll fand ich dann sein 1989er Album Oh Mercy, mit dem es musikalisch substantiell wieder aufwärts ging. Das erste Mal live gesehen habe ich ihn dann 1991 im Hamburger Stadtpark. Der Auftritt war eher schräg, da Dylan offensichtlich ziemlich betrunken war. Ich meine mich zu erinnern, dass er von zwei Männern vor das Mikro gestellt wurde. Damals hieß es, entweder sind seine Konzerte toll oder katastrophal. Nun habe ich tatsächlich einen Mitschnitt dieser Show auf YouTube gefunden, und es zeigt sich, dass eigentlich nur der Anfang unterirdisch war. Nach etwa drei Liedern war die Show eigentlich ganz ok.

(Cover zu Dylans „Oh Mercy“, 1989, Quelle: Columbia Records)

Aber das ganze Drumherum war schon sehr aufregend, da ich mir bewusst war, eine lebende Legende zu sehen. Ich weiß noch, wie ich nach dem Konzert gemeinsam mit ein paar wenigen Besuchern noch länger vor der Bühne stand, und mich fragte, was das denn jetzt gerade gewesen war. Besonders blieb mir eine Frau in Erinnerung. Sie rief immer wieder laut „dem Mann muss geholfen werden, warum hilft ihm denn keiner?“.

Dylan war gerade 50 geworden. Er war einer der ersten Rockstars der 60er Jahre, die dieses Alter erreichten. Ich erinnere mich noch, was für ein großes Thema das in der Musikpresse und im Feuilleton war. Im Fernsehen wurde in einem Special erörtert, ob die Stars der Jugendkultur nun nicht eigentlich abtreten müssten. Als die Stones einer nach dem anderen wenig später 50 wurden, wiederholte sich das Ganze. Man wusste nicht, wie diese Musiker altern sollten. In der Country-Musik hingegen war das nie ein Thema, denn diese Musikkultur war nie eine Jugendkultur. Jugendlichkeit spielte keine besondere Rolle.

Heute, gute dreißig Jahre später, bin ich so alt wie Dylan damals und habe ihn mehr als ein Dutzend Mal live gesehen und der gute Mann ist über 80 und niemand wundert sich, dass er immer noch Musik macht. Ja, 2020 hatte Dylan sogar seinen allerersten Nummer-eins-Erfolg. Zudem noch mit einem Stück, das fast 17 Minuten lang ist. Selbst im fortgeschrittenen Alter ist der Mann noch für Überraschungen gut. Dylan hatte nie vor, in Rente zu gehen. Das Altern als lebende Legende ist Dylan gut geglückt. Das zeigen auch seine drei Cover-Alben mit Klassikern des American Songbook. Auch die Rolle als Country-Crooner steht ihm gut.

Ich freue mich, dass Dylan nach der verordneten Corona-Pause seine seit Jahren als Never Ending Tour bezeichneten Ausflüge auf die Bühnen der Welt wiederaufgenommen hat und ich wünsche ihm, dass er uns noch lange mit seinen kreativen Wandlungen und Einfällen begeistern kann.

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