Der Washington Square Park in New York – Orte der Folk-Music

von Richard Limbert

„Orte eine Fähigkeit haben, sich bemerkbar zu machen,“ sagte Wim Wenders in einem Interview mit dem Tagesspiegel von 2015. Wenders‘ Filme sprechen genau diesen Gedanken wieder und wieder aus. Von den endlosen, platten Landschaften der USA mit kontrastierenden Stadtszenen in Paris, Texas (1984), zu den beeindruckenden Bildern zwischen Einsamkeit und Metropole der deutschen Hauptstadt in Der Himmel über Berlin (1987). Wo der Blick weiterfliegt, wo das Weiterkommen durch eine Sackgasse gebremst ist, wo ein Ort zum Verweilen oder nur zur Durchreise gemacht ist, formt jeden, vom Bewohner, zum Passanten, zum Betrachter.

Wenn es um das Thema Raum geht bin ich mit Wenders auf selber Wellenlänge: kaum betrete ich einen neuen Ort, beginnen meine Gedanken gleich anders zu fließen. Ich schaue mir schonmal aus Prinzip jedes Geburts- und Wohnhaus jeglicher auch nur ansatzweise berühmten Persönlichkeit an, wenn ich in einer neuen Stadt bin. Ich glaube, ein Ort wirkt zwangsläufig auf die Gedankengänge ein. Man baut sich im Alltag kleine Shortcuts in seinem Wohnbereich und irgendwann sitzt in der Küche jeder Handgriff, ganz subtil setzt sich da ein Denkmuster fest, wenn auch nur motorisch. Aber es erfüllt mich doch mit zwischenmenschlichem Verständnis wenn ich, wie in meinem letzten Urlaub in Weimar gelernt habe, weiß, dass Friedrich Schiller am Schreibtisch aus einer Art Dachfenster im zweiten Stock herausschaute und bei Nacht nur ein paar Schritte nach hinten gehen musste um sich in einer unfassbar kleinen Schlafkammer in ein enges Einzelbett zu legen, auf die schräge Decke starrend. Am nächsten Morgen dann ging er in das angrenzende Ankleidezimmer, das nicht klein aber sehr langgestreckt war und dessen gemütliche Enge durch einen gigantischen hölzernen Kleiderschrank ins beinah Klaustrophobische verwandelt wurde. Auch hat es mich auf lokal-emotionale Weise beeindruckt, dass Johann Wolfgang von Goethe ein sehr verwinkeltes, aber auch sehr großes Wohnhaus in Weimar bewohnte in dem in fast jedem Zimmer antike Statuen zu bestaunen waren. Das Treppenhaus wurde eigens auf Auftrag in das Haus am ehemaligen Stadttor gezimmert. Für das Haus viel zu groß mussten für die gewaltigen Treppen einige Zimmer eingerissen werden. Wie in einem kleinen Labyrinth bewegte sich Goethe so wohl im Alltag durch sein Haus in dem er oft Gäste aus Kultur und Politik empfing.

Ich glaube, ein Ort wirkt so auf einer noch persönlicheren Ebene, es ist eine unmittelbare Beeinflussung die so natürlich auch für Musiker und Musikerinnen wichtig ist. Deshalb möchte ich mich gerne den Musik-Orten und ihrer Geschichte widmen. Dabei will ich nicht die großen Konzertsäle der Musikgeschichte beleuchten. Dazu gibt es zu Geschichte, Architektur und Akustik schon mehr als genug Texte. Ich will mich den Orten des Öffentlichen Musikmachens widmen und hier Geschichte und Ästhetik eines Ortes verweben. Denn wer gerade über Folk und Americana schreibt, der darf zum Musikmachen in der Öffentlichkeit nicht schweigen.

Meinen ersten Schritt gehe ich hier mit einem Park, einer Keimzelle für Ideen und Aufruhr in der Metropole New York, ein Ort der die Geschichte des Folk-Revivals der 50er und 60er vielleicht so geprägt hat wie kein anderer: Der Washington Square Park in Greenwich Village. Mit seinem weißen, marmornen Siegesbogen, dem großen Springbrunnen und dem schier endlos weiten Blick die 5th Avenue hinunter ist er so simpel, wie charakteristisch. Ein Platz, den man wiedererkennt.

(Der Washington Square Park von Süden aus gesehen, Quelle: Wikimedia Commons)

Dazu tauche ich erst einmal in die Geschichte des Washington Square Parks ein. Und die beginnt im New York des späten 18. Jahrhunderts.

New York als wachsendes Städtchen im 18. Jahrhundert

New York war eine im frühen 17. Jahrhundert von niederländischen Kolonialherren gegründete Stadt, die als Verwaltungssitz der Kolonie Nieuw-Nederland fungieren sollte. Zu Gründungszeiten waren das wirklich nur ein paar Straßen, ein Platz und eine militärische Befestigung am Zipfel der Manhattan-Halbinsel, die Nieuw (Neu) Amsterdam genannt wurde. In den 1660er Jahren dann wurde das Städtchen von britischen Truppen eingenommen und in New York getauft. Die Stadt am Hudson River hat allerdings erst wirkliche Bekanntschaft erreicht, als sie durch den amerikanischen Unabhängigkeitskrieg gegen Ende des des 18. Jahrhunderts zum Hauptquartier George Washingtons wurde und dann dort im Unsteten politischen Klima nach dem Krieg zum 1792 Gründungsort der Börse wurde.

In dieser Zeit beginnt eigentlich die Geschichte des Washington Square Parks. New York ist als Stadt vom Südende der Manhattan-Halbinsel heraus zu denken. Der historische Ortskern von Neu Amsterdam lag an der Südspritze und das stetig wachsende New York breitet sich von dort nach Norden aus.

Washington Square als der Ort hinter der Stadtmauer

Ich habe für diesen Artikel Kontakt mit dem Stadthistoriker Myles Zhang aufgenommen, der auf seiner Seite https://www.myleszhang.org/here-grows-new-york-city/ sehr plastisch die Stadtentwicklung der Metropole New York sichtbar macht. Freundlicherweise durfte ich hier seine Grafiken für diesen Artikel verwenden. Hier sieht man eine Karte der städtischen Ausbreitung im Jahr 1797:

(New York 1797, Quelle: https://www.myleszhang.org/here-grows-new-york-city/)

Was uns Zhang präsentiert ist eine für heutige Verhältnisse mittelgroße Stadt. Damals allerdings eine Metropole to be. Der Flecken Land, das später der Washington Square Park werden sollte, wurde genau in diesem Jahr vom New Yorker Stadtrat gekauft, ist hier aber nicht auf der Karte zu sehen. Warum nicht? Das Gelände befand sich damals außerhalb der Stadt und wurde den dort lebenden Ureinwohnern des Lenape-Stammes erst in diesem Jahr abgekauft. 1811 dann expandierte New York noch weiter nach Norden und dieses neu erkaufte Stück Land lag nun unmittelbar außerhalb der Stadtgrenze.

(New York 1811, Quelle: https://www.myleszhang.org/here-grows-new-york-city/)

Mit diesem Land, quasi gleich hinter der Stadtmauer, wollte die Stadtführung New York nun eine Art Pufferzone errichten. Natürlich gegen feindliche Einfälle, aber der Ort hatte schon eine Funktion: Hier sollte ein Armenfriedhof entstehen. Und bei Stadtplanungen war es in vorindustriellen Zeiten nicht unüblich den Friedhof gleich hinter der Stadtmauer zu platzieren. Beispielsweise ist das auch in Leipzig so gewesen. Der damals größte Friedhof der Stadt, der Alte Johannisfriedhof (heute am Johannisplatz gleich hinterm Grassimuseum) lag auch gleich neben der ehemaliger Johanniskirche 500 Meter hinter dem Osttor der mittelalterlichen Stadtmauer, heute der Augustusplatz. Dort wurden Menschen aller Hintergründe in teilweise großen Mengen bestattet, wie auch zu Pestepidemien und nach Kriegen. Daneben, am heutigen Rabensteinplatz, stand der Galgen. Und so auch im New York des späten 18. Jahrhunderts. Es gibt ebenfalls einige Quellen für Hinrichtungen auf dem heutigen Wahsington Square Park und eine Hangman’s Elm – eine Ulme an deren Äste Erhängungen stattgefunden haben sollen – steht heute noch im Park. Umbauten und Grabungen im Park bringen bis heute regelmäßig sterbliche Überreste von hier im 18. und 19. Jahrhundert Bestatteten zum Vorschein.

Und als vorläufiges Feld, an dem Dinge passieren, die man lieber nicht in der Stadt haben möchte war der Ort auch ausgelegt. Doch nach knapp 20 Jahren war der kleine Friedhof schon überfüllt. Was macht man nun mit diesem Stück Land? In einer weiteren Grafik sieht man hier, dass die Stadtplanung New Yorks die weitere Stadteinwicklung so geplant hat:

(Comissioner’s Plan New York 1811, Quelle: https://www.myleszhang.org/here-grows-new-york-city/)

Ein Washington Square Park existiert hier nicht. Das Feld sollte einfach mit Verbindungsstraßen (hier in Geld) überbaut werden. Das sollte sich jedoch anders entwickeln. : aus dem ehemaligen Friedhofsgelände wird 1826 (zum 50-jährigen Bestehen der Unterzeichnung der Unabhängigkeitserklärung) ein Platz für militärische Paraden und zum Exerzieren. Die Miliz der jungen Demokratie brauchte einen Ort zum Üben. Hier auf der Karte als größter Platz im Norden New Yorks im Jahr 1834 zu sehen:

(New York 1834, Quelle: https://www.myleszhang.org/here-grows-new-york-city/)

Der Militärplatz brachte durchaus etwas Prunk in die Gegend. Hier wurde ein Jahr später, 1827, ein offizieller öffentlicher Platz eingeweiht. Daraufhin begann der Park ein essentieller Teil des Lebens New Yorks Citys zu werden. Die reicheren Familien siedelten sich hier im Norden New Yorks an um im Park zu flanieren. Die nun sehr schnell wachsende Metropole brachte im frühen 19. Jahrhundert auch Schmutz und Krankheit mit sich und der friedliche Park am Nordende der Stadt wurde zur Wohngegend für die, die es sich leisten konnten. Noch heute kann man hier einige dieser prunkvollen Bauten des 19. Jahrhunderts bewundern. Und an sich war die Gegend durchaus bürgerlich und etwas Boheme: die Universität New York baute hier ihr Hauptgebäude, in dem u.a. Samuel Morse seine Telegrafentechnik entwickelte (und später im Park erstmalig zur Schau stellte).

In den Folgejahren expandierte New York weiter. Hier sieht man, wie sich nun 1849 der Park komplett in den Stadtplan eingegliedert hat und New York in nur knapp über 15 Jahren wieder ein gutes Stück gewachsen ist.

(New York 1849, Quelle: https://www.myleszhang.org/here-grows-new-york-city/)

In der Mitte des 19. Jahrhunderts entwickelte sich der Park zum sozialen Zentrum. Frühe Demonstrationen spielten sich hier ab und zum US-amerikanischen Bürgerkrieg gehörten Unruhen in New York zur Tagesordnung. Im Juli 1863 kam es zu den blutigen Draft Riots in New York. Truppen wurden aus Gettysburgh abgezogen um auf dem Washington Square zu kampieren und Ruhe in die Gegend zu bringen. In den 1870er Jahren wurde der Park dann massiv umgestaltet und bekam so schon viel seines heutigen Aussehens. Der Springbrunnen wurde installiert und die Wege neu geplant.

1889 wurde das 100jährige Jubiläum der Inauguration George Washingtons in New York mit einem dreitägigen Fest zelebriert. Wo? Natürlich am Platz, der nach ihm benannt ist! Dazu sollte ein vorerst vorläufiger Triumphbogen aus Holz, Pappmaché und Mörtel entstehen, den der Architekt Stanford White planen sollte. Der Bogen war eine Anlehnung an antiker Architektur, aber auch an den Pariser Triumphbogen. Das nicht ganz wetterfeste aber beeindruckende Monument wurde positiv von den Besuchern rezipiert, sodass White gleich ein permanentes Steindenkmal nach diesem Vorbild bauen sollte. 1895 wurde dann der steinerne Bogen mit klassischer US-amerikanischer Motivik samt Adler und Sternen eingeweiht. Hier beginnt der Washington Square Park, wie wir ihn heute kennen. 1915 wurde eine George Washington Statue eingeweiht.

Und in den 1910er Jahren passierte viel in New York. Die Kultur der jungen Boheme siedelte sich an den Rändern des Park an. Greenwich Village wird zum kulturellen Zentrum der Künstler und Verlorenen der Stadt. Mark Twain, Walt Whitman, Robert Louis Stevenson: die Autoren liebten die Gegend, in der es mittlerweile auch viele Bars gibt. Dazu gab es viel Sprengstoff im Viertel: 1911 raubte ein Brand in der Trangle Shirtwaist Factory 146 Arbeiterinnen das Leben. 1912 protestierten 20.000 Arbeiter*innen (darunter 5000 Frauen) für bessere Arbeitsbedingungen.

In dieser Welt zwischen Autoren und politischem Aktivismus erfindet sich der Washington Square Park in den 1910er Jahren komplett neu.

Der Washington Square Park als Ort der Folk-Musik: Geliebt und umkämpft

Im Washington Square wurde seit dem Ende des 2. Weltkriegs regelmäßig, vor allem Sonntag Nachmittags, Folkmusik gemacht. Durch eine Szene, die durch Pete Seeger, Woody Guthrie und anderen seit den 40er Jahren in New York existierte, war im Künstlerviertel Greenwich Village der Washington Square Park der Ort schlechthin für Livemusik. Bis in die späten 50er Jahre sogar der einzige, es gab noch keine Folk-Clubs. Im Village gab es einige Folk-Lager, die sich gegenseitig kannten und durchmischten, aber auch abgrenzten. Und das zeigte sich auch im Park. Am Südende sangen und tanzten oft zionistische Folkloristen traditionell jüdische Lieder, dann gab es die klassischen Balladensänger, die überzeugten Marxisten und Arbeiterliedersänger*innen und natürlich auch die Bluegrasser, vor allem angeführt vom kürzlich verstorbenen Roger Sprung und Lionel Kilberg. Diese Sessions wurden in den 40ern bereits so populär, dass man sich seit Ende der 40er schon eine offizielle Spielerlaubnis der Stadt holen musste um hier Musik machen zu dürfen. In den meisten Fällen war das allerdings kein Problem.

(Greenwich Village Boheme der 1910er/20er Jahre, von Jessie Tarbox Beals)

Doch in den 50er Jahren kam neuer Wind auf in der New Yorker Stadtplanung. Einer der einflussreichsten Stadtplaner des 20. Jahrhunderts war Robert Moses, der seit den 30er Jahren New York effektiv, pragmatisch und Auto-freundlich ausbaute und somit das Stadtbild bis heute prägt. In den späten 50er Jahren gerieten die Pläne des mittlerweile 70-Jährigen allerdings in seltsame Gefilde. Die Entwicklung New Yorks zu einer Stadt des Jazz, Beat und Jugendkultur, die Raum für Musik, Kultur und soziale Interaktion im freien brauchte, stieß bei Moses auf Unverständnis. Berüchtigt ist hier z.B. sein erfolgloser Kampf gegen die Shakespeare in the Park-Reihe, die seit den 50er Jahren kostenlos Shakespeare-Stücke im Central Park einer breiten Masse präsentierte. Auch hat Moses es glücklicherweise nicht geschafft große Teile der Central Park Spielplätze in Parkplätze umzuwandeln. Den Gegenwind der Bevölkerung bekam er nur zu gut zu spüren. Und nun ging es bei Moses ab 1955 gegen den Washington Square Park: Die 5th Avenue endet gleich nördlich des Parks, quasi gleich vorm Washington-Triumphbogen. Das war dem Automobilsympathisanten Robert Moses ein Dorn im Auge. Für ihn sollte diese wichtige Route weiter und durch den Park geführt werden. Außerdem sollte sich hier ein großer Häuserkomplex anschließen, der Raum für Geschäfte liefern sollte. Das hieße natürlich das Aus für den beliebten Park der Folkies. Es kam zu Demonstrationen und der Kampf um den Washington Square Park ging 1959 für die Erhaltung des wichtigen sozialen Treffpunkts aus.

In den Folgejahren wurde Greenwich Village zur regelrechten Boom-Town. Durch das Folk-Revival zog es mehr und mehr junge Künstler*innen aus New York und den ganzen USA an, darunter auch Bob Dylan. Aber auch hier kam es zu Konflikten: alteingesessene, meist italoamerikanische Gangs sahen diese Veränderung gar nicht gerne und wetterten gegen die sogenannten A-Trainers, New Yorker, die den A-Train aus Harlem ins Village nahmen um hier am Washington Square Park zu verweilen. Angefeuert wurde dieser Hass vor allem durch Rassismus und Homophobie. Len Chandler als einer der wenigen afroamerikanischen Folksänger dieser Szene wurde mehrfach attackiert und Homosexuelle, die im Village ihren Safe Space finden wollten, waren ebenfalls oft Opfer dieser inner-szenischen Gewalt. Auch solche Szenen spielten sich am Washington Square Park ab.

Einer der prominentesten politischen Kämpfe der Greenwich Village Szene fand 1961 statt, und auch hier ging es um den Washington Square Park. Im Mai 1961 wurde Newbolt Morris zum neuen Beauftragten des Parks und dieser war kein Freund der Beatniks und Folkmusiker und -musikerinnen. Morris wurde oft nachgesagt nur eine Marionette Robert Moses gewesen zu sein, auf jeden Fall waren seine Ansichten zu Öffentlicher Kultur in New York denen seines Vorgängers sehr ähnlich. Als einer der Gründer der New York City Opera in den 40er Jahren hatte er ein völlig anderes Bild von Musikkultur als die jungen Babyboomer im Park. Schnell setzte er durch, dass keine Spielerlaubnis mehr für Musiker*innen auf dem Washington Square Park ausgestellt werden sollten. In einer internen Bekanntmachung vom März 1961 sagte er:


I want to emphasize I am not opposed to the wonderful symphony concerts, bands, quartets or chamber music [in Washington Square Park]. What I am against is these fellows that come from miles away to display the most terrible costumes, haircuts, etc. and who play bongo drums and other weird instruments attracting a weird public.

I patrolled the area on Sunday and I was shocked. Conditions are much worse than when we were down there last year. You cannot call it a park anymore. It is so heavily used, not by the neighborhood, but by these freaks, that there literally was not room on the walks.“

Izzy Young, Folk-Promoter im Village, war außer sich. Er stellte sofort einen Antrag auf eine Weiterführung der Spielerlaubnis. Als diese abgelehnt wurde, hat Morris‘ Sekretärin bereits darauf aufmerksam gemacht, dass das Gegenwind geben wird. Und so kam es. Unablässig wurden im Laufe des Jahrs 1961 mehrere Demonstrationen geführt, teilweise mit Polizeieinsatz und Festnahmen. Die Zeitungs- und Fernsehbeiträge zu diesem Kampf gingen um die Welt, selbst in Westdeutschland wurden die Bilder der demonstrierenden Folkmusiker*innen gezeigt. Zwar konnte man hier auch in anderen Parks der Gegend musizieren, doch ihren Park wollten sich die Musiker*innen nicht nehmen lassen. Als wichtiger Helfer in diesem Konflikt stellte sich der lokale Pastor Howard Moody heraus. Der gebürtige Texaner war als leitender Pastor der Judson Memorial Church ein wichtiger Verfechter der Bürgerrechte in New York. Und doch waren die Schlagzeilen zu diesen Demonstrationen oftmals eher tendenziös und stellten die Demonstranten als Krawallmacher dar. So titulierte die New York Times 1961 „FOLK SINGERS RIOT IN WASHINGTON SQ.“ Die Daily News schrieben „Embattled beatnik musicians, joined by friends and veteran anti-cop shouters, turned peaceful Washington Square Park into a wrestling ring yesterday afternoon.“ Nach 5 Wochen der Demonstrationen gab die Stadtführung jedoch nach: das Musizieren im Washington Square Park blieb erlaubt. Wenn auch nur zwischen 15 und 18 Uhr zwischen Springbrunnen und Marmorbogen.

Was bleibt vom Ort?

Nun ist die Frage: Was bleibt? Ich war 2016 am Washington Square Park und finde, so viel hat sich seit 1961 eigentlich gar nicht geändert. Nach wie vor ist dieses kleine Fleckchen Park im Herzen der Stadt ein Ort, an dem sich New York trifft. Straßenkunst, Skater, Hundebesitzer, Touristen: all das sieht man, wenn man sich etwas Zeit nimmt und am Rande des Springbrunnens seinen Kaffee trinkt. Ich glaube, die Position des Parks, als Ort gleich hinter der Stadtgrenze, Armenfriedhof, als Grenzposten der die 5th Avenue herunterblickt und scheinbar aufhält, als Tor zur Welt nach Außen, aber auch als Treffpunkt für betuchte und Künstler*innen: das passt sehr gut zum Washington Square, der in den 40er Jahren schon das Tor zu einer anderen und gleichzeitig ganz nachbarschaftlichen Welt war. Als Besucher heute zu wissen, wie weit man schauen musste um den Folk-Musiker auf der anderen Seite des Brunnens zu sehen, wie weit man gehen musste um den Park im gemütlichen Spaziergang zu durchqueren. All das lässt die Geschichte viel echter, menschlicher erscheinen. Ob vom Sumpfland der Ureinwohner, dem kleinen Armenfriedhof, den Bierseligen Stunden der Boheme der 1910er oder den unzähligen Stunden die Woody Guthrie, Pete Seeger, Bob Dylan und Dave van Ronk hier verbracht haben wohl noch ein Geist zu spüren ist? So wörtlich glaube ich das nicht. Aber der Ort erzählt auch so seine Geschichte. Oder um es mit Wim Wenders zu sagen: Der Ort hat eine Fähigkeit sich bemerkbar zu machen.

(Ich im Washington Square Park im Frühling 2016, Foto: Markus Axt)

Ich habe diesen Artikel mithilfe der wunderbaren staatlichen US-Webseite nycgovparks.com fertigstellen können. Hier gibt es eine schöne Auflistung der Geschichte des Washington Square Parks:

https://www.nycgovparks.org/parks/washington-square-park/history

Eine andere wichtige Quelle war hier Seite washingtonsquarepark.gov die durch Spenden finanziert wird. Hier könnt ihr spenden:

https://washingtonsqpark.org/donate/

Außerdem möchte ich mich nochmals beim Stadthistoriker Myles Zhang bedanken ohne den ich euch nicht dies frühe Entwicklung New Yorks hätte skizzieren können: https://www.myleszhang.org/here-grows-new-york-city/

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