Bob Dylan auf Fränkisch – Helmut Haberkamm

Der Übersetzer von Bob Dylans Werken ins Fränkische, Helmut Haberkamm, stellt sich vor.

Der Autor Helmut Haberkamm brachte am 6. Mai 2021 seine Übersetzungen von Dylans Texten ins Fränkische heraus. „Fier immer jung“ (ars vivendi) heißt seine Sammlung und enthält 77 mal Bob Dylan auf Fränkisch. Als Key West Leser und Bob Dylan-Fan stellt der Autor hierseine Beziehung zu Dylans Songs und dem Mundart-Überetzen dar. Hier also das Vorwort zu seinem neuen Buch „Fier immer jung“:

Warum finden wir eine Stimme so faszinierend, dass sie uns nicht mehr loslässt? Warum lässt uns eine gefällige, liebliche Stimme manchmal völlig kalt? Es ist und bleibt rätselhaft, geheimnisvoll, unergründlich.

Mitte der 1970er Jahre, als ich eben die Kindheit verließ und mich in meine Jugend hineintastete, erwarb ich im Aischgrund-Kaufhaus eine Musikcassette mit dem Titel Das waren Hits II. Alles englischsprachige Songs der 60er Jahre, die mir als Zwölfjährigem nichts sagten. Warum ich sie kaufte, ist mir schleierhaft. Beim Anhören fiel mir die Stimme eines jungen Mannes auf, die überaus ernsthaft und eindringlich ihre bohrenden Fragen vorbrachte. In zwei Minuten und sechsundvierzig Sekunden traf seine Menschheitsklage einen Nerv in meinem Inneren: »How many deaths will it take till he knows / that too many people have died?« Mein Schulenglisch muss damals dürftig gewesen sein und mit meinem Latein kam ich gewiss auch nicht sehr weit. Dennoch war der Funke übergesprungen und das Feuer der Wissens- und Wahrheitssuche entfacht. Dieses schlichte Protestlied namens Blowin´ In The Wind machte mir schlagartig klar: Popsongs können mehr sein als Balla Balla und Sugar Sugar. Sie können tiefgründig und aufwühlend sein, geistreich und lyrisch. Sie können Sprache neuartig und auf schier magische Weise verwenden. Diese Erkenntnis war lebensverändernd, wortwörtlich. Das Ergebnis jener fernen Teenager-Erfahrung ist nun dieses Buch hier. Als wir ein paar Jahre später im Kunstunterricht der Oberstufe dann einen Linolschnitt machen sollten, stand mein Motiv sofort fest: Bob Dylan.

(Quelle: Haberkamm)

Dieser Ausnahmekünstler hat mich seither durch mein Leben begleitet. Mit der Zeit entdeckte ich die Poesie seiner Songtexte, hörte sie in zahllosen Versionen und begann irgendwann, sie in meine Muttersprache zu übertragen, in die fränkische Mundart meiner Herkunftsregion, dem westmittelfränkischen Aischgrund. Ich wollte, dass ganz normale Leute die Besonderheit dieser Verse und Lieder kennenlernen können, in der verständlichen Sprache des Alltags. Das klingt merkwürdig, ist aber vollkommen naheliegend. So wie Wolfgang Ambros und Wolfgang Niedecken Dylan-Songs in ihrem Wiener und Kölner Dialekt eine neue Heimat gaben, so war auch mir klar, dass die Mundart für eine gelungene Übertragung viel besser geeignet ist als das Schriftdeutsche. Der Dialekt mit seinen Verkürzungen und Verschleifungen, den klanglichen und rhythmischen Ballungen, den emotionsgeladenen Abweichungen von der Norm des Standarddeutschen ist einfach näher dran an der Sprache der amerikanischen Rockmusik, gleichzeitig auch näher am Inhalt, an der Stimmung und Wirkung der Songs. Wenn die fränkische Mundart diese anspruchsvolle, vielschichtige Dichtung angemessen übertragen und verständlich machen kann, dann haben alle etwas davon: Mehr Menschen lernen diese weltbekannten Texte kennen und schätzen – und die Mundart gewinnt eine außergewöhnliche Kraft und Würde, eine neuartige Eleganz und Seriosität.

Der Dialekt ist stets regional, kann aber offen sein für die ganze Welt, für Fremdes und Andersartiges – wodurch er wiederum erweitert und verfeinert wird, und jeder Leser bereichert und inspiriert. Wird der gesprochene Dialekt geschrieben, wird er zu einem lesbaren Text, zu Literatur – und bleibt doch Dialekt. Einerseits enthält er die gesprochene Sprache des Alltags, andererseits verwandelt er sie durch die Schriftform in etwas Neues, Größeres, Haltbares. Wie man aus Mehl und Wasser einen Teig macht, der schließlich zu Brot wird. Auf einmal lesen, sprechen und hören wir im vertrauten Dialekt Wortkombinationen, Sätze und Aussagen, die in dieser Form noch niemals vorher zu erleben waren. Die eigene Mutter-Sprache wird so durch die Auseinandersetzung mit dem Fremd-Sprachigen aufgewertet, gestärkt und verwandelt, das Althergebrachte verjüngt und fortgeschrieben.

Gerade eine regionale Sprachform wie der fränkische Dialekt wird durch die in ihm geschriebenen Texte ja weitaus stärker geprägt als etwa das Standarddeutsche mit seiner vielfach größeren, komplexeren Sprachgemeinschaft. Was im Dialekt daherkommt, wird sofort verortet und vereinnahmt: Es gehört zu „uns“. Es muss dann natürlich auch dementsprechend klingen. Von daher soll eine gelungene Übertragung erstens authentischen Sprachgebrauch wiedergeben, also ohne verkrampfte, gekünstelte Wendungen auskommen, und zweitens so nah und treu wie möglich am Original bleiben. Das ist naturgemäß leichter gesagt als getan, aber der Versuch ist es wert.

Was heißt aber authentisch und originalgetreu genau? Für mich bedeutet es, meinen Herkunftsdialekt des Aischgrunds so natürlich und frei wie möglich einzusetzen, ohne dass es etwa zu unbeholfenen Umstellungen im Satzbau kommt oder ein Mischmasch aus Mundart und Schriftdeutsch entsteht. Es gibt einige Zugeständnisse an die Lesbarkeit und die gewohnte Schriftsprache, aber die können wir uns schenken. Im Idealfall kann man das fränkische Gedicht lesen bzw. hören, ohne dass sich der Gedanke aufdrängt, dass es sich um eine Übersetzung handeln müsse.

Entscheidend war und ist es bei diesem Anverwandlungsprozess, der Song-Vorlage von Dylan so gerecht zu werden, dass der Inhalt, der Geist und die Stimmung des Originalliedes getroffen und eingefangen werden. Dies stellt ein hohes Ziel dar, dem man sich auf vielen Wegen annähern kann. Ich habe es auf unterschiedliche Weise versucht. Was in Dylans With God On Our Side eine leidvolle Rekapitulation der amerikanischen Historie ist, konnte auf Fränkisch entsprechend nur ein Durchgang durch unsere ureigene Geschichte sein, sonst wäre der Dialekt gänzlich fehl am Platze gewesen. Eine Verpflanzung mancher amerikanischen Bezugspunkte in die fränkischen Dimensionen war unausweichlich. Der Blues-Highway 61 wird so zum Autobahnkreuz, Mississippi oder Mobile zu Nürnberg und die Sad-Eyed Lady Of The Lowlands zur Draurin Fraa ausm Aaschgrund. Eine solche Aneignung ist keineswegs ungehörig oder Parodie, denn Menschen und ihre Schicksale sind in Franken prinzipiell nicht anders als an amerikanischen Schauplätzen. Analog wurde aus der Beziehungsgeschichte im Lied Tangled Up In Blue eine völlig fränkische Lebensgeschichte, losgelöst von der Songvorlage, aber unüberhörbar durch die Gestaltung (Strophenbau, Reime, Rhythmus, Refrain) und die Stimmung mit dem Original verbunden. Die Gussform wurde gewissermaßen mit einem anderen Rohmaterial gefüllt, um daraus ein neuartiges Produkt zu erschaffen. Gleichwohl hätte es diese Nachschöpfung ohne Dylans Vorbild nie gegeben. Hier entstand aus dem amerikanischen Saatkorn ein urfränkisches Gewächs, das seine ganz eigenen Früchte trägt.

Allerdings gibt es eine Reihe von außergewöhnlichen und reizvollen Dylan-Songs, deren Texte sich einer Verpflanzung ins Fränkische entzogen. Zum einen natürlich Protestsongs gegen Rassenunterdrückung wie The Lonesome Death Of Hattie Carroll, zum anderen surreale Sprachgemälde wie Gates Of Eden, Visions Of Johanna oder Jokerman, aber auch Lieder mit uramerikanischen Inhalten wie etwa Idiot Wind, Hurricane oder Blind Willie McTell. Aber schauen wir nicht auf das Fehlende, sondern auf das Vorhandene: auf diese umfangreiche Sammlung an Texten des einzigen Rockmusikers, der jemals den Literatur-Nobelpreis erhalten hat. Bob Dylan ist nämlich primär ein Sprachkünstler, der lyrisch arbeitet und damit vielfältige Assoziationen freisetzt. In seinen Songs finden wir Rollen und Kulissen, Szenen, Bilder und Zitate, die unsere Phantasie beflügeln und mit Vorstellungen füttern, so dass in unserem Kopf ein eigener und stets sehr persönlicher Film entstehen kann. Ein Lied wird bei ihm quasi zu einem Gebäude mit vielen Türen und Fenstern, Zimmern und Gängen, belebt von uns selbst. Ein Möglichkeitsraum zum Durchspielen der unterschiedlichsten Formen der Wahrnehmung und Existenz.

Damit hat dieser Songpoet die Populärmusik moderner Prägung reif und erwachsen gemacht, angereichert mit literarischer Tiefe und stilistischer Sprachkraft. Und dies in immer neuer Gestalt und Verwandlung – über viele Jahrzehnte hinweg. Für Millionen Menschen in der Welt ist Dylan zum Genre-Schöpfer und zum Anregungs-Genie schlechthin geworden – und immer blieb er dabei eigenwillig und unabhängig, rastlos kreativ und auf beeindruckende Weise unberechenbar.

Am 24. Mai 2021 feiert er seinen 80. Geburtstag, und dieses Buch soll ihm Reverenz erweisen – als eine tiefe Verbeugung vor einem Jahrhundertkünstler, der uns unglaublich viel gegeben hat, das nun ganz fest zu uns gehört. Zur fränkischen Sprache und zu unserem Leben. May he stay forever young!

Helmut Haberkamm

Frühjahr 2021

Zusatz: Das Buch gibt es bei ars vivendi zu erwerben:

https://arsvivendi.com/Buch/FromList/9783747202418-Fier-immer-jung

Desolation Row auf Fränkisch: Die Straß der Droosdlosichkeit – Helmut Haberkamm

Etz verkaafns Bostkartn vo der Hinrichtung

Die Bäß wern ungültig gmacht

Des Kosmetikstudio is voller Matrosn

Der Zirkus is in der Stadt.

Dort kummt der blinde Abteilungsleiter

Der läffd wie in Hypnose

Sei aana Händ hält a Seildänzerin

Die anner steggd in seina Hosn.

Des Überfallkommando hoggd auf Kolln

Die brenna auf ihrn Einsatz heit

Mir zwaa schaua aweng zum Fenster naus

In der Straß der Droosdlosichkeit.

Die Aschenbuddel, die is scheints gut drauf

„Ich bligg voll durch“, sachds und grinsd dabei so

Steggd ihr Händ hintn in ihr Hosn

Und schaut wie die Marilyn Monroe.

Doo kummt der Romeo rei und maultsi glei on

„Du kersd zu mir, is dir des gloor?“

Obber aaner sachdn: „Du bist im falschn Film, mei Freind!

Du hast vielleicht Humor!“

Und des Aanziche, des wummer na nu heerd

Wie die Sirena verglinga mit der Zeit

Des is die Aschenbuddel mit ihrm Besn

Wiesi zammkehrd auf der Straß der Droosdlosichkeit.

Der Mond versteggdsi hinter die Wolgn

Die Stern hammsi wu annersch hie verzoong

Die Hellseherin hat ihr ganze Woor

Scho längst ins Haus nei gedroong.

Alle außerm Kain und Abel

Und außerm Glöckner vo Notre-Dame

Alle genners etz ins Bett midnanner

Odder saufnsi gscheit zamm.

Und der Gute Samariter schmingdsi grood

Fier sein großn Aufdridd heit

Er kostümiertsi fiers Faschingsdreim

Auf der Straß der Droosdlosichkeit.

Die Ophelia steht dreem am Fenster

Um sie doo machermer wergli Sorng

Sie sichd scho aus wie a alte Jungfer

Dabei werdsi zwaarazwanzich morng.

Fier sie is der Dood voll romantisch

Sie hat a kugelsichere Westn am Leib

Ihr Geld verdientsi mit Religion

Ihr Brobleem is ihr Leblosigkeit.

Und obwollsi in Noah sein Reengboong

Net aus die Aung lässt die ganz Zeit

Spitztsi nieber, wos dort dreem grood läfft

In der Straß der Droosdlosichkeit.

Der Einstein hatsi masgierd als Robin Hood

Sei Erinnerunga drächder im Koffer spaziern

Mit seim Freind, dem eifersüchtin Mönch

Isser vorhin doo vorbeimarschiert.

Er schaut so furchtboor ängstlich

Wenner a Zigarettn schnorrt bei dir

Na schnüffelt er an die Reengrinna rum

Und dudd des ABC rezitiern.

Wennsdn siggsd, na glabbsders net

Der Kerl woor berühmt vor langer Zeit

Der hat amoll elektrische Geigen gspillt

Auf der Straß der Droosdlosichkeit.

Der Doktor Schmutz, der hat die ganz Welt

In seim Werfelbecher drin

Sei ganzn Patienten hamm ka Gschlecht

Und pfeifn auf jedn Sinn.

Sei Grankenschwester is a Gracher

Die hat sein Giftschrank in ihr Gralln

Sie hat aa die Kartn, wu draufsteht

„Gnade seiner Seele und Wohlgefalln!“

Und alle spilln sie auf Kinnerflötn

Mer heerdsi scho vo weitn

Du musst bloß in Kopf ausm Fenster streckn

In der Straß der Droosdlosichkeit.

Die Girlanden hänga vo Haus zu Haus

Alle machnsi fertich fiers große Fest

Des Phantom vo der Oper kummt heit

Als Bischof wie in der Zeit vo der Best.

Dreem fütterns etz den Casanova

Der is so verzweifelt über sei Looch

Die bringerna um mit Selbstvertraun

Und vergiftn na mit ihrer Sprooch.

Des Phantom, des schreit zu die Maadle nieber

„Haut ab vo doo, ihr wisst net Bescheid!

Der Casanova gricht bloß sei gerechte Stroof

Wall der woor in der Straß der Droosdlosichkeit.“

Heit um Mitternacht kumma die Agentn

Der Drubb mit der übermenschlin Grafd

Die umzingln alle und verhaftn jedn

Der wu mehr wie sie selber schafft.

Na transportiern sies nei in die Fabrik

Mit die Herzinfarktmaschiena

Und schließn sie alle an die Koobl oo

Holln Sprit und Splittermiena.

Lauter so Versicherungsberater

Wieseln rum voller Gier und Neid

Die bassn auf, dass kanner dervoorennt

Nei in die Straß der Droosdlosichkeit.

Gelobt sei in Nero sei Neptun

Die Titanic sticht ball in See

Die Leit stenna rum und schreia

„Wie lang sollsn nu so weitergeh?“

Der Bertolt Brecht und der Hermann Hesse

Die raffn, bisna die Schädel brumma

Der Matrosenchor lachtsi gscheit aus

Und die Fischer winkn mit Blumma.

Zwischer die Fenster vom weitn Meer

Sichtmer scheene Nixn voller Freid

Etz brauchtsi kanner mehr in Kopf zerbrechn

Ieber die Straß der Droosdlosichkeit.

Ja, dein Brief, den hobbi gestern gricht

Ich hobb gmaand, mich straafd a Blitz

Du hastmi gfroochd, wiesmer derzeit geht

Horch amoll, des is ja woll a Witz?

Ich kenn die Leit, vo denna du reddst

Die Laggaffen kannst voll vergessn

Ich hobbna alle neie Gsichter geem

Und neie Nooma verbassn missn.

Allerwall doo fälltmer des Lesn schwer

Schreibmer nämmer, schood um die Zeit

Außer du schrabbsdmer an Brief direkt

Vo der Straß der Droosdlosichkeit.

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