Reverend Gary Davis – ein Hexenmeister der modernen Musik

von Richard Limbert

Wir schreiben das Frühjahr 1989. Bob Dylan ist im Studio. Er nimmt gerade mit U2-Produzenten Daniel Lanois ein Album auf, das ihn und seine Karriere verändern sollte: Oh Mercy. Nach einer Reihe uninspirierter Alben wie Knocked Out Loaded und Down in the Grove und einer Tour mit the Grateful Dead, in der Dylan nun wirklich eher lustlos seine Titel krächzte als sie wirklich spannend und spielerisch zu präsentieren sucht er hier im sumpfigen Louisiana wieder nach der dampfenden Ursuppe. Dieses Album sollte Bob Dylan wieder mit dem „Old, weird America“ verbinden, wie Greil Marcus es nannte. Mit modernen Studiomethoden ziehen Dylan und Lanois die alten Geister wieder an Land. Dylan spielt hier mit einer Drum-Machine, der Hall wird hochgedreht, aber die Musik ist abgespeckt und ehrlich. Ein schwerer Spagat.

Inmitten dieser Sessions versucht Bob Dylan sich an vielen frisch geschriebenen Songs, darunter auch ein Lied mit dem Titel Dignity. Der Song ist großartig geschrieben, voller Witz und Wendungen. Dazu hat sich Dylan und Lanois die Zydeco-Band von Rockin Dopsie eingeladen. Rockin‘ Dopsie wurde in den 80ern schon bekannt, als er sein Akkordeon auf Paul Simon’s Graceland spielte. Sie versuchen dem Song einen pfiffigen Rockabilly-Beat zu geben, nur es will und will nicht funktionieren. Da hat Bob Dylan nachts im Studio eine kleine Vision. In der deutschsprachigen Ausgabe seiner autobiografischen Chronicles schreibt Dylan:

„Gegen drei Uhr morgens waren wir ausgebrannt und spielten einfach irgendwelche alten Sachen: ‚Jambalaya‘, ‚Cheatin‘ Heart‘, ‚There Stands the Glass‘ – Country-Klassiker. Wir spielten nur so zum Spaß, wie auf einem Partyboot. Zwei vom Dans Toningenieuren hatten sich die ganze Zeit abgewechselt, und es war eine heiße und schweißtreibende Nacht gewesen. Ich trug ein blaues Flanellhemd, das völlig durchweicht war. Der Schweiß lief mir über das Gesicht. Mittendrin spielte ich einen neuen Song, den ich geschrieben hatt, ‚Where Teardrops Fall‘. Ich zeigte ihn Dopsie, und wir nahmen ihn auf. Das dauerte vielleicht fünf Minuten, und wir hatten nicht geprobt. Am Ende spielte Dopsies Saxophonist John Hart ein schluchzendes Solo, bei dem mir schier die Luft wegblieb. Ich beugte mich vor und warf einen Blick auf das Gesicht des Musikers. Er hatte die ganze Nacht im Dunkeln gesessen und war mir gar nicht aufgefallen. Er war Blind Gary Davis, dem singenden Reverend, den ich vor Jahren gekannt hatte und dem ich hinterhergezogen war, wie aus dem Gesicht geschnitten. Was machte der denn hier? Der gleiche Mann, die gleichen Wangen, das Kinn, der Hut, die dunkle Brille. Gleiche Statur, gleiche Größe, der gleiche lange schwarze Mantel – alles paßte. Es war unheimlich. Reverend Gary Davis, ein Hexenmeister der modernen Musik … als ob er wiederauferstanden sei, alles im Blick habe und unermüdlich über das Geschehen wache. Er spähte ganz merkwürdig zu mir herüber, als könne er hinter den Schleier des Augenblicks sehen, als habe er mir eine Schiffsleine zugeworfen. Und mit einemmal weiß ich genau, daß ich zur richtigen Zeit am richtigen Ort das Richtige mache und mit Lanois auf das richtige Pferd gesetzt habe. Als sei ich um eine Ecke spaziert und erschaute nun die Vision vom Angesicht eines Gottes.“1

Ab Minute 2:09 hört man hier das genannte Saxophon-Solo:

In den Carolinas den Piedmont-Blues gelernt und in New York seine Heimat gefunden

Zu diesem Zeitpunkt war Gary Davis knapp 17 Jahre tot und Dylan erinnert sich noch voller Ehrfurcht an den blinden Reverend, der auf seiner Jumbo-Gitarre den Gospel mit jazzigem Piedmont-Fingerstyle Blues verband. Bob Dylan ist im Grunde ein Beobachter, Historiker und musikalischer Schwamm. Er nimmt sich nicht vor originär neues zu schaffen, sondern setzt seine Musik aus dem Baukasten heraus zusammen. Dabei ist seine Liebe zu Old Time Country, Gospel, Blues und Jazz stets zu spüren. Gary Davis war dabei eine wichtige Ader und Punkt der Genreverschmelzung.

Gary Davis wurde 1896 in South Carolina in Laurens geboren. Auf seinem musikalischen Weg zog er aber nach Durham, North Carolina und machte so den Sprung über die nördliche Staatsgrenze. Seine Kindheit und Jugend verbrachte er also am Fuße der Appalachen. Wortwörtlich am Pied Mont (also am Fuße des Berges). Perfektes Terrain für Fingerpicking Blues, Ragtime und Jazz. Wie sich seine Blindheit entwickelte und wann er begann Musik zu machen, ist nicht ganz klar. Er brachte sich Banjo, Gitarre und andere Musikinstrumente bei. Quellenmäßig einfacher wird es ab den 30er Jahren. Er spielte ab Mitte der 30er mit Blind Boy Fuller im Duo (Rev. Gary Davis ist zehn Jahre älter und wird oft als Fullers Lehrmeister beschrieben). Zusammen reisten beide nach New York und nahmen da 1935 einige Songs für ARC (American Record Company) auf. Ab 1940 wohne Davis dann in New York. Und natürlich spielte die Kirche eine große Rolle im Leben von Gary Davis. Als Blinder war die Auswahl an Berufen als Afroamerikaner nicht gerade groß. Ins Handwerk, zum Militär, in die Landwirtschaft oder in den Handel konnte man nicht gehen. Kirche und Musik waren da große Anziehungspunkte für Afroamerikaner mit visuellem Handicap. Nicht nur sein Duo-Parter Blind Boy Fuller war blind, auch andere bekannte Bluesmusiker dieser Zeit, wie Blind Willie McTell, Blind Lemon Jefferson und Blind Willie Johnson, um nur wenige zu nennen. Die Kirche spielte musikalisch seit ca. 1930 eine größerer Rolle bei den Titel von Gary Davis und 1933 ließ er sich zum baptistischen Pfarrer ordinieren. Seinen Wohnsitz in der Metropole am Hudson sollte ihm aber gut tun. Er wurde in den folgenden Jahrzehnten stets von Labeln wie Folkways aufgesucht um authentische Gospelmusik aufzunehmen, als einer, der aus dem Süden stammt, in New York lebt und überhaupt noch am Leben ist. So kam das Album American Street Songs 1956 beim Riverside Records-Label heraus, auf dem er mit Pink Anderson muszierte. Es muss aber gesagt werden, dass seine Karriere sich aufteilt: nach seiner Ordinierung nahm er keinen Blues mehr auf, um 1933 herum änderte sich also einiges. Wobei die ersten Aufnahmen, die auf Discogs zu finden sind eben diese New Yorker Sessions von 1935 sind und nur geistliches Material enthalten. Seine Blues-Aufnahmen entstanden wohl immer als 2. Gitarrist bei Blind Boy Fuller. Auf jeden Fall wurde der blinde Reverend zur Achsenfigur als sich die Folk- und Blues-Szene in den späten 50ern dann in Greenwich Village, auf der anderen Seite von Manhattan, entwickelte und gerade solche authentischen schwarzen Bluesmusiker als Inspiration suchte.

Rev. Gary Davis als gesetzte Eminenz von Greenwich Village – Wiederentdeckt im Blues-Revival

Was macht den den Reverend Gary Davis nun wirklich aus? Auch andere Musiker, wie Bob Weir von The Grateul Dead oder Taj Mahal und Ry Cooder verehrten ihn. Diverse Musiker nahmen natürlich schlicht bei ihm Unterricht. Nun wie wurde er zu einem der Heroes of Greenwich Village? Bekannt geworden ist Reverend Gary Davis im Grunde erst für eine neue Generaton durch eine Leadbelly Tribute Veranstaltung am 20.1.1950 in New York. Leadbelly ist im Dezember 1949 verstorben und eine Reihe Musikerinnen und Musiker spielte in der New Yorker Town Hall ein Konzert der Extraklasse. Pete Seeger, Sonny Terry und Brownie McGhee standen auf der Bühne. McGhee hat da schon mit Home of the Blues eine Musikschule für Folk Music in Harlem gegründet und den Reverend da als einen der Lehrer angestellt. So landete Gary Davis wohl im Lineup der Veranstaltung. Mit seinem Opener, You Got To Move, haute er da praktisch das Publikum aus den Socken. Im Publikum waren da viele junge Folk-Musiker, wie John Cohen, die noch Jahre später von diesem Konzert voller Ehrfurcht berichteten. Spätestens seit diesem Zeitpunkt war klar: bei diesem Gitarrenlehrer wollen alle Unterricht nehmen.

Wer kam da nicht alles in die Unterrichtsstunden vom blinden Gary Davis? David Bromberg, Roy Book Binder, Stefan Grossman, Jans Ian, Barry Kornfeld, Dave van Ronk. Die Liste ist lang. Und so hat sich das Repertoire des Reverend in die Songlisten der Folker New Yorks geschlichen.

Bob Dylan ist hier genau so ein Fall. Denn Unterricht hat er bei Gary Davis nicht genommen. Auf meine Nachfrage sagt Bob Dylans erste Managerin Terri Thal dazu: „My impression was that they [Bob Dylan und Rev. Gary Davis] didn’t have much of a relationship. Gary wasn’t around very much. Of course, it might have existed.“ Selbstverständlich kannten beide sich allein durch die Nähe zu anderen Musikern, wie Dave van Ronk. Und wie man in den Chronicles lesen kann, hat Dylan Rev. Gary Davis auf eine gewisse Weise verehrt. Stücke, wie Baby Let Me Follow You Down, Cocaine Blues, Jesus Met the Woman at the Well und Candy Man können aber genauso gut aus dem Repertoire von Dave van Ronk sein, der Davis beinahe gottgleich verehrt hat. In frühen privaten Aufnahmen spielt Dylan auch It’s Hard to Be Blind und Death Don’t Have No Mercy und nennt im Intro sogar Gary Davis.

Am 26.8.1962 ist Bob Dylan zur Hochzeit seiner Freunde Gil Turner and Lori Singer eingeladen. Dabei ist auch Gary Davis. Hier sieht man – wie ich in einem anderen Artikel schon genannt habe2 – Bob Dylan mit der Gibson J-200, der Gitarre, die Davis‘ Signature-Instrument war. Die Gibson war sicher eine Leihgabe des Reverends.

Reverend Gary Davis war Zeit seines Lebens eine verehrte aber auch etwas mystifizierende Figur in Greenwich Village. In meinen Recherchen traf ich bislang auf keinen Musiker und keine Musikerin, der oder die sagte irgendwie mit dem Reverend befreundet gewesen zu sein. Es scheint, dass Davis eine etwas eigenbrödlerische Art hatte, sich oft nach außen verschloss und auch einfach viel älter als die Folker und Blues von Greenwich Village war. Selbst Urgestein Pete Seeger war geschlagene 20 Jahre jünger als er. Wie viele Afroamerikaner seiner Zeit hat Reverend Gary Davis viel Leid und Anfeindungen erlebt. Seine Gage wollte er (wie Chuck Berry zum Beispiel auch) immer in Bar vor seinem Konzert ausbezahlt bekommen haben, und auch so, dass er das Geld mit der Hand mitzählen konnte. Als blinder Straßenmusiker wurde oft versucht seine Groschen aus dem Hut oder seine Gitarre zu klauen. Im Laufe seiner Karriere hatte er so mehrere Gitarren, da seine Blindheit regelmäßig ausgenutzt wurde. Viele Fremde spielten sich ersteinmal als freundlich auf um ihn später gleich zu hintergehen. Vielleicht ist das auch einer der gründe, wieso Davis bei zwischenmenschlichen Beziehungen oft zurückhaltend war. Er war berüchtigterweise oft bewaffnet und viele Weggefährten beschrieben nahezu farbenfroh, wie schnell die Hand des Reverends ausgestreckt vor sich fuchtelnd mit einer Pistole darin gezuckt wurde. Laut Weggefährte und Folkmusiker Tom Rush war das passende Zitat des Reverends dazu: „If I can hear it, I can hit it.“ Auch ist überliefert, dass Rev. Gary Davis seine Blindheit selbst ausnutzte und gerade bei weiblichen Fans und Musikerinnen die Hand schnell an den Körper legte, mit der Ausrede, er könne nicht so gut sehen und müsse eben fühlen mit dem wem er sich da unterhält.3

Das Gitarrenspiel von Rev. Gary Davis

Vor allem spannend ist natürlich die Spielweise des Gary Davis. Wer spielt sonst eine Jumbo-Gitarre schwer orchestral, federleicht spielerisch, flink und statisch? Der Reverend hat sich durch seine Heimat am Fuße der Appalachen, wie bereits gesagt, schon mit Musikern, wie Blind Willie McTell, Blind Blake und Josh White in eine Reihe gestellt. Hier machen zwei Faktoren die Musik aus: das Ragtime-artige Spiel mit den musikalischen Stufen und Funktionsharmonien gepaart mit einer Fingerstyle-Spielweise, die die einzelnen Saiten-Stimmen betont und so auch schön definiert einzelne Gegenstreibigkeiten der Stimmen heraushebt.

Schauen wir uns als Beispiel dafür Samson & Delilah an (manchmal auch If I Had My Way genannt). Dieses Stück, dass die Geschichte des biblischen Herakles Samson erzählt, der von Delilah hinters Licht geführt wird, ist eine klassische geistliche Folk-Nummer.

Die Harmonien des Songs sind im Grunde ganz einfach. Die Strophe, die im Sprechgesang keiner richtigen Melodie folgen stehen in der Grundtonart. Ab dem Refrain („If I had my way“) wechselt der Akkord dann auf Stufe IV und geht schließlich zum Ende des Refrains („I would tear this building down“) auf die Dominante (Stufe V) und Endet wieder in der Grundtonart.

Schauen wir erst, wie Dave van Ronk, der den Titel sicher von Reverend Gary Davis kennt, die Gitarrenbegleitung setzt:

Reverend Gary Davis hat in seiner Vorlage aber eine ganz andere Spielweise. Erstmal spielt er mit einer eigenständigen Bassbegleitung die Melodiestimme des Refrains auf den hohen Saiten. Danach ergänzt er noch einen sehr filigranen und flotten, kleinen Lauf nach oben. Im Refrain spielt er den Bass und Begleitung schöne mit Swing und wirft eine kleine Mittelstimmen-Melodie zwischen den gesungenen Zeilen im Refrain ein. Und prinzipiell: Der Mann lebt vom Fall der Dominante auf die Grundtonart. Ständig werden neue Harmonien eingeführt und kurzzeitig wieder aufgelöst. Man mag es kaum hören, aber es hinterlässt einen Eindruck ständiger Bewegung. Die Strophen sind mit einer ständig in Bewegung bleibenden Bassfigur begleitet, die sich ganz ohne Akkordbegleitung durch den Song fräst und den Grundakkord eigentlich umspielt, anstatt ihn wirklich zu spielen. Diese schöne swingige kleine Melodie, mit der jede Strophe endet wird als einzige melodiöse Spitze auf der Gitarre dann parallel zu Gesang mit gespielt.

In verschiedenen Versionen des Songs klopft Gary Davis auch auf die Gitarre, tappt die Saiten einfach nur mit der linken Hand auf dem Griffbrett während er mit der rechten Hand in der Luft den Rhythmus schnippst und schreibt mittendrin gellend auf. Der Gitarrist Barry Kornfeld beschrieb die musikalischen Gottesdienste, die der Reverend in seinem Beruf gehalten hat mit den Worten: „When the Reverend got rolling, it wasn’t just him, it was the whole church that got rolling!“4 Die große Jumbo-Gitarre, die er oft spielt passt perfekt zu seiner Spielart. Es gibt tiefe Bässe, hohe Höhen und prinzipiell eine ziemlich flächendeckende Lautstärke. So kann Grev. Gary Davis auch mal nur etwas Perkussives auf den Saiten oder dem Korpus klopfen und trotzdem hat man das Gefühl, die ganze Kirche wird erfüllt und tanzt zum Gospel gleich mit.

Im Film Die Legende vom Ozeanpianisten (1998) geht es um einen virtuosen Musiker am Klavier eines Dampfschiffes. Als Jelly Roll Morton ihn zum Klavier-Duell herausfordert tritt er auf ihn zu und sagt ihm: „Du bist also der Typ, der alle zehn Arten Jazz gleichzeitig spielt?!“. Für mich ist Rev. Gary Davis genau das: er spielt eigentlich alle Arten von Blues und Jazz, aber immer gleichzeitig. Dazu hat Davis aber auch eine gewisse Aura des Mystischen um sich herum. Er blieb für die junge Generation in Greenwich Village in den 50er und 60er Jahren der vorübergebeugte alte, blinde Mann mit der Gitarre, der hinter seiner rauchenden Zigarre und Sonnenbrille irgendwo einen tiefen Ozean des Gitarrenspiels verbarg. Wäre ich Bob Dylan, ich würde ihn auch als Hexenmeister bezeichnen.


Vielen Dank an: Terri Thal, Gillian McCain and Legs McNeil mit ihrer Musikgeschichts-Webseite https://pleasekillme.com/, hier vor allem der Artikel zu Reverend Gary Davis von John Kruth (https://pleasekillme.com/reverend-gary-davis/)

1Dylan, B. (2004). Chronicles (1. Aufl.), Hoffmann und Campe, Deutsch von Kathrin Passig und Gerhard Henschel, S. 196f.

2 https://keywestmagazin.com/2023/11/18/bob-dylans-akustikgitarren-bis-1966-verschwunden-zerstort-geliehen/

3 vgl. Robbie Woliver: Bringing it all back home : 25 years of American music at Folk City, 1986

4 https://pleasekillme.com/reverend-gary-davis/

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