
1981 predigte Dylan nicht mehr. Stattdessen war in anderer Sache missionarisch unterwegs – „In The Summertime: Bob Dylan 1981“, das neue Dylan-Buch von Thomas Waldherr erscheint Anfang Mai. Ein Auszug.
In den Konzerten 1981 predigte Dylan nicht mehr. Sein Eifer hatte sich abgekühlt. Für Dylan aber stand auch nach dem Ende seines evangelikalen missionarischen Eifers als Prediger, eine andere, eine musikalische Mission im Mittelpunkt. Meine These: Er wollte den Gospel als eine der zentralen Wurzeln des Rock’n’Roll darstellen. Daher das Präludium seiner damaligen Konzerte mit mehreren von den Sängerinnen vorgetragenen Gospelsongs.
Religion & Rock’n‘Roll
Vor wenigen Jahren hat Dylan in seiner „Philosophie des modernen Songs“ in einem klugen Artikel über „Little Richard“ auf den Zusammenhang zwischen Religiosität, „in Zungen sprechen“ und dem Rock’n’Roll hingewiesen (vgl. Bob Dylan, Die Philosophie des Modernen Songs, München 2022, S. 41-42). Denn tatsächlich sind neben Rebellion und Ausbruch, Sexualität und neuer Körperlichkeit vor allem die Ekstase und die Erweckungserlebnisse in den Baptisten- oder Pfingstler-Gottesdiensten des US-Südens und deren Gospelmusik die Wurzeln des Rock’n’Roll. Und wenn Chuck Berry, Elvis, Jerry Lee Lewis und Little Richard die Väter sind, dann ist Sister Rosetta Tharpe die Mutter. Und allesamt sind es Kinder aus dem armen, frommen Süden und allesamt stammen sie aus frommen Baptisten- oder Pfingstlerfamilien. (vgl. https://daily.jstor.org/how-pentecostalism-shaped-rock-n-roll/)
Nick Tosches‘ Jerry Lee-Biographie „Hellfire“ hat schon vor einigen Jahren deutlich gemacht, wie bedeutend die evangelikalen Südstaaten-Kirchen für die Entwicklung des Rock’n’Roll waren. Die religiöse Ekstase, die Jerry Lee bei den Pfingstlern (die mit den Schlangen!) erfuhr, hat er in die Musik gelegt, die von sexueller Ekstase erzählte und sie bei den Fans durchaus auch hervorrief. Jerry Lee ist quasi das weiße Pendant von Little Richard. Denn über den schreibt Dylan in seiner „Song-Philosophie“: „A-WOP-BOP-A-LOO-BOP-A-WOP-BAM-BOOM. Little Richard sprach in Zungen, lange bevor irgendwer gemerkt hat, was los war. Er hat das Sprachgebet direkt aus dem verschwitzten Zeltgottesdienst geholt und ins MainstreamRadio gebracht, hat geschrien wie ein geweihter Priester – und genau das war er ja auch. Little Richard ist der Meister der Zweideutigkeit.“ (vgl. Dylan, Die Philosophie des modernen Songs, S. 41). Denn „Tutti Frutti“ ist im Slang eine „Schwuchtel“, ein homosexueller Mann, ansonsten auch der Name einer Eissorte. „Ein Mädchen namens Sue und eins namens Daisy, beide sind sie Transvestiten“, behauptet Dylan. Und fragt: „Wer hat Elvis bei Ed Sullivan „Tutti Frutti“ singen sehen? Ob er wusste, wovon er da singt? Ob Ed Sullivan es wusste? Oder wussten es beide? Von allen, die „Tutti Frutti“ gesungen haben, war Pat Boone wahrscheinlich der Einzige, der kapiert hat, worum es ging. Pat versteht auch einiges vom Sprechen in Zungen“ (vgl. Bob Dylan, Die Philosophie des modernen Songs, ebenda).
Wie er hier darstellt, wie im Rock’n’Roll die religiös-lautmalerische Ausdrucksform der Fundamentalisten („in Zungen sprechen“) mit sexuellen Konnotationen versehen in den Rock’n’Roll überführt wird, ist ganz großes Kino. Und dass noch nicht mal „Elvis, the pelvis“ wusste, wofür „Tutti Frutti“ stand, wohl aber der frühere Harmlos-Popsänger und heutige fundamental-evangelikale Prediger Pat Boone, ist die gelungene böse Pointe dieses Riffs.
A-WOP-BOP-A-LOO-BOP-A-WOP-BAM-BOOM: Ekstase und „in Zungen sprechen“
2022 hat das Elvis-Biopic von Baz Luhrmann auch nochmals die Nähe von Gospel und Rock’n’Roll dargestellt. Im Schwarzen-Viertel lernt der kleine Elvis Blues und Gospel kennen. Feiner Kniff des Regisseurs, die Nähe von Blues und Gospel bildlich durch die räumliche Nähe von Juke Joint und Zeltgottesdienst darzustellen. Und beides fasziniert Elvis. Die laszive, körperlich befreiende Kraft des Blues (hier singt Gary Clark Jr. als Arthur Crudup) und die spirituelle Ekstase im Gospel-Gottesdienst. Wenn dort auch noch „I’ll Fly Away“ gesungen wird, das ja auch von den Weißen als Country-Gospel gesungen wird, dann wird endgültig klar, wie durch die Vermischung von weißen und schwarzen musikalischen Traditionen der Rock’n’Roll geboren wurde. Und nebenbei wird klar, dass Erweckungsgottesdienste und religiöse Ekstase der Südstaatenkirchen, der Baptisten und der Pfingstler, ebenfalls Wurzeln des Rock’n’Roll sind.
Man muss sich zurecht über Dylans kurzzeitig evangelikales Weltbild mokieren, aber die Bedeutung des Gospels für den Rock’n’Roll und für die weitere Entwicklung der amerikanischen Populärmusik hat er wie kaum ein anderer Rockmusiker verstanden und propagiert. Diese Bedeutung des Gospels zu leugnen und sich von dieser Musik genervt zu fühlen – so wie Teile des Publikums und der Medien – ist meines Erachtens nach genauso borniert wie Dylans vorübergehendes evangelikales Weltbild.
So haben die bundesdeutschen Medien bei Dylans Deutschland-Tour 1981 ihr absolutes Unverständnis gegenüber der Historie der amerikanischen Populärmusik offenbart. Ohne Gospel und Südstaatenkirchen kein Rock’n’Roll! Doch davon wollte damals die deutsche Presse nichts wissen. So schlimm Dylans christlich-fundamentalistische Predigten in den Jahren 1979 und 1980 inhaltlich auch waren, so musikhistorisch wichtig war seine damalige Beschäftigung mit den christlichen und afroamerikanischen Wurzeln der amerikanischen Populärmusik. Und diese afroamerikanischen christlichen Kirchen wiederum waren eine ganz wichtige Wurzel der alten Bürgerrechtsbewegung. Gesellschaftlich waren viele schwarze Gemeinden stockkonservativ. Aber sie vereinigten sich dennoch hinter Martin Luther Kings Postulat der Rassengleichheit. Manchmal sind die Zusammenhänge dann doch komplexer und widersprüchlicher, als einem lieb ist.
Wieder einmal der Zeit voraus
Was von der christlichen Erweckung blieb, war seine Mission für den Gospel. Doch die Zeit schien für das Gospelding noch nicht reif zu sein. Zumal er ja gerade erst mit dem religiösen Missionieren aufgehört hatte. Dylan überforderte hier sein Publikum. Natürlich sangen auch Mavis Staples oder Joan Baez Gospels und waren beim linksliberalen Publikum anerkannt. Aber Dylan stellte die explizit christliche Musik und ihre Protagonisten auf seiner Bühne ins Schaufenster. Und das kompromisslos, ohne die heilige Botschaft zu verwässern. Das waren nicht die auch in Europa im Zuge der Bürgerrechtsbewegung bekannten Gospels mit den Codes gegen die Sklaverei. Diese Gospels waren eindeutig religiöser Natur. Erst einige Jahre später sollte im Zuge der Herausbildung des Übergenres „Americana“ auch der Gospel als eine der Wurzeln des Rock’n’Roll Anerkennung finden. Dylan war wieder einmal seiner Zeit voraus und erntete deswegen Kritik, wie so oft in seiner Karriere.
Thomas Waldherr
Thomas Waldherrs neues Buch „In The Summertime. Bob Dylan 1981: Umbrüche, Ausflüge und Anfänge. Ein politisch-popkulturelles Essay“ erscheint Anfang Mai im Verlag truth and lies press. http://www.truthandliespress.jimdofree.com
Termine Lesung Thomas Waldherr In the Summertime:
Donnerstag, 7. Mai – Bensheim, PiPaPo-Kellertheater – mit Martin Grieben
Montag, 11. Mai – Ravensburg, Hörbar – mit Günter Ramsauer & Michael Moravek
Samstag, 16. Mai – Leipzig, Mühlkeller – mit Richard Limbert
Dienstag, 19. Mai – Seeheim-Jugenheim, Buchhandlung Zabel – mit Dan Dietrich
Samstag, 23. Mai – Eisenach, Jazzclub Alte Mälzerei – mit Richard Limbert
Donnerstag, 28. Mai – Darmstadt, Bessunger Knabenschule – All-Star-Band beim Bob Dylan-Tribute