
Ein Interview mit Christian Rannenberg vom Oktober 2025. Geführt in Hasbergen am 8.10.2025. Von Richard Limbert.
RL: Chris, du bist ein Pianist für den Blues. Kannst du ein bisschen erzählen, wie du überhaupt zum Piano gekommen bist?
CR: Das hatte mich als Kind schon fasziniert, dieses Instrument. Ich habe mich schon als Vorschulkind verliebt in dieses Teil. Ich hatte eine Kindergärtnerin bei der ich als Kleinkind im Kindergarten war. Die hatte so ein Ding zu Hause, das wollte ich unbedingt haben. Hat lange gedauert bis ich meine Eltern überredet habe eins zu kaufen. Als ich dann zehn Jahre alt war, kriegten wir eins zu Hause.
RL: Und wie musikalisch war dein Elternhaus?
CR: Durchschnittlich. Meine Mutter war große Musikliebhaberin, spielte selbst ein bisschen Klavier und Blockflöte und all sowas. Ich wurde als Kind immer in Opernaufführungen geschleppt und so, da hat man mir dann versucht die klassische Muse nahezubringen. Das hat mich eigentlich eher gelangweilt.
RL: Wann kam der erste Kontakt mit allem das swingt und jazzt?
CR: Das muss so um 1970 herum gewesen sein. Das war eine ganze bunte Mischung. Ella Fitzgerald hat mich sehr beeindruckt damals mit I’ll Never Fall in Love Again, das Burt Bacharach-Lied. Dann kam Janis Joplin, die hat mich immens beeindruckt und Aretha Franklin. Alles Sängerinnen ursprünglich.
(New Town Shuffle, aus seinem Soloalbum Old School Blues Piano Stylings von 2017):
RL: In den 70ern hast du auch die Blues Company mitgegründet?
CR: Ja ja. 1975 muss das gewesen sein. Also richtig auf der Landkarte waren wir 1976. Aber die Gründung der Blues Company geht auf 1975 zurück. Ich hatte Tosho (Todor Todorovic) im Jazzkeller im Haus der Jugend getroffen. Es gab hier in Osnabrück einen Jazzclub, der nannte sich Park-Lane-Jazz-Club. Park-Lane nach der Parkstraße, weil da früher das Vereinslokal war. Später hatten die dann einen Kellerraum im Haus der Jugend. Und Tosho, der Gitarrist, hatte mich da unten ein bisschen spielen gehört. Der hatte immer eine Liebe zum Blues und hat gefragt, ob wir nicht zusammen eine Band aufmachen wollten. Dann ist diese erst unter meinem Namen gelaufen, unter Christian Rannenbergs Blues Band. Aber das ließ sich nicht durchhalten, weil die Leute immer Tosho mit Christian angeredet haben. Da war Tosho dann uneitel genug, um das nicht in Toshos Blues Band umzubenennen. Die gab es dann später auch, aber das ist eine andere Geschichte. Wir haben dann aber einen neutralen Namen gesucht und gefunden. Das war dann Blues Company.
RL: Ihr habt dann mit der Blues Company auch Alben rausgebracht oder war das nur eine Live Formation?
CR: Auf den frühen Alben bin ich nicht dabei. Das erste Album wurde nämlich aufgenommen, da war ich schon weg aus der Band. Ich habe dann später auf zwei, drei Sachen die Tosho aufgenommen hat Klavier gespielt. Damals als ich Bandmitglied war, gab es aber noch keine LP von uns.

RL: Gab es da schon andere deutsche Bluesbands, wie das Dritte Ohr und sowas?
CR: Ja, das kam alles irgendwie gleichzeitig. Das Dritte Ohr und die Frankfurt City Blues Band, dann gab es die Pee Wee Bluesgang aus Iserlohn und dann gab es die Mojo Blues Band in Wien. Das waren so die Bands, die es damals in der Zeit gab.
RL: Ich wollte da ursprünglich später draufkommen, aber schon spannend, dass da irgendwie viel Norddeutschland mit dabei ist.
CR: Hildesheim und Osnabrück natürlich. Aber mehr Norddeutschland war nicht.
RL: Dann bist du in den frühen 80ern nach Chicago gegangen.
CR: 1982, ja.
RL: Dann richtig in die South Side?
CR: Ich habe auf der North Side gelebt. Und zwar oberhalb des Clubs Kingston Mines. Da oben drüber waren zwei Etagen und da bin ich dann irgendwann eingezogen. Zusammen mit Gary Wiggings, den ich da kennengelernt habe. Oben wohnte Lavelle White unter anderem und eine ganze Menge anderer Leute. Das fluktuierte sehr stark. Die Wohnung war quasi illegal besetzt. Da war jemand namens Benjamin Turner, der eigentlich von Doc – Doc (Lenin „Doc“ Pellegrino) war der Inhaber der Kingston Mines – beauftragt wurde das Haus zu renovieren. Er ist da oben einfach eingezogen und hat dann Zimmer untervermietet an Kollegen wie uns. Wir zahlten ihm immer dann das, was wir übrig hatten. Das war so die Abmachung.
RL: Wie kam es prinzipiell zu dem Schluss nach Chicago zu ziehen?
CR: Weil ich hier mit Eddy Clearwater auf Tournee gewesen war. Ich war gerade in einer Sackgasse was mein Leben betrifft und spielte schon lange mit dem Gedanken doch mal da hinzugehen, wo die Musik, die ich so liebe, herkommt. Ich hatte mit Eddy gespielt und war in Leverkusen beim Jazzfestival, da trat auch Otis Rush auf. Der hatte keinen Pianisten und mich beim Soundheck gleich engagiert mit ihm zu spielen. Eddy hat mir da schon angeboten, wenn ich nach Chicago käme, könnte ich erstmal bei ihm unterkommen. Als Otis Rush mich dann engagiert hat, dachte ich mir ‚Ja. Okay. Wenn der mich als Pianisten haben will, habe ich vielleicht ’ne Chance. Dann gehst du mal nach Chicago‘. Und so ist dass dann passiert.
RL: Und wie war das so in Chicago zu leben und dort zu arbeiten? Du warst bestimmt einer von nur wenigen deutschen Bluesmusikern, die dort Klavier gespielt haben.
CR: Ich war der einzige deutsche Bluesmusiker, der da arbeitete. Ja, das hat Spaß gemacht. Ich habe da auf der North Side gelebt, weil da zwei Blues Clubs gegenüber waren. Da war erst das B.L.U.E.S. auf einer Straßenseite und eben Kingston Mines, über dem ich wohnte und habe dann auf der West Side gespielt, auf der South Side, überall. Spielgelegenheiten gab es en Masse. Und das war eben sehr praktisch, da die Kingston Mines bis morgens um vier offen hatten. Wenn die anderen Läden schon alle zu hatten, kamen die alle noch dahin und trafen sich da. Dort wurden dann auch die Bands zusammengestellt für die nächsten Wochen, denn feste Blues Bands gab es kaum in Chicago. Das waren meistens Bandleader, die wenn sie einen Job hatten sich die Musiker zusammensuchten, die sie brauchen konnten. Da war ich dann immer sichtbar und habe immer einen Job bekommen. Das war meine Jobbörse.
R: Gab es da die Möglichkeit jeden Abend irgendwo live zu spielen?
CR: Im Prinzip schon, ja sicher. Ich habe nicht jeden Abend gespielt, aber es war schon möglich.
RL: Dann meistens gegen feste Gage, oder gegen Hut?
CR: In den USA gab es immer Trinkgeld. Da war immer so eine Tip Jar, also ein Trinkgeldkrug, auf dem Klavier oder auf der Bühne. Aber es gab immer auch eine kleine Festgage. 30 bis 50 Dollar war das damals. Im Ghetto dann 30 Dollar und da, wo es etwas feiner und weißer war, da gab’s auch mal 50 Dollar. Über 50 Dollar gab es in der Stadt aber eigentlich nirgendwo.
(How Long Blues, aus seinem Soloalbum Blues von 1997):
RL: Ich habe gelesen, du hast auch mit dem Bluesgitarristen Jimmy Rogers zusammen Musik gemacht. War das auch in Chicago?
CR: In Chicago direkt habe ich mit Jimmy nie gespielt. Wir sind zusammen aus Chicago rausgefahren um zum Beispiel in Nashville zu spielen. Auch in St. Paul, Minnesota haben wir gespielt und waren acht Wochen unterwegs in Kanada. Da haben wir angefangen in Saskatoon, dann nach Edmonton, dann nach Fort McMurray und Prince George.
RL: Vor den 80er Jahren hast du den Blues nicht außerhalb Europas gespielt soweit ich weiß, oder?
CR: Ne. Also wir waren schon in Holland unterwegs damals. Also wir haben im benachbarten Ausland gespielt: Niederlande und die Schweiz zum Beispiel.
RL: Und würdest du sagen, es war eine andere Art den Blues in den USA zu spielen als in Europa?
CR: Natürlich! Das ist eine ganz andere Musikkultur.
RL: Wie zeigt sich das?
CR: Der Blues wird in den USA als gegeben wahrgenommen. Es ist nichts besonderes. Das war in Europa in der Zeit als ich mit Blues sozialisiert wurde ein bisschen anders, weil die Leute hier konzertant in die Konzerte gingen. Ganz wie im Theater mit Sitzreihen und da wurde nicht getanzt. In den USA ist mir aufgefallen: es wird nicht applaudiert aber es wird getanzt. Und wenn man sein Wohlgefallen an der Musik äußern will, dann tut man das mitten im Stück. Also wenn gerade irgendwas passiert, das man toll findet.
RL: Die Deutschen sind ja auch dafür bekannt ihre Kultur in feine Kästchen zu packen. Nach dem Motto ‚Der spielt Jazz aber hat vom Blues keine Ahnung‘. Ist das in den USA anders oder sind da die Genregrenzen ähnlich wie hier?

CR: Das ist schon anders. Aber die Blues-Leute, wie meinetwegen Eddie Taylor, die beschweren sich darüber, wenn man Blues mit Jazz vermischt. Das mochten die richtigen Blues-Leute nicht. Big Mama Thornton mochte das auch nicht. Sie stand auf der Bühne und spielte mit Clark Terry und solchen Leuten, die begleiteten sie. Und dann ging sie von der Bühne und sagte ‚Jetzt spielen sie Jazz, da habe ich nichts verloren auf der Bühne‘. Und Eddie Taylor spielte Country-Musik und er spielte Blues. Er ist natürlich hauptsächlich als Bluesgitarrist bekannt, aber er spielte im privaten Kreise auch Country.
RL: War das etwas das öfter vorkam bei den Bluesern? Dass sie auch Country gespielt haben?
CR: Ja ja. Natürlich. Das ist ja die selbe Welt. Aber Jazz, das ist eben die intellektuellere Musik. Aber während die meisten richtigen Jazzer in den USA einen starken Blues-Bezug haben, ist das in Europa eben nicht so. So Leute wie Eddie Taylor: ich weiß, einmal da hörten wir uns Jimmy Johnson an. Eddie Taylor stand da und hat sehr darüber hergezogen, Jimmy Johnson würde Blues mit Jazz vermischen. Tat er natürlich gar nicht, aber er wollte damit einfach sein Unbehagen an dieser Musik zum Ausdruck bringen.
RL: Ich habe von unserem gemeinsamen Freund Peter Göbbels den Tipp bekommen, dich nach Big Jay McNeely zu fragen. Was war das für einer? Ich habe ihn vorher gegoogelt und kannte ihn bislang nicht. Was sind da deine Erinnerungen?
CR: Das waren so viele Sachen, die da passiert sind. Ich war ja mit Gary Wiggins unterwegs. Der spielte Saxophon. In Chicago haben wir uns zu einem Duo zusammengeschlossen. Nannte sich dann International Blues Duo. Gary stand in der Tradition der Saxophonisten der Generation vor ihm. Und Big Jay hat er in Europa kennengelernt. Big Jay war damals auf Tour mit der Mojo Blues Band und Axel Zwingenberger. Da sind wir hin und kamen mit Big Jay ins Gespräch und da hat sich sofort eine Zusammenarbeit ergeben. Big Jay kann man als Erfinder des Rock’n’Roll bezeichnen. Diese Shuffles, bei denen das Schlagzeug einen Backbeat spielt und das Saxophon drückt meistens auf einem Ton herum. Bevor die Gitarre im Rock’n’Roll Überhand nahm, war das Rock’n’Roll in den späten 40er Jahren. Weswegen Jay auch mit Gitarristen große Probleme hatte. Weil plötzlich die Gitarristen berühmt wurden. Bis dahin war das alles Saxophon-Musik. Auf einmal wurde das Gitarren-Musik! Das hat er den Gitarristen übel genommen, er mochte keine Gitarristen.

RL: Im Jump Blues waren Saxophone ganz vorne mit dabei. In Deutschland hat Max Greger die Rolle dann übernommen.
CR: Max Greger war ja ein Earl Bostic-Klon. Bloß, dass er eben nicht so gut war wie Earl Bostic. Earl Bostic konnte ja richtig, richtig Saxophon spielen. Er muss technisch überhaupt einer der besten Saxophonisten gewesen sein der je gelebt hat.
RL: Von Earl Bostic muss ich mir noch einiges anhören. Wie lange hast du dann in den USA gelebt?
CR: Also in Chicago war ich ziemlich genau ein Jahr. Dann bin ich mit Gary zusammen erst nach Schweden, der war mit Lefty Dizz auf Schweden-Tournee und da sind wir mitgefahren und sind da geblieben. Dann wollten wir Europa unsicher machen. Das war dann auch das, das wir sieben oder acht Jahre lang gemacht haben.
RL: Du bist dann auch irgendwann nach Kalifornien gezogen?
CR: Ja, das bin ich dann nachdem wir sieben Jahre herumgereist sind und wir uns in dieser Zeit irgendwann heillos zerstritten haben. Da musste ich dann so viel Wasser zwischen meinen ehemaligen Partner und mich packen, wie es nur irgendwie geht und bin nach Kalifornien. Ich habe Johnny Heartsman kennengelernt und der hat mir dann auch wie Eddy Clearwater erstmal angeboten bei ihm in Sacramento unterzukommen, also der Hauptstadt von Kalifornien.
RL: Und da hast du dann auch weiter von deinen Konzerten gelebt?
CR: Ja genau.
RL: Und du hast auch in Europa immer von deinen Konzerten leben können?
CR: Ja, ich habe immer davon gelebt, dass ich Klavier gespielt habe. Ich habe nie unterrichtet. Ich habe da Zwischendurch mal Geld von der GEMA bekommen, weil ich natürlich bei meinen Livekonzerten sehr viele eigene Stücke spiele. Aber irgendwann wurde das so anstrengend mit der GEMA, weil die da Kontrolleure rumschicken und Unregelmäßigkeiten nachweisen, weil ich nie weiß, was ich am Ende eines Abends eigentlich gespielt habe.
RL: Das finde ich auch echt ein Unding. Ich kenne das von mir als Musiker: Wenn ich einen Raum betrete, schaue ich mir erst mal das Publikum an und gucke wie alle drauf sind. Und das hat einen großen Einfluss darauf, was ich an dem Abend eigentlich spiele.
CR: Genau. Ich habe jetzt eine Passepartout-Setliste von 16 Stücken, alles Willie Dixon-Kompositionen. Von denen spiele ich keine einzige, aber das kriegt die GEMA jetzt als Songliste von mir.
RL: (lacht) Darf ich das so abdrucken?
CR: Das darfst du so abdrucken. Denn auf diese Weise gehen die paar Pfennig Tantiemen die es da gibt an die Blues Heaven Foundation von Willie Dixon und das halte ich für einen guten Zweck, da ist das Geld gut aufgehoben. Der macht keine Blues-Awards oder sowas. Der kümmert sich auf eine andere Art und Weise um Blues und das unterstütze ich.
RL: Du bist ja bis heute noch ein sehr aktiver Musiker und wurdest auch bestimmt über die etwas mehr als 50 Jahre, die du schon Musik machst, auf diverse Plattenproduktionen als Musiker eingeladen und warst der, den man fragt wenn es darum geht, ein Boogie Woogie oder Blues-Piano einzuspielen.
CR: Eher Blues-Piano. Bei Boogie Woogie-Klavier gibt es da schon viele andere, die das auch besser machen als ich. Ich bin ja kein Boogie-Pianist in dem Sinne.
RL: Hast du einen Überblick auf wie vielen Produktionen du mitgespielt hast?
CR: Ne, keine Ahnung. Habe ich nicht gezählt. Aber nicht so viel wie man eigentlich denkt, glaube ich. Peter Göbbels hat da für mein Buch eine ganze Menge Sachen zusammengesucht. Immer wieder tauchen noch neue Sachen auf, nach dem Motto ‚Oh ja. Das habe ich ganz vergessen. Das wusste ich nicht mehr‘.
(God Bless the Child, aus seinem Soloalbum Old School Blues Piano Stylings von 2017):
RL: Ich freue mich auch sehr. Geplant ist ja, dass 2026 deine Biografie herauskommt.
CR: Die haben wir schon geschrieben. Jetzt ist sie gerade im Lektorat. Jetzt kommt es bloß darauf an die Bilder und Fußnoten einzufügen wenn wir es lektoriert haben.
RL: Und dann können wir die Erinnerungen eines deutschen Blues-Pianisten selber lesen.
CR: Ja. Da hat sich Peter sehr viel Mühe mit gemacht. Er fuhr da immer hierher und wir haben dann hier gesessen. So wie jetzt hier mit Diktiergerät. Und ich musste erzählen, erzählen, erzählen. Und Peter hat sich jedes Mal die Mühe gemacht und hat das dann aufgeschrieben.
RL: Das ist eine Menge Arbeit! Und es wird dazu noch lektoriert von Klaus Mojo Kilian. Es ist also selbst im Lektorat viel Blues mit dabei.
CR: Klaus ist ja Lektor von Beruf. Das passt sehr gut, weil er erstens professionell den Job kennt und zweitens von der Musik, also vom Thema, Ahnung hat. Er kann also inhaltliche Inkorrektheiten ansprechen und wir können das dann gemeinsam korrigieren.
RL: Sehr schön! Dann freue ich mich sehr darauf das Buch 2026 in meinen Händen halten zu können, wir werden da viel über den Blues lesen. Vielen Dank, Chris, für dieses Interview.
CR: Bitte sehr.