Der Soundtrack zu A Complete Unknown, oder: How does it Feel?

von Richard Limbert

Ende 2024 kam nicht nur der hervorragende Dylan-Biopic A Complete Unknown in die US-Kinos. Auch der passende Soundtrack wurde veröffentlicht. Der Film zeigt wunderbar Bob Dylan als Akteur in einem Netzwerk aus verschiedenen stilistischen Einflüssen und anderen Akteuren und Akteurinnen, aber er hat auch eine Art gefunden, einen Filmsoundtrack nicht nur aus Versatzstücken zu liefern, wie Bob Dylan-Songs im Original oder diverse Cover einzelner Dylan-Songs (wie I’m Not There das 2007 schon gut vorgemacht hat). Hier singt und spielt der Bob Dylan-Darsteller Timothée Chalamet das meiste tatsächlich live direkt vor der Kamera. Was für eine Wonne! Als Musiker muss man sich endlich nicht mehr durch Szenen quälen, in denen die Schauspieler so tun, als würden sie Gitarre spielen und selbst singen. Hier nimmt man endlich ganz authentisch das war, um das es in diesem Film ja eigentlich geht: um Musik. Und Bob Dylan als Musiker zu sehen, ist der einzig richtige Weg. Um Dylan zu verstehen muss man ihn als Kind seiner Zeit und neugieriger Artist zu sehen anstatt als mysteriöser Prophet.

Die Entscheidung, so viel spontan entstehendes in einer Soundtrackproduktion zu haben war sicher keine leichte. Filme sind von Natur aus chaotische Monster und jeder Schritt der ungeplant ist, kann zum Fiasko ausarten. Hier haben der Regisseur des Filmes James Mangold und Sound Engineer Nick Baxter einen Soundtrack produziert, der auf alle Fälle etwas besonderes ist. Baxter hat vorher schon bei den Soundtracks für La La Land und Babylon mitgearbeitet und konnte jetzt als Produzent einsteigen. Für die Performance im Film hat sich Chalamet während der Covid-Pandemie (als die Produktion des Filmes zum Erliegen kam) das Gitarrespielen, Singen und die Mundharmonika noch etwas besser beigebracht. Dabei hat er bereits davor schon diverse Titel eingesungen. Als es mit dem Film dann vorwärts ging kam die Idee von ihm, doch alles live einzuspielen. Das Team hat aus den Aufnahmesessions richtige kleine Nachbildungen von Aufnahmesituationen Mitte der 60er Jahre gemacht. Historische Mikrofone wurden eingesetzt und auf Monitoring verzichtet. Der Sound sollte live im Studio entstehen. Der Clou dabei: die Songs sind in der Regel keine vollen Versionen sondern verkürzte Varianten, die aber dafür soundtechnisch mit Liebe zum Detail ausgearbeitet wurden. Dabei waren 23 Tracks. Hier einige Beispiele und meine Meinung dazu:

Highway 61 Revisited

Hier hört man rein und ist sofort drin im Jahr 1965. Mit der charakteristischen Sirenen-Pfeife ist bereits alles gesagt. Es klingt schon sehr ähnlich zum Original. Und man muss prinzipiell sagen, dass ich bei vielen Aufnahmen im Intro kaum unterscheiden kann, ob es jetzt die Dylan-Aufnahme ist, oder der A Complete Unknown Sountrack ist, den ich da höre. Ich habe meist beide Aufnahmen auf meinem MP3-Player und weiß beim Shuffeln oft nicht, was da jetzt aus den Kopfhörern kommt. Hier hat Baxter noch etwas Gitarre beigesteuert. Chalamet singt schon ziemlich Dylan-mäßig, aber es ist keine schnöde Imitation, auch wenn es manchmal gefährlich nah an sowas rankommt. Von der Band stimmt einfach alles. Selbst das an sich recht improvisiert scheinende kleine Gitarrensolo am Ende ist quasi Note für Note aus der Dylan-Aufnahme abgespielt. Da war schon der Sinn fürs Detail da und zeigt den Weg des restlichen Albums.

I was Young When I Left Home

Ein Stück, das im Film eine nahezu magische Anziehungskraft hat. In dieser Szene erlebt Joan Baez (gespielt von Monica Barbaro) zum ersten mal Bob Dylan, wie er nach ihr im Folk-Club Gerde’s Folk City in Greenwich Village etwas schüchtern auf die Bühne kommt. Sie dreht sich um und sieht, wie der junge Dylan da dieses nostalgische Lied spielt, ganz high lonesome, man könnte eine Stecknadel fallen hören. Im Film sieht es tatsächlich so aus, als würde Chalamet hier das schöne Fingerpicking selbst spielen. Die Albumversion klingt eigentlich 1 zu 1 wie die im Film und trotzdem wird Nick Baxter hier in den Liner Notes das Gitarrenspiel zugeschrieben. Die Performance ist aber atemberaubend. Es ist nicht leicht, so ganz ohne Karikatur Bob Dylan mit so einem intimen, stillen Song irgendwie nachzuahmen. Ein Song, den ich im Vorfeld auch nur flüchtig durch die Bootleg Series kannte. Der junge Dylan spielt es im Original auch absolut herzzerreißend.

Girl From the North Country

Mal etwas neues: Bob Dylan hat Anfang und Mitte der 60er Jahre diesen Song nie im Duo aufgenommen oder gespielt. Es bietet sich natürlich an, denn die Liebesballade über scheidenden Partner kann auch als Dialog gesehen werden (wie es ja beim Schwesternsong Boots of Spanish Leather der Fall ist). Auch wenn der junge Dylan den Song perfekt hätte mit Joan Baez singen können, er hat es nicht getan. Genau so ist es übrigens auch bei Don’t Think Twice, It’s All Right, das im Soundtrack auch zum Duett wird. Und deshalb ist es besonders reizvoll hier in ein musikalisches Alternativuniversum zu spähen und Chalamet gemeinsam mit Monica Barbaro in einer verkürzten Version diesen Liebessong singt. Eine schöne Version, die irgendwie auch die Duo-Version mit Johnny Cash von 1969 assoziieren lässt.

Wimoweh (Mbube)

Man hat gesagt, Edward Norton habe sich für die Dreharbeiten zu A Complete Unknown das Banjospielen beigebracht. Ob und wie viel er da selbst Banjo spielt, sei dahingestellt (wahrscheinlich ist das hier Matt Menefee am Banjo, den man hört). Auf jeden Fall ist er für den Film glaubhaft zu Pete Seeger geworden, ohne zum Abziehbildchen zu werden. Und das ist nicht einfach. Ich bin sehr froh, dass der Film nicht vor 10 oder 15 Jahren erschienen ist, da hätte man Seeger vielleicht noch als verknöcherten Konservativen der Folk-Szene präsentiert. Hier ist er aber ein progressiver Planer und Macher-Typ. Wie Norton hier in der Aufnahme von Wimoweh das Publikum anleitet lässt schon sehr gut den Geist Seeger aufleben, wenn er mit „Right on time and fine as wine“ den Chor der Zuhörer lobt. Mit knapp unter zwei Minuten ist der Track wirklich nur ein kurzer Ausflug in die Welt von Pete Seeger, aber zeigt doch gut, mit wie viel Liebe zum Detail der Film produziert wurde.

Folsom Prison Blues

Es ist schon ein bisschen schade, dass James Mangold Johnny Cash nicht hat von Joaquin Phoenix spielen lassen, wie in seinem Johnny Cash Biopic Walk the Line. Aber Boyd Holbrook spielt Johnny Cash nicht nur super als hemdsärmligen, anarchistischen und zugedröhnten Motivator, er singt den Cash auch gut. In dieser Aufnahme vielleicht ein bisschen zu punkig und auf Bad Boy gemacht, aber überzeugend. Auf jeden Fall ist der Country-Twang hier nicht nur Klischee.

Subterranean Homesick Blues

Hier ist die Aufnahme einer der prägenden Stücke der elektrifizierten Dylan-Phase Mitte der 60er Jahre wieder schön mit Live-Atmosphäre eingespielt, die man fast greifen kann. Der Sound ist aber nicht ganz so nah am Original wie bei den anderen Aufnahmen. Man hat hier aber das Gefühl, Timothee Chalamet vielleicht ein bisschen näher zu kommen und kann den Titel so auf eine andere Art genießen. Ein bisschen Chalamet als Person muss ja auch mal sein.

When the Ship Comes In

Einer der schönsten Songs, die Bob Dylan vor seiner Folk-Rock-Phase geschrieben hat. Aus jugendlicher Rebellion wird eine Traum-Sequenz, die stark an die Seeräuberjenny aus der Dreigroschenoper erinnert. Die Piraten werden zu Befreiern die mit ihren Schiffen an Land kommen und die alte, langweilige Garde aufmischen. Hier hat man wieder ein spannendes Duo vor sich: Chalamet als Dylan singt und spielt hier zusammen mit Edward Norton als Seeger. Im Film ist das im Kontext einer Hausparty auf der Couch der Gastgeber passiert, in Wirklichkeit wahrscheinlich nie. Es ist aber hier wieder ein schönes Beispiel für eine symbolische Zusammenkunft. Dieses Stück könnte auch aus der Feder von Pete Seeger stammen, oder zumindest kann man sich vorstellen, dass Seeger etwas für den Song übrig hatte. Er passt mit seiner Message vom Überkommen der alten Muster super zum Repertoire von Pete Seeger. Hier auch nur fiktiv Dylan und Seeger den Song Seite an Seite spielen zu lassen, bei der Gelegenheit sich beide in den Strophen abwechseln und Dylans Gitarre strummt, während Seeger Banjo zupft, ist wirklich super.

It Ain’t Me Babe

Hier hat man eine Paarung, die es auf den Bühnen der 60er wirklich oft gab: Dylan und Baez (Chalamet und Barbaro) singen It Ain’t Me, Babe im Duett und wahrscheinlich jeweils über sich selbst während ihr Gesang mit den sehr verschiedenen Klangfarben jeweils wie bedruckte Folien übereinander liegen und etwas ganz neues schaffen. Hier hört man eine schöne akustische Duo Version, ähnlich wie man sie auf der Bootleg-Series Vol. 6, Live 1964 findet. Hier in der Hollywood-Manier nur etwas aufgeräumter und eben aus dem Studio. So was gab es bisher auch nicht und macht es vielleicht etwas besser zugänglich für Neulinge in der Dylan-Welt.

Like A Rolling Stone

In der ersten Sekunde hat man wieder bei den ersten Tönen große Schwierigkeiten zwischen Vorlage und Bearbeitung zu unterscheiden. Selbst der charakteristische Snare-Hit zu Beginn des Songs klingt täuschend ähnlich wie der von 1965. Hier hatte Chalamet sicherlich großen Spaß beim Einsingen, der ganze Vibe der Aufnahme wirkt ziemlich spaßig und locker. Echt cool, wie man den 6-Minuten-Brecher von Song auf etwas über 3 Minuten bringen kann und er trotzdem nichts von seiner Anziehungskraft verliert. Als Seele, die dem Song im Original wirklich Leben eingehaucht hat kann man Mike Bloomfields schreiende Solo E-Gitarre nennen. Bloomfield war ein absolut virtuoser Ausnahmegitarrist. Da ist es hier besonders schön zu hören, dass der Gitarrist in dieser Aufnahme nicht nur 1 zu 1 Bloomfield kopiert, sondern sich inspirieren lässt. Die Gitarre klingt zwar sehr ähnlich, aber jeder kleine Fill ist doch einen Ticken anders als in der Vorlage. Das macht den Song irgendwie sympathischer und irgendwie fühlt man dabei mehr.

Song to Woody

Der erste Song, den man Dylan im Film spielen hört ist der letzte auf dem Soundtrack. Und das zurecht: um Woody Guthrie und Dylans Beziehung zu ihm dreht sich im Grunde der ganze Film. Symbolisch ist Seeger am Krankenbett Guthries der, der Dylan empfängt aber Dylan geht schnell seine eigenen Weg ohne dabei Woody wirklich den Rücken zu kehren. Es bleibt ein kompliziertes Verhältnis. Er sing über sein Vorbild Woody Guthrie „Here’s to the hearts and the hands of the men, that come with the dust and are gone with the wind.“ Und so einer ist Dylan auch: er kommt und geht wie es ihm passt und ist immer auf dem Sprung. Der ewige Wandel ist es, der Guthrie schon auszeichnete und Dylan jetzt auszeichnet. Der Wind sollte in den Songs Dylans noch eine große Rolle spielen. Zum Schluss des Filmes ist Dylan wirklich der, der gone with the wind ist, als er mit seinem Triumph Motorrad Guthrie davonfährt. Aber das ist ja schließlich auch der Spirit. Man kann nur bleiben, indem man geht. Hier hat Chalamet wirklich eine gute Art gefunden Dylans sehr frühes, etwas hektische Ragtime- und Piedmont-Blues-artige Gitarre glaubhaft nachzuahmen. Hier ist sie wirklich selbst gespielt und das wahrscheinlich vor laufender Kamera. Der letzte, lang gezogene Ton auf comes ist sehr Dylanesk und seine Hammer-Ons auf dem Griffbrett stammen zwar aus ländlichen Gitarren-Stilen der USA aber sind eben auch ein ganz charakteristischer Teil des frühen Dylans. Ich kaufe Chalamet den Dylan vor 1965 in dieser Aufnahme auf jeden Fall ab und erkenne trotzdem, dass hier ein eigenständiger Künstler vor mir sitzt.

Abschließende Gedanken zum Soundtrack

Für mich ist dieser Soundtrack einer, den ich mir tatsächlich privat immer mal wieder gerne anhöre. Einmal aus purer Freude an der haargenauen Nachbildung des Sounds der Dylan-Tracks bis 1965, aber auch, weil ich die Songs einfach als als gut performt empfinde und keine kalte, technische Studioatmosphäre durchkommt.

Einer der wichtigen (vielleicht sogar der wichtigste) Aspekt von diesem Soundtrack ist einfach gesagt: das Feeling. Wo hat man es sonst, dass nicht nur auf Songauswahl geachtet wird, sondern auf Aufnahmebedingungen, auf den Vibe und das gute Gefühl das die Musiker und Musikerinnen haben? Auf diese Bewegung, den Swing und die Leichtigkeit kommt es gerade bei einem Film über eine derart flexible und minimalistische Musik wie dem Folk an. Niemand kann Musik beschreiben, die so individuell bewegt und dabei selbst so unbewegt bleiben und trotzdem glaubhaft wirken.

Ein Kommentar

Hinterlasse einen Kommentar