von Richard Limbert

Im Vorfeld dieses Artikels positioniere ich mich prinzipiell gegen zu viel Ich-Bezogenheit und Gonzo-Journalismus in Konzertrezensionen. In diesem Text kam ich aber nicht drumherum, sorry.
Davor
Es war ein regnerischer Tag in Thüringen, dieser 8. Oktober. Ich bin aus Eisenach mit der RB20 angereist und habe den Regenschirm stetig aufgespannt. Es schüttet regelrecht. Auch in der Bahn zum Messegelände sehe ich diverse ältere Herren und Damen in Regenponchos. Worüber unterhalten die sich denn? Na über Bob Dylan. Den wollen sie jetzt, so wie ich, in der Messehalle Erfurt live erleben.
Ich freue mich schon seit Monaten auf dieses Konzert. Meine Eltern haben mir sogar als Geburtstagsgeschenk einen Teil des Tickets bezahlt. Zuletzt habe ich Bob Dylan 2019 in Hamburg gesehen. Da war er noch ganz gestriegelt im Anzug mit auf Hochglanz polierten Songs. Ein edler Abend, der durch ein mattes, samtenes Schwarz auszudrücken wäre, hätte ich Synästhesie. Besonders freue ich mich als ich erfahre, dass Bob Dylan als Schlagzeuger Jim Keltner mit nach Europa bringt. Dieser legendäre Sessiondrummer spielte seit den frühen 70ern auf so vielen Alben und Songs. Imagine von John Lennon, All Thing Must Pass von George Harrison, dabei für mich besonders toll: die Alben Sail Away und Good Old Boys von Randy Newman. Und vor allem: er war der, der 1973 bei der Aufnahme von Knockin‘ On Heaven’s Door mit Dylan im Studio am Drumset saß und nach eigenen Angaben dabei Tränen in den Augen hatte, so schön war der Song. Was erwartet mich da heute wohl?
In der Messehalle angekommen sehe ich alte Bekannte: David Lübke habe ich ja für unsere letzte Ausgabe interviewt, er ist mit einer Freundin zusammen vom Schlagzeuger meiner Coverband nach Erfurt mitgenommen worden.
Das Konzert
Die Messehalle ist etwas sehr im Industrial-Style gehalten, aber das hat durchaus Charme.
Die Band beginnt unvermittelt, die Saal-Lichter gehen aus und peng, fangen die Jungs an. Das Schlagzeug dröhnt schon und den Bass hört man auch. Aber der Rest? Die Hälfte der Musikinstrumente ist gar nicht eingestöpselt, die Hälfte der Zuschauer sind noch nicht auf ihren Plätzen. Und das sollte die ersten Songs das Konzert prägen: Leute die mit Taschenlampen im Dunkeln nach ihren Plätzen suchen oder im Gespräch mit den Platzanweisern mitten im Raum stehen.
Es war ein rumpeliger Anfang mit All Along the Watchtower, dann kam eine coole, offene Version von It Ain’t Me, Babe dazu. Eigentlich echt ein gutes Arrangement. Aber der Sound ist da noch schlecht
Man merkt, dass da etwas Nervosität im Raum schwebt. Bob Dylan hat nen Jieper: der alte Mann sucht immer wieder nach den Klaviertasten, springt vom Klavierhocker auf und geht Richtung Band, zu Bühnenmitte, guckt sich da um, und geht wieder zurück zu den Tasten. Aktiv wirkt er auf jeden Fall, aber in der Luft fühlt man einen gewissen Funken bei dem man noch nicht weiß, in welche Flamme der noch ausbrechen kann.

(Ganz konzentriert: Bob Dylan beim Konzert im Jahr 2019, 2024 sah alles ganz anders aus. Von Ralph PH, Quelle: WIkimedia Commons)
Aber Bob Dylan ist auf der anderen Seite auch voll entspannt, cool und lasziv. Bei manchen Songs lehnt er sich wie Marilyn Monroe über den Flügel und zeigt Sex-Appeal. Bei anderen sitzt er breitbeinig auf dem Hocker und singt uns altersweise, und irgendwie fast schon aggressiv an, wie der Kneipenkönig. Zwischendurch sehe ich von meinem hohen Platz aus kaum sein Gesicht, ich sehe aber seine Augen immer wieder hindurchblitzen wie zwei kleine Diamanten. Man hat ein bisschen das Gefühl, am Lagerfeuer mit Bob Dylan und Band zu sitzen, die gerade etwas neues erschaffen. Trotz meiner etwas weit entfernten Plätze.
Tony Garnier spielt den Bass sicher, groovig und murmelig wie immer. Besonders der Kontrabass ist warm, hat wenig Kontur. Die zwei anderen Gitarristen (Bob Britt und Doug Lancio) dienen hier vor allem Bob Dylan. Und der steht heute wirklich im Mittelpunkt. Seine Stimme ist schön gemischt und man versteht sogar die meisten Texte. Seine Mundharmonika kreischt an diesem Abend und Dylan hat richtig Schmackes beim Spielen, so ganz im Augenblick kann ich da aber nicht sein. Prinzipiell denke ich mir bei diesem Abend: ich kann das Konzert irgendwie im Moment nicht so genießen. Die allumfassende Seidendecke von 2019 fehlt hier und so kann ich gut hinter die Fassade gucken. Ich hoffe, das ändert sich noch. Bei Cat Power im August war das anders.
Nur Jim Kelter, auf den ich mich ja außer Dylan am meisten gefreut habe, überzeugt mich in der Band nicht ganz. Er spielt sehr orthodox. Alles hier ist komplett nach dem Musik-Regelwerk eingetrommelt, aber die Spontanität die die restliche Band hat, die fehlt ihm etwas. Und Bob Dylan hat besonders mit Keltner so manches Hühnchen zu rupfen. Ganz im Delirium der Geilheit des Songs will Dylan oft noch ein Mundharmonikasolo in der Coda spielen, noch eine Runde drehen. Da setzt Keltner aber schon zum Ritardando ein und beendet den Song. Dylan schwingt noch mit den Armen und scheint sagen zu wollen „Come on, Jim! Eine Runde kannst du noch“, aber Keltner clashed schon die Becken und würgt ab. Da sieht man hier und da Dylans Augen etwas böse zu Keltner rüberblitzen. Sein Schlagzeug ist dazu etwas zu leise gemischt, gerade die Becken hört man schlecht.
Vom Set her spielt Bob Dylan sein neues Album. Viel davon. Und hier hat er schließlich auch tolles Material. My Own Version of You ist ganz interessant aber weniger catchy als auf dem Album, in Crossing the Rubricron spielt die Band richtig geil. Bob Dylan liefert ein Klaviersolo, das sich gewaschen hat. Wieder einmal kann man sehen, dass er nicht nur Füllstoff liefert in seinen Soli, sondern richtig dynamisch und musikalisch anspruchsvolles Zeug spielen kann. In anderen Konzerten der Tour scheint er Gitarre gespielt zu haben (was mal so, mal so geklappt haben will), in Erfurt bleibt er aber den Tasten treu, hat sogar noch ein E-Piano neben sich stehen, das er 2-3 mal anspielt.
Aber er spielt auch Klassiker: It’s All Over Now Baby Blue hatte so einen Groove, den man nicht vergisst. Es ist mehr ein Gefühl als etwas Messbares. Irgendwie hat sich das Stück bei mir eingebrannt ohne dass ich den Klang fassen kann. Am Ende greift Dylan sogar zur falschen Mundharmonika, was dem Song hier aber keinen Schaden bringt. Desolation Row war cool! Auch kürzer als das Original und mit flottem Rhyhtmus. Der hat hier eher wie eine Vignette gewirkt. Zum Schluss gibt es noch Every Grain of Sand, ganz nachdenklich wie gewohnt. Zwischendrin die düstere Version von To Be Alone With You, die Dylan schon beinahe bellt und Watching the River Flow im Rolling Stones-Schiebe-Groove.
When I Paint My Masterpiece ist integral für diese Show und Bob Dylan seit 2018 im Allgemeinen. Hier in Erfurt ist er Song 5 von 17. Hört euch dazu die Definetly Dylan-Folge an, die den Kern dieser Reinkarnation als Dylans Schlüssel zum Spätwerk hervorragend darstellt.
Im Song ist etwas Grundlegens versteckt: Bob Dylan und das Meisterwerk ist eine schwierige Kombination. Man hat oft den Eindruck dass der Mann seit 60 Jahren etwas darunter leidet, dass ihm beinahe magische Kräfte zugesprochen werden. Als die halbe Welt Blowin In The Wind auf ihren Protestmärschen gesungen hat, hat Dylan sich innerlich wahrscheinlich etwas zerrissen gefühlt. Und was hat das Meisterwerk, dass man ihm so nachjagt? Was macht man mit sich, wenn das Meisterwerk bereits vor Jahrzehnten geschrieben worden ist? Na, man muss das nächste schreiben oder den Gedanken an das Meisterwerk ganz vergessen. Auf jeden Fall ist die Antwort immer die Aktion. Und wenn Bob Dylan sich ausruht, leidet die Musik. Nur wenn man sieht wie er in Bewegung ist, kann er wirklich brillieren. Ich glaube, spätestens seit der durch Covid injizierten Tournee-Pause weiß Bob Dylan, dass er nur eines kann: rollen wie ein Stein. Vielleicht hat die Never Ending Tour auch ein bisschen viel Spiel-Routine in Dylans Leben gebracht. 2019 wirkte er noch ganz aufgeräumt, laut meinem Kollegen Thomas Waldherr waren die Konzerte der Jahre darauf auch schon fast zu perfekt. Hier sieht man aber wirklich einen Dylan in Bewegung. Und das gefällt mir.
Und was sagt das auch aus? Bob Dylan mit seinen 84 Jahren scheint mehr Leitplanken durchbrechen zu wollen, mehr unsichere Sprünge zu wagen, einfach mehr Show zu machen als zum Beispiel Jim Keltner, der kaum ein Jahr Älter ist als Dylan und sein Set sicher und zielgerichtet spielt. Keltner hat wohl eine andere Verbindung zum Meisterwerk. Bob Dylan ist vieles schnell zu langweilig. Und gerade dieses ewige Spielen und nie ganz zufrieden sein macht Bob Dylan für mich aus (wie in diesem Text zu lesen).
Das Nachbeben
Auf dem Rückweg lasse ich ich vom Schlagzeuger meiner Coverband gemeinsam mit David im VW-Bus nach Weimar mitnehmen. Morgen früh habe ich da noch einen Termin. Ich übernachte beim ehemaligen Praktikanten unseres Archivs. Er hat schon vegetarische Lasagne gemacht. Bei Lasagne und Limes-Pilenser erzähle ich ihm ganz frisch vom Konzert, von den bösen Blicken an Jim Keltner und dem wuseligen Publikum. Schließlich überrasche ich mich selbst als ich sage, „Ich fand, der Abend hatte eine schöne chaotische Energie.“
Später im Bett denke ich noch nach. Ich muss an Johan Huizinga und seine Schrift zum Homo Ludens, zum spielenden Menschen, denken. Im Musikwissenschaftsstudium ist der mir öfter über den Weg gelaufen. Nach ihm entwickelt der Mensch seine Kulturellen Fähigkeiten über das Spiel. Der Mensch ist quasi ein ewiger Spieler und kann ein Mitspieler, ein Falschspieler oder dezidierter Nicht-Mitspieler sein. Er agiert aber immer im Kontext des Spiels. In seinem Buch My Back Pages schreibt der Musikautor Siegfried Schmidt-Joos: Bob Dylan ist kein Musiker, er ist Musikant. Bob Dylan ist kein Künstler, er ist Artist. Und ich finde, damit hat er recht.
Tage später denke ich noch oft an diesen Auftritt mit seiner kreischenden Mundharmonika und dem nervösen Bob Dylan, der auf der Bühne hin und herwandert wie der Panther im Käfig oder sich ganz cool über den Flügel lehnt. Der Abend prägt mich nachhaltig, wie bei einer guten Oper. Und das schafft so kein anderer.
[…] Chaos, Sexappeal und Huizinga – Bob Dylan in Erfurt am 8.10.2024 […]
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