Time passes slowly…

von Gisbert Horn

Ich bin trotzdem zu spät gekommen, viel zu spät.

Denn die ersten Worte, die ich aus Dylans Mund hörte, waren „I woke up one morning there were tears in my bed“ – gesungen 1971 im zweitklassigen „George Jackson“. Agitprop, etliche Jahre nach der politisch engagierten Phase. Der Song lief übrigens damals allen Ernstes für kurze Zeit in einer Hitparade des SWR. Wer in der westfälischen Provinz aufwuchs, gerade mal drei oder vier eigene LPs besaß, in der Schule kaum Musik-Gleichgesinnte vorfand, der war hauptsächlich aufs Radio, WDR, HR und eben SWR angewiesen.

Über die Zeiten zurück ein herzlicher Dank an die Musikredakteure!

Agitprop oder vielleicht auch nicht, wurde ich von Dylans Stimme gepackt. Sie war nicht spektakulär, hatte aber etwas, war heiser, der Mann sang/sprach mit Absicht daneben, umkreiste die Töne beiläufig und cool. Das quengelnde Genäsel nistete sich ein. Ich brauchte mehr davon, kaufte eine Best of Dylan. Allein das Piano auf „One of us must know“ war 18 DM wert, eine Offenbarung an Spielfreude (hat Dylan eigentlich mal Rühmendes über Griffin gesagt? Ich weiß es nicht).

(der Autor Gisbert Horn)

Aber würde diese unfassbare Stimme noch einmal aktiv ins musikalische Geschehen eingreifen? Angeblich lebte der Mann doch im familiären Vorruhestand, und von der Isle of Wight wusste ich nichts. So verbrachte ich meine Zeit mit Purple und Zeppelin. Es hätte schlimmer kommen können, auch wenn ich – mitten in der Pubertät – Plants Gekreisch lächerlich pubertär fand.

Es vergingen noch drei „long and wasted years“ bis zum Sonnenaufgang – zu „Blood on the Tracks“:

Early one morning the sun was shining… Jaaa !

Monatelang hörte ich nichts Anderes mehr, versuchte die Texte zu erschließen, denn natürlich lagen sie der Scheibe nicht bei. Man kann den nicht verstehen? Mir war sein Genuschel und Geheisere immer Ansporn, Dylan wurde mein wichtigster Englischlehrer. Er hatte etwas zu sagen, auch wenn ich es nicht sofort verstand. Warum nahm das außer mir kaum jemand wahr? Maybe „because of a simple twist of fate“. Sollten sich die anderen doch auf ewig mit immer langweiliger und lauter werdendem Bluesrock die Gehörgänge zukleben.

Mein erstes Konzert, Westfalenhalle Dortmund, Juni 78, bereitete mir Probleme. Fraglos war’s geile Mucke einer geilen Bigband, angeführt vom glänzend aufgelegten Meister. Leider war ich unterwegs mit linken Politaktivisten. Sie buhten Dylan wegen seiner Las Vegas-Anmutung aus. Was zum Teufel fiel denen ein? Ihn selber freilich schien das – aus mindestens 40 Meter Entfernung betrachtet – nicht besonders zu berühren. Oder blickte der doch etwas erstaunt? Thomas Brasch hat dazu das einzig Richtige gedichtet: Dylans sentimentale und inzwischen arrivierte Fans samt ihren Späthippiemädels waren älter geworden, während er sich mal wieder erneuert hatte. „Younger than that now“, schon mal gehört, ihr Architekten mit Haarausfall?

Andererseits, diese Glitzerklamotten, diese Schubidusängerinnen…und der Sound war ziemlich matschig. Ich war hin und her gerissen, beschloss am Ende halbherzig, Dylans lässige Ignoranz gegenüber bräsigen Erwartungen gut genießen.

Ich habe den Entschluss nicht bereut. Trotz furchtbarer Scheiben in den Achtzigern, trotz desaströser Konzerte (Essener Grugahalle, frühe 90er Jahre, der Mann torkelte besoffen im Bühnenhintergrund herum), trotz einer bis vor wenigen Jahren zerstörten, modulationsfreien Stimme. That voice is shot for good, sagte mir ein Amerikaner mal. Schlimm, aber der hatte recht. Warum hat Dylan nicht mal früher einen HNO- Spezialisten konsultiert?

But I will always be emotionally his. Bei der Stange zu bleiben und sich auf insgesamt mehr als 30 Konzerte zu freuen, das war unter anderem möglich, weil andere Überlebende der 60er Jahre tödlich durchgestylte Shows ablieferten, während His Bobness mit interessanten Neuarrangements und klasse Musikern aufwartete. Hard Times, nicht in New York, aber in Köln, Düsseldorf, Münster, Frankfurt, Mainz…niemandem sonst hätte ich innerlich kopfschüttelnd die Treue gehalten. Halten zu Gnaden, Anbetung liegt mir wohl nicht. Bei aller Dankbarkeit, zeitgleich mit Dylan auf der Welt zu sein (und von Expecting rain mit fantastischen Aufnahmen und lesenswerten Texten versorgt zu werden…).

Immerhin zeigten ihn die Chronicles in alter Form, als coolen, witzigen, Haken schlagenden Writer und alles aufsaugenden Literaturverwerter, der Weltweisheit inhaliert, wo andere nur noch Freundschaftsarmbänder verteilen. Über den Nobelpreis habe ich mich von Herzen gefreut. Dass er selber seine Probleme damit haben würde (oder spielte er schlicht seine Arroganznummer?), war zu erwarten. Ich halte und hielt mich neben „Blonde on Blonde“, „Bringing It All Back Home“ und „Blood on the Tracks“ an sein fantastisches Spätwerk, bekam „Mississippi“ wochenlang nicht aus dem Kopf. „Every step of the way we walk the line, your days are numbered so are mine.” Es blieb das ewige Rätsel des Troubadours: wie kann der „Vortrag“ zu 100 Prozent aus grandiosem Text bestehen, wenn die Musik schon 100 Prozent ausmacht? Oder umgekehrt? Die Gesetze der Mathematik gelten wohl nicht für Genies.

Seine Gigs waren nach der HNO- Behandlung ziemlich gut, fast schon enttäuschend vorhersehbar… Auf den Sinatra Highway revisited hätte ich gern verzichtet, auch auf den Santa Claus…aber was soll’s, der Nikolaus macht halt, was er will.

Vor knapp zwei Jahren, in Krefeld, dachte ich bei einem professionellen und etwas spannungslosen Gig, Dylan habe nun mit Nachlassverwaltung zu horrenden Eintrittspreisen begonnen. Der wird doch nicht nach den unsterblichen „Rough and Rowdy Ways“ kühl absahnen, solange noch jemand sein Handy vor der Show abgibt?

Werde ich für den Kerl, der alles gesehen, alles überlebt hat, sogar sich selbst, der aber schändlicherweise Charlie Sexton und Larry Campbell den Laufpass gegeben hat – werde ich für ihn im Herbst 200 Euro berappen, wo ich doch auf YouTube alles in feinster Qualität hören kann? Sehen kann man ihn bekanntlich auch in der dritten Reihe nur als Schatten in der Nacht, beim immer noch dilettantischen Versuch, Klavier zu spielen. Oder ist’s am Ende doch ein auf alt gestylter Timothy Chalamet? Seit hinter der Bühne der Stones eine Just – in – case – Keith – dies – Band spielte (Ehrenwort!), halte ich nichts für unmöglich. Die Welt will betrogen sein, sagte meine Oma schon lange vor KI.

Derzeit bereite ich mich auf ein Seminar vor, das ich im Herbst an der Rheinischen Hochschule Mönchengladbach leite. Holy moly, wo fange ich an? Wahrscheinlich mit Coplands Hoedown, gefolgt von einem Guthriesong und Hattie Carroll, und dann geht’s im Schweinsgalopp durch die Jahrzehnte, am Ende stehen wahrscheinlich Willie Mc Tell und Cross the Green Mountain. Oder Hard Rain, solo mit Orchester, Mitte der 90er in Japan? Oder das ergreifende Abraham Martin John – Duett mit Clydie King? Oder…oder…oder das Kinderlied aus Usbekistan, das jemand mal gehört haben will?

Ich hoffe, im Seminar werden auch Nerds sein, Verrückte wie ich, bei denen sich viel aufgestaut hat. Wie schön wäre es, die literarische Qualität der Lyrics, der „Chronicles“ und der „outlined epitaphs“ zu vergleichen. Oder zu schauen, ob und wie seine Lyrics die Lyrik weltweit beeinflusst haben. Time will tell. Enttäuschungen werden wohl nicht ausbleiben. Denn wir alten Aficionados tendieren dazu, die Welt immer noch durch die Augen des Herrn zu betrachten, während die Welt sich verändert hat. „The times may be Dylan times…but they are forever changing”. Der Alte wusste es schon, als er jung war.

Ich bin Dylan zwar nie auf dem Fahrrad oder nachts in einem Park begegnet, aber er erschien mir vor Jahren im Traum. „Hi, man, how ya doing, take care. I gotta go”. Und weg war er. Irgendwie war ich enttäuscht und zugleich erleichtert.

So thanx a lot, Mr. Tambourine Man, nur eine Bitte: wenn Du bemerkst, dass sowohl die Reihen der beinharten als auch die Kohorten der kritischen Freunde ausgedünnt sind, staks nicht mehr auf der Bühne herum. Du bist schon lange einer der größten und einflussreichsten Künstler der vergangenen 60 Jahre – and „Forever Young“.

Gisbert Horn, Korschenbroich, Lower Rhine – sometimes watching River Rhine flow

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